Seit 2009 ist Manfred Rettig der Chef der „Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum“ und verantwortet den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Er hat eine Freude an schwierigen Unterfangen, hat er doch bereits den Berlin-Umzug von Bundesregierung und Bundestag gemanagt. Auch beim Schloss hat er eine Liste von heiklen Punkten: Sie reicht von mangelnder Begeisterung und Anteilnahme in Teilen der Bevölkerung für das Stadtschloss über den umstrittenen Siegerentwurf von Franco Stella bis hin zur Frage, was genau eigentlich in den Ausstellungsräumen gezeigt werden soll. Und auch das Land Berlin schwankt. Sein Rückzug aus dem Humboldt-Forum ist immer noch in der Diskussion.
Berliner Morgenpost: Herr Rettig, fühlen Sie sich vom Land Berlin im Stich gelassen?
Manfred Rettig: Wie kommen Sie denn darauf?
Bei einer Anfrage der Grünen Mitte September reagierte Klaus Wowereit wachsweich, als es um die Frage ging, ob Berlin sich aus dem Humboldt-Forum zurückziehen wolle.
Ich sehe keine mangelnde Unterstützung. Bisher ist Berlin all seinen Verpflichtungen nachgekommen, auch die Zahlungen an den Bund sind bisher gelaufen, die Berlin leisten sollte. Ich kann nur so viel dazu sagen: Wenn man meint, dass man zum jetzigen Zeitpunkt, wo wir mit dem Rohbau hoch sind, gravierende Nutzungsänderungen vornehmen muss, dann baut man hier den zweiten BER. Das hängt damit zusammen, dass viele Laien sich gar nicht vorstellen können, was es bedeutet, wenn man in diesem Stadium Veränderungen vornimmt. Jede Form von Nutzung hat eine andere Form von Technik. Das ist nicht so wie im Einfamilienhaus, wo man eine Wand gegen die andere tauschen kann. Ein Gebäude wie das Humboldt-Forum besteht zu 40 Prozent aus Technik. Der ganze Keller ist voll mit Technik, die nur Erdgeschoss und 1. Obergeschoss bedient.
Was sind Ihre Konsequenzen?
Wer hier verändert, übernimmt automatisch die politische Verantwortung für nicht mehr einzuschätzende Kosten. Dann mache ich hier auch nicht weiter. Wenn man so etwas Komplexes wie das Schloss baut, muss man es erst einmal zu Ende bringen. Wenn Sie ein Auto mit Lederpolster bestellt haben, können Sie 14 Tage später auch nicht mehr Stoffpolster einfordern.
Wie schätzen Sie Wowereits Position ein?
Der Regierende Bürgermeister hat sich vor Kurzem die Baustelle angeschaut, dort, wo die Berliner Einrichtungen rein sollen. Ich hatte den Eindruck, dass er begeistert war von dem Platz für die Zentral- und Landesbibliothek, wo die Sprachenbibliothek untergebracht werden soll. Das Ganze ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Das Konzept für das Humboldt-Forum besteht aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Einrichtungen wie dem Ethnologischen Museum, dem Museum für Asiatische Kunst, der Humboldt-Universität und der Zentral- und Landesbibliothek – und eben der großen Fläche für Veranstaltungen. Im Grunde entsteht hier ein großes neues Kongresszentrum. Wir können hier Kulturveranstaltungen auf einem Level machen, zu denen es international keinen Vergleich gibt.
Neulich warnte die Bundesbauministerin vor einem Spendenloch. Wie viel Millionen sind insgesamt auf dem Spendenkonto?
27 Millionen Euro. Dazu kommen die Sachspenden des Fördervereins, beziffert auf zehn Millionen Euro.
Wie erklären Sie sich, dass es trotz aller Bemühungen nicht gelingt, das Humboldt-Forum in der Öffentlichkeit präsent zu halten?
Sie müssen sehen, das Projekt stand 20 Jahre unter dem Thema Berliner Schloss und Rekonstruktion. Und da waren die Meinungen gespalten. Das ist nun abgeschlossen, das Gebäude wird gebaut. Viele Menschen haben wohl nicht mehr geglaubt, dass das Gebäude überhaupt entstehen würde. Ich kann das gut an den Spendenzugängen erkennen. Bevor das Projekt in der Entscheidungsphase war, gingen pro Jahr etwa 2,5 Millionen Euro an Spenden ein. Als wir letztes Jahr den Grundstein legten, waren das plötzlich über acht Millionen im Jahr. In diesem Jahr, wo der Bau sichtbar in der Stadt ist, haben wir jetzt schon mehr als das ganze letzte Jahr zusammen – bislang an die neun Millionen.
Wann ist Richtfest?
Wir könnten im Dezember Richtfest feiern, dann haben wir den Betonbau abgeschlossen. Aber wir machen das erst im Mai, damit wir gutes Wetter haben. Wir wollen über das Richtfest hinaus eine Kampagne starten, um auf das Projekt aufmerksam zu machen. Wer gesehen hat, welche Stadträume da entstehen, wer die Dimensionen erkannt hat – wir bauen da über 400 Einfamilienhäuser –, der ist begeistert.
