Staatsoper

Alvis Hermanis – „Jeder Komponist ist ein eigener Planet“

Theaterregisseur Alvis Hermanis inszeniert Puccinis „Tosca“ zur Eröffnung der Saison an der Staatsoper: Wir haben den aus Lettland stammenden Regisseur und Schauspieler getroffen. Ein Portrait.

Foto: Krauthoefer

Irgendwann hat Jürgen Flimm, der Staatsopernintendant, ihn in Riga besucht. Er habe ihm erzählt, sagt Alvis Hermanis, dass sich jeder erfolgreiche deutsche Theaterregisseur ein Haus in Rimini kauft. „Ich habe ihm geantwortet, jeder erfolgreiche lettische Regisseur kauft sich ein großes Stück Wald.“ Und diese Nähe zur Natur habe auch seine Künstlerseele geformt.

Der Regisseur verzieht keine Miene, während er die Anekdote erzählt. Kerzengerade sitzt er in einem Sessel im Foyer der Staatsoper, wo er gerade Puccinis „Tosca“ inszeniert. Irgendwie erinnert er in der Coolness und seinem Habitus an Yul Brynner. Wer mit Hermanis redet, darf nicht vergessen, dass er auch einem Schauspieler gegenüber sitzt. Der möglicherweise sich selbst inszeniert. Auf die meisten Fragen schweigt er erst einmal eine halbe Minute. Dann kommt seine präzise Antwort. Als Regisseur zählt der Lette Alvis Hermanis inzwischen zu den wichtigsten Theatermachern des Kontinents.

Aber man könne seiner Herkunft nicht entkommen, sagt Hermanis, auch mit Blick auf die „Tosca“-Premiere. „In uns Letten steckt eine sehr existenzialistische Traurigkeit, eine große Melancholie und Introvertiertheit“, erklärt der Regisseur. „Historisch gesehen zeigt sich der Unterschied schon darin, dass in Deutschland die Leute lange schon in Dörfern und Städten leben, eben in einer Gemeinschaft. Jeder Lette hat seinen Landsitz, keiner fühlt sich wohl, wenn der Nachbar schon in Sichtweite wohnt.“

Hermanis selbst wurde in der Hauptstadt Riga geboren, wo er seit 1997 künstlerischer Leiter des Neuen Theaters ist. Mit seiner Schauspieltruppe ist er in Europa herumgekommen, bevor er als Regisseur zum Stammgast auf deutschen Bühnen wurde. Inzwischen ist er sechs, sieben Monate zu Hause, ansonsten macht er pro Jahr drei Inszenierungen im Ausland. Aber Theater sei nicht das einzige Wichtige in seinem Leben, sagt er irgendwann im Gespräch: „Theater ist nur ein komischer Teil davon.“ Beiläufig erwähnt er, dass er Vater von sieben Kindern sei.

Auf Entdeckungstour

In Berlin ist Hermanis längst kein Unbekannter mehr. An der Schaubühne brachte er 2013 Gorkis „Sommergäste“ auf die Bühne. Seine Inszenierung von Tschechows „Platonov“ am Wiener Burgtheater Wien war 2012 beim Berliner Theatertreffen zu sehen. Und auch als Opernregisseur hinterließ er bereits erste Spuren in Berlin.

An der Komischen Oper hat er Mozarts „Così fan tutte“ in eine moderne Restauratorenwerkstatt verlegt, darin springen alle munter durch die Jahrhunderte. Was Oper angeht, ist Hermanis offenbar noch auf Entdeckungstour. Er nähert sich gerade allem von Monteverdi bis Wagner. „Jeder Komponist ist ein eigener Planet, und die Spielregeln sind jedes Mal anders“, sagt der Regisseur: „Man hat keinen Generalschlüssel für die unterschiedlichen Türen.“

