Geburtstag

Seit 40 Jahren sorgt das Grips-Theater in Berlin für Aufsehen

Im Jahr 1974 startete „das Grips“ mit einer eigenen Bühne für sein Kinder- und Jugendtheater. Heute beschränkt sich das Repertoire nicht mehr allein auf Themen für die junge Generation.

Foto: Massimo Rodari

Bürgerlichen Kreisen war es anfangs ein Dorn im Auge. Aufsässige Kinder ohne Respekt gegen Erwachsene, fehlende Scheu vor Tabuthemen, sogar eine „kommunistische Indoktrination“ des Nachwuchses fürchteten konservative Politiker. Stücke des Grips-Theaters waren zu Beginn in von der CDU geführten West-Berliner Bezirken verboten.

Dem 1969 mit seinem ersten eigenen gesellschaftskritischen Kinderstück gestarteten Kinder- und Jugendtheater haben diese Anwürfe nicht geschadet. Im Gegenteil: Je aufgeregter die öffentliche Diskussion, desto bekannter wurde das umstrittene Ensemble.

Bekannte Mut- und Mitmachlieder

Die Linie 1, das Theater am Hansaplatz und Ohrwürmer wie der „Kontroletti-Tango“: So oder ähnlich verläuft bei den meisten erwachsenen Berlinern unter 50 Jahren die Assoziationskette, wenn sie an „das Grips“ und die damit verbundenen Schulausflüge denken.

Mittlerweile ist das Theater, genauso wie die Zuschauer der ersten Generation, in die Jahre gekommen. Vor 40 Jahren, im September 1974, hatte das Grips am Hansaplatz erstmals mit eigener Spielstätte im umgebauten Bellevue-Kino eröffnet.

Das muss natürlich gefeiert werden. Und wie ginge das besser als mit all den Mut- und Mitmachliedern, die Kernelement einer jeden Grips-Produktion sind? Also heizen „Die fabelhaften Millibillies“ dem Publikum, das am Sonnabend zur Geburtstagsfete auf dem Hansaplatz gekommen ist, mit Songs wie „Trau dich“ und „Bratkartoffeln“ ein. Während die Kinder anfangs erst zaghaft mitsingen, beweisen viele Eltern Textstärke. Begeistert geht ihnen etwa das ultimative Kinderladenlied „Wir werden immer größer“ über die Lippen.

Dimensionen eines mittleren Stadttheaters

Der Wachstumssong kann durchaus auch auf das Grips-Theater selbst angewandt werden. Denn als Volker Ludwig das Theater vor 45 Jahren gründete, startete er mit nur sechs festen Schauspielern und zwei Technikern als bescheidene Kindersparte des studentenbewegten „Reichskabaretts“, zog dann zur Untermiete ins plüschige Forum-Theater am Kurfürstendamm und bekam schließlich mit Unterstützung der SPD Tiergarten im ehemaligen Kino am Hansaplatz eine feste Spielstätte.

40 Jahre später hat das Grips 60 feste Mitarbeiter und zwei Bühnen – seit fünf Jahren gibt es auch das „Grips Mitte“ im Podewil an der Klosterstraße. „Mit rund 400 Veranstaltungen und knapp 100.000 Zuschauern im Jahr haben wir längst die Dimensionen eines mittleren Stadttheaters erreicht“, sagt Stefan Fischer-Fels. Der 50-Jährige übernahm vor drei Jahren die künstlerische Leitung des Theaters von Volker Ludwig. Und soll das Haus nun fit machen für die Zukunft.

„Komödiantik, Energie und relevante Themen. Das hat das Grips-Theater groß gemacht. Und das zeichnet es auch weiterhin aus“, sagt Stefan Fischer-Fels. Der gebürtige Wilmersdorfer lernte das Haus erst als Erwachsener kennen.

„Ich war Waldorfschüler, die gingen nicht ins Grips, das galt als zu politisch und zu realitätsnah“, erinnert er sich. Doch nicht nur die Waldorflehrer hatten Probleme mit der emanzipatorischen Bühne. Klassisches Kindertheater waren bis in die 60er-Jahre nur die Kasperle- oder die Märchenaufführung.

Nichts für Waldorfschüler

Von Ludwigs Ensemble wurden nun plötzlich Stücke aufgeführt, die die Welt aus der Perspektive von Kindern schilderten – und auch nicht wegsahen, wenn es um Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder die Ausgrenzung von Behinderten ging.

Als das eigentlich Besondere am Grips, das bis heute als modernes Kindertheater mit sozialkritischem Hintergrund gilt, bezeichnet der künstlerische Leiter jedoch den Anspruch, bei aller Realitätsnähe der Stücke nie zu vergessen, „dass wir Mut und Hoffnung machen wollen, aber keine falschen Illusionen wecken“. Das sei eine schmale Gratwanderung, die jedes Stück aufs Neue bewältigen müsse.

Längst besuchen auch Waldorfschüler das Grips-Theater. Das ausschließlich auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Repertoire gehört ebenfalls der Vergangenheit an.

Programm nicht nur für Kinder

Wortwitz, Tempo, spannende Geschichten und eingängige Lieder sind ebenso Zutaten für Stücke, die ein erwachsenes Publikum begeistern. Spätestens mit dem Erfolgs-Musical „Linie 1“ 1986 hat sich das Grips-Programm für über 18-Jährige etabliert.

So thematisiert „Die letzte Kommune“ von Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik) das Generationenverhältnis und die Gründung einer Senioren-WG, um der drohenden Abschiebung ins Altersheim zu entgehen. Fischer-Fels: „Zwei Drittel unserer Produktionen sind allerdings immer noch Kinder- und Jugendstücke.“

Dass die Maxime „Wir ergreifen die Partei der Kinder“ aus den Gründungsjahren noch immer gilt, beweist das Grips nicht zuletzt mit seiner Geburtstagsfeier. Das Jubiläumsdatum wäre der 30. September gewesen.

Pochen auf Kinderrechte

Das Grips aber feiert lieber zehn Tage früher, am Weltkindertag. Und auch erst, als die Fahrraddemo für die Umsetzung der UN-Kinderrechte am Nachmittag mit einer Kundgebung auf der Grips-Bühne geendet hat. Drei kleine Mädchen klären ihre jungen Zuhörer über UN-Kinderrechte wie etwa das auf Privatsphäre und Meinungsfreiheit auf.

„Das vergessen viele Erwachsene manchmal nämlich gerne“, mahnen Amelie, Lisa und Luna. Mit dem Grips-Theater haben die drei einen verlässlichen Mitstreiter, der auch nach 40 Jahren lustige, freche, nachdenkliche, traurige, aber immer unterhaltsame Kinder- und Jugendstücke auf die Bühne bringt.