Nach Renovierung

Museum zeigt die Mode vergangener Tage

Nach zwei Jahren Umbau wird das Kunstgewerbemuseum in Tiergarten am 21. November wieder eröffnen. Ein Schwerpunkt wird künftig die Mode sein. Hauptfundus ist die Modesammlung Kamer/Ruf.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Berlin, so hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einmal erklärt, sei dabei, auch in der Modewelt zur unverzichtbaren Adresse zu werden. Nicht mehr vorbeikommen dürften Modeinteressierte künftig am Kunstgewerbemuseum am Kulturforum in Tiergarten. Wenn das seit 2012 für Renovierungen geschlossene Haus am 21. November umgebaut und mit neuem Konzept neu eröffnet, bekommen Besucher im Erdgeschoss vorgeführt, was die Ankleidezimmer und Wäscheschränke von Europas besserer Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert enthalten haben.

120 Kostüme in schlichten Vitrinen hatte Sabine Thümmler, seit 2010 Chefin von Deutschlands ältestem Kunstgewerbemuseum, für die Modegalerie geplant. „Derzeit kommt aber fast täglich eins dazu“, scherzte sie bei der Präsentation einiger Ausstellungsstücke in den Museumswerkstätten. Vorsichtig und weiß behandschuht faltet die Leiterin der Textilrestaurierung, Heidi Blöcher, das noch in einer säurefreien Schachtel verpackte Nachmittagskleid des französischen Couturiers Paul Poiret aus. Erst ein Jahr zuvor hatte das Museum das hoch taillierte und im Design von orientalischen Vorbildern inspirierte Gewand aus Crêpe de Chine von einem Pariser Sammler erworben und durch den Vergleich mit historischen Modegrafiken als Kollektionsmodell des Modeschöpfers auf Laufstegen im Jahr 1914 identifiziert.

Einige Löcher in der Kragenspitze entdeckte Restauratorin Blöcher sofort, dazu Nähte im Futter, die der Expertin nicht original schienen. Auch die Textur der kräftig rot und lila gefärbten Schärpe ließ sie stutzen. „Diese Ripps sehen fast so aus, als sei hier Kunstseide verwendet worden. Die gab es 1914 noch gar nicht“, sagte sie. „Da muss man schauen, ob später etwas hinzugefügt wurde.“ Schon nach der ersten kurzen Inspektion stand fest: „Das ist kein Kleid, das in zwei oder drei Tagen ausstellungsbereit ist.“ Eher dürften die Erhaltungsarbeiten Wochen beanspruchen.

Beinfreiheit für den Charleston

Hauptfundus für die Exposition ist die Modesammlung Kamer/Ruf, die das Museum 2013 erstanden hat. Aus dieser stamme auch eines der Prunkexemplare, deren schlichte Präsentation an einen Bummel entlang von Schaufenstern erinnern solle, so Sabine Thümmler. Hunderte nachtblauer Pailletten hatte die Pariser Modeschöpferin Jeanne Lanvin 1927 auf die hauchdünne Gaze des Tanzkleides Modell „Sorrente“ sticken lassen. Wie Farnwedel überlappen sich die fächerartigen Paillettengebilde, luftige Spitzen haben Beinfreiheit für die durchaus wilden Vergnügungen des Nachtlebens in den 20er-Jahren gegeben. „Man kann sich vorstellen, wie das gefunkelt hat, wenn die Dame sich darin gedreht hat“, schwärmte die Modekuratorin des Museums, Christine Waidenschlager.

Auf den ersten Blick wesentlich gradliniger kommt das zweiteilige Tanzkostüm eines unbekannten französischen Modehauses von 1925 daher, auch dieses durch den seitlich gerafften Rock aber kein Hindernis für Charleston und Co – und mit dem goldgelb glitzernden Paillettenbesatz wohl kaum weniger aufsehenerregend.

Vier Millionen Euro teure Renovierung

Dass die Vorbereitung der Ausstellung trotz dreijähriger Schließung des staatlichen Museums in den letzten Wochen vor der Wiedereröffnung besondere Anstrengungen erfordert, liegt weniger an der vier Millionen Euro teuren Renovierung des Hauses durch die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi. „Wir liegen im Kosten- wie im Zeitplan“, betonte Sabine Thümmler. Weil UV-Strahlung sowie das Aushängen der Stoffe die Sammlerstücke aber stark belastet, kommen die empfindlichsten Exponate erst kurz vor dem Startschuss in die Vitrinen. Dort werden sie auf rumpfförmigen Figurinen drapiert, jede extra für ein bestimmtes Kleid angefertigt.

Die Orientierung an dessen Form ermöglicht es auch, die zu unterschiedlichen Zeiten wechselnden Körperhaltungen nachzubilden, die von der Mode jeweils aufgegriffen oder beeinflusst worden sind. Auf unnötige Körperteile der Büsten wird bewusst verzichtet. „Es fängt ja schon bei den Köpfen an: Welches Gesicht sollen wir denen geben? Jede Zeit hatte ihre Frisuren, ihren Stil“, sagt Heidi Blöcher. Um eine zu starke Beanspruchung der Kleider zu vermeiden, soll das Modeatelier etwa im Jahresturnus neu bestückt werden.

Das Kunstgewerbemuseum verfügt über einen Bestand von etwa 2000 Kostümen. Ergänzt wird die Gewebeschau durch Accessoires wie Schuhe, Hüte oder Handtaschen. Das älteste Stück wird vorerst ein Schnürleib von 1720 sein, das älteste Damenkleid stammt aus dem England der 1730er-Jahre. Die Moderne präsentiert ein Versace-Modell von 1990. Wer allerdings auf Beispiele von Berliner Modeschöpfern der Nachwendezeit hofft, wird enttäuscht. „Die wollen wir aber künftig zeigen“, verspricht Waidenschlager.