Klingt alles gewaltig.
Wir sammeln im Moment schon Anfragen für das Haus. Aber natürlich braucht so eine Institution auch eine Intendanz, die gerade von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters gesucht wird. Entscheidend wird dann sein, wie diese Person das Haus führt.
Wer verantwortet das?
Die Verantwortung für das Haus liegt künftig bei der Kulturstaatsministerin.
Was war für Sie das Schwierigste in der gesamten Bauphase?
Das Schwierigste war der Beginn. Als ich den Job 2009 übernahm, war Wolfgang Tiefensee noch Bundesbauminister und hatte verkündet, dass das Gebäude 2014 fertig sein wird. Ich habe den Architekten Franco Stella zu mir gebeten, er sollte mir seine Pläne zeigen. Er verstand gar nicht, warum ich den Keller sehen wollte. Ein Drittel war unterkellert, da wusste ich, wie weit die Planung war. Der Wettbewerbsentwurf war sehr schön anzuschauen, aber er funktionierte noch nicht, weil der technische Backstagebereich fehlte. Die Verbindung von Funktion und Technik war nicht gegeben. Ein Architekt investiert erst einmal in die Gestaltung, das ist normal. Ich bin damals also in die Koalitionsverhandlungen gegangen und habe gesagt: Das Schloss wird 2014 nicht fertig. Das Schlimme ist, wenn die Politik weiter ist als der Bau. Politische Vorgaben müssen realistisch sein.
Warum sollen Exponate, die bislang in den Dahlemer Museen vernachlässigt wurden, in Mitte Zuschauermagnet werden?
Museen heute sehen anders aus als früher, diese Erkenntnis ist bei den Kuratoren angekommen. Jetzt ist ein Generationenwechsel auch unter Kuratoren angesagt. Kinder kommen mit einer neuen Erwartungshaltung in ein Museum. Wie erfüllen wir die? Wie machen wir Wissen erlebbar? Spannender ist, wenn Exponate wechseln, ein Museum kann sicher nicht mehr so starr gefahren werden wie in Dahlem. Heute bleiben Ausstellungen nicht mehr für 30 Jahre stehen, auch das Wechselspiel mit zeitgenössischer Kunst spielt eine Rolle. Dazu gehört nicht nur Malerei, sondern auch Film, Ton und Medien. Und diese Möglichkeit schaffen wir. Es entsteht ein ganz neuer Typus des Museums.
Das Problem des Humboldt-Forums wird sein, dass man Touristen im Schnelldurchlauf bedienen muss, ebenso wie wissenschaftlich Interessierte und Jugendliche. Wie bringen Sie das zusammen?
Für mich ist das Humboldt-Forum kein Gebäude, wo man einmal reingeht und dann hat man es gesehen. Es wird ein Gebäude sein, wo man immer wieder neue Themenfelder für sich sucht, sei es im Museums-, Sprach- oder Wissenschaftsbereich. Und natürlich wird es die Touristenbusse geben, wo die Menschen einmal durchlaufen und am Ziel wird im Restaurant das Eisbein serviert.
Gibt es so etwas wie eine rote Linie im Haus?
Aus baulicher Sicht ist die vertikale Erschließung wichtig. Ich habe auf den Bau von Rolltreppen bestanden. Sie müssen Elemente ins Gebäude bringen, die Anreiz geben, nach oben zu kommen. Sie brauchen Bewegung im Haus.
Was würden Sie noch ändern wollen?
Ich würde gerne ein Restaurant auf das Dach setzen. Wir haben die Baugenehmigung dazu. Die baulichen Vorkehrungen sind auch da, wie die Aufzugsschächte. Aber das Dachrestaurant müsste aus Spendengeldern bezahlt werden. Dafür bekomme ich leider keine Spender. Was wir auf jeden Fall bekommen, ist eine große Dachterrasse. Sie stehen dort oben ungefähr 14 Meter höher als auf der Terrasse der Infobox und schauen zum Beispiel auf die Kuppel der HedwigsKathedrale. Eine unglaubliche Aussicht. So etwas braucht ein Gebäude.
Wie viel veranschlagen Sie dafür?
Drei Millionen. Aber Spenden für ein Dachrestaurant zu bekommen, ist schwierig.
Aber so ein Dachrestaurant wäre auf jeden Fall ein wirtschaftliches Modell.
Ja, es würde sich auf jeden Fall tragen. Beim Bau des Reichstag gab es damals eine ähnliche Diskussion. Man entschied sich für das kleine Dachrestaurant, stellte dann aber fest, welche Besucherzahlen das hatte. Es wurde dann erweitert. Ich nehme noch einmal einen Anlauf, wenn das Dach begehbar ist.