Ein bisschen schäme er sich dafür, sagt er, dass sich für ihn die Türen zur Musik erst vor drei Jahren geöffnet hätten: „Ich bin jetzt 49 Jahre alt, aber vielleicht ist es auch gut, dass ich diese neue Welt erst so spät entdeckt habe, so konnte ich meine Jungfräulichkeit, meine Naivität bewahren. Der Effekt der Musik ist viel stärker. Die Musik trifft mich im Innersten, mit einer unerwarteten Kraft. Immer wenn ich abends schlafen gehe, lege ich Musik auf, weil ich dieses Niemandsland liebe, in das ich dann falle.“

Die „Tosca“-Premiere am 3. Oktober ist die Saisoneröffnung der Staatsoper. Ein Berliner Gesellschaftsereignis. Es wird nicht nur Hermanis’ Debüt an der Staatsoper sein, sondern Daniel Barenboim wird an diesem Abend erstmals Puccini dirigieren. „Durch Barenboim habe ich jetzt gelernt, dass in dieser Musik jede Note psychologisch motiviert ist“, sagt Hermanis: „Er arbeitet in den Proben viele Feinheiten heraus.“

Alle Figuren sind Opfer

Nein, er wolle die „Tosca“ nicht in den Wald verlegen, sagt der Regisseur. Aber er möchte die Handlung sehr existenzialistisch und ernsthaft betrachten. Bei ihm laufen zwei Interpretationen auf der Bühne parallel ab. „Es wird mit den Sängerdarstellern und Barenboim am Pult eine sehr ernste Inszenierung geben, eine für Erwachsene, und die zweite Ebene darüber wird eine Art Comic sein.

Die ist wie für Kinder. Meine These ist ja auch, dass die Puccini-Oper bisher eher wie ein Kinderbuch erzählt wurde.“ In der 100 Jahre alten Rezeptionsgeschichte der „Tosca“ wurde vor allem das Oberflächliche herausgestellt, glaubt der Lette, der selber aus der russischen Schule kommt, „die sehr psychologisch motiviert ist“.

Eine Lieblingsfigur habe er nicht. „Ich schaue mir Oper nicht aus dieser Perspektive an. Für mich ist das Stück eine Metapher auf eine fast schon kosmische Traurigkeit. Auch, wenn es wie ein Melodram aussieht. Die Leute bringen sich die ganze Zeit um, am Ende sind alle tot. Egal, was sie tun.“ Und auch den Bösewicht Scarpia will er nicht nur als Bösen darstellen. „Alle Figuren sind Opfer – wie wir auch.“

Übers tragische Leben nachdenken

In solchen Äußerungen kommt wieder der Theatermann aus ihm hervor. Überhaupt hält er jene Darsteller für die Besten, die das Animalische intelligent auf die Bühne bringen können. Die ganze artifizielle Opernharmonie fällt ihm offenbar schwer, auch wenn er sie sucht. „Wenn man im Schauspiel arbeitet, lebt man mit der Attitüde, die Welt dekonstruieren zu müssen“, sagt er.

„Man fühlt sich wie ein Chirurg, der alles auseinander nimmt. Aber das ist keine gesunde Einstellung.“ In der Oper sei es genau umgekehrt. Komponisten wollen eine Klangwelt erschaffen. „Selbst Cage, Stockhausen oder Boulez versuchen ihre nervöse Welt in eine Ordnung, in ein System zu bringen“, so Hermanis: „Eine gewisse Stabilität ist eine Grundbedingung in der Musik.“

Irgendwann werde man vom ewigen Dekonstruieren müde, sagt er. Und dann zitiert er einen seiner Leute vom Rigaer Theater. Der sagte: „Die Zuschauer bezahlen für ihr Ticket, um einmal ihr Handy ausschalten zu können. Dann sitzen sie im dunklen Raum, um über ihr eigenes tragisches Leben nachzudenken. Das ist Theater.“ Darüber muss Hermanis dann doch einmal kurz lächeln.