Kabarett-Theater

Die Stachelschweine - 65 Jahre und kein bisschen weise

Die Stachelschweine feiern Jubiläum mit ihrem neuen Programm „Deutschland sagt Jein!“. Das Kabarett-Theater setzt auf Altbewährtes – ohne den Anschluss zu verpassen.

Foto: Gunnar Luesch / DMuTphoto/Gunnar Lüsch

Rente mit 65? Nein, die Stachelschweine machen weiter. Das alteingesessene Kabarett-Theater feiert sein Jubiläum mit dem neuen Programm „Deutschland sagt Jein“ im Europa-Center. Wie immer fühlen die gewieften Kabarettisten den Politiker auf den „hohlen“ Zahn bis nichts mehr geht. Und genau da fängt es an, interessant zu werden. Denn die Regierung hat auf jede Misere eine geniale Antwort parat: JEIN! Die Stachelschweine bohren und bohren, bis der Nerv getroffen ist. Schließlich haben sie die längsten Stacheln aller Säugetiere. Und die Stacheln sind scharf! Sehr scharf!

Alles nur Fantasie. In Wahrheit geht der Name der „Stachelschweine“ nicht auf das Säugetier, sondern auf eine Zeitschrift der 1920er-Jahre „Das Stachelschwein“ zurück. Der Herausgeber war der Schriftsteller und Kabarettist Hans Reimann. Begonnen hat alles während des Blockade-Winters im Jahr 1948/49. Die Gründer Rolf Ulrich, Alexander Welbat, Klaus Becker und Joachim Teege traten zuerst unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft Junger Künstler auf und später im Jazzkeller „Badewanne“. Zum ersten Ensemble gesellten sich Günter Pfitzmann, Horst Gabriel und Traudel Dombach, Dorle Hintze und Ilse Margraf.

Satire, die den Zeitgeist trifft

Von der Badewanne zogen die Stachelschweine in den Burgkeller an der Gedächtniskirche um. Das Lokal war von Kriegsschäden schwer gezeichnet und nur mühsam ausgebessert. Das schreckte aber die jungen Kabarettisten nicht ab, sie kämpften für bessere und friedlichere Zeiten. Gekonnt mit Biss und Witz. Wolfgang Gruner stieß zur satirischen Truppe hinzu und noch heute ist sein Name eng mit den Stachelschweinen verbunden. Gemeinsam gingen sie auf die Straße und machten in Schlafanzügen Reklame für sich und ihre Programme.

Nicht nur die Berliner ließen sich mitreißen, besonders als an der Abendkasse „pro Kopp een Knopp“ verlangt wurde. In den Nachkriegsjahren eine willkommene Geste. Die Stachelschweine wurden durch ihre komödiantische Spielfreude und ihre treffsicheren Pointen deutschlandweit populär. Selbst Erich Kästner ließ sich zu den Worten hinreißen: „Liebe Stachelschweine, lasst Euch nie rasieren!“ Mit ihrer Zeitsatire füllten sie den Burgkeller, bis er bröckelte.

Das Ensemble zog um in das Lokal „Ewige Lampe“, heute „Zur Kneipe“, in der Rankestraße. Aber auch dieses Quartier blieb eine Übergangslösung. 1965 erhielten die Stachelschweine , die sich immer wieder neu erfanden, endlich ihr eigenes Theater im Untergeschoss des Europa-Centers. Das hatten sich die einfallsreichen Kabarettisten um Rolf Ulrich auch redlich verdient. Ihr Ruhm wuchs stetig – wie das Wirtschaftswunder. Ihre Programme wurden von Radio- und Fernsehsendern übertragen und sorgten für Furore.

Einige Mitglieder des Kabaretts machten auch eigene Karrieren beim Film und Fernsehen. Das führte zu einem steten Wechsel im Ensemble, der es den Mitgliedern möglich machte, sich immer wieder auf den Zeitgeschmack des Publikums einzustellen. Das waren wohl die besten Zeiten für das Kabarett-Theater.

Loyaler und weltoffener

In den letzten Jahrzehnten änderte sich aber nicht nur die personelle Zusammensetzung der Stachelschweine. Die Berliner Mauer fiel, und alles musste sich neu finden. Die Grenzen wurden fließend. Und auch das Kabarett passte sich dem digitalen Zeitalter an. „Wir sind zwar die Erben von Wolfgang Gruner und führen das Kabarett-Theater in seinem Sinne weiter, aber wir sind loyaler und weltoffener geworden“, bestätigt Charlotte Reeck, die 1989 als Assistentin bei den Stachelschweinen anfing. Sie arbeitete noch bis 2002 eng mit Gruner zusammen.

Heute führt sie die Geschäfte des Unternehmens und weiß, worauf es ankommt. „Wir blicken nicht zurück, sondern vor allen Dingen nach vorn. Wir sind ein politisches Kabarett, das sich auch an schwierige Themen heranwagt. Die Menschen sollen lachen und sich unterhalten können. Das ist unser Ziel“, sagt Reeck.

Bei den Stachelschweinen selbst herrscht nach wie vor eine familiäre Atmosphäre. Charlotte Reeck und das vierköpfige Ensemble setzen auf Altbewährtes, ohne den Anschluss zu verpassen. Schließlich wolle man auch die jungen Zuschauer anwerben. Also: Die Stachelschweine bohren weiter. Etwas flotter, frecher und moderner vielleicht. Mit neuen Leuten und neuen Texten. Dies allerdings auf ihre eigene Art und Weise, sprich unrasiert.

Deutschland sagt Jein!

Premiere am 23. Oktober

Die Stachelschweine

im Europa-Center

Karten unter Telefon

030 261 47 95 sowie

tickets@diestachelschweine.de

www.diestachelschweine.de