Im Nahen Osten ist Krieg. Heftige Diskussionen gab es deshalb unter den Musikern des West-Eastern Divan Orchestra (Wedo), jenem Orchester, in dem junge Menschen aus Israel, Palästina, aber auch aus Ägypten, Syrien, Iran, dem Libanon oder Jordanien mitspielen. Aber der argentinisch-israelische Dirigent Daniel Barenboim, der das Jugendorchester vor 15 Jahren gegründet hat, hält an seiner Vision des friedlichen Miteinanders im Nahen Osten fest. Er sei stolz auf seine Musiker, sagt Barenboim. Am 24. August wird das Divan-Orchester zum Abschluss seines diesjährigen Sommersaison in der Waldbühne gastieren.
Berliner Morgenpost: Hat der Gaza-Krieg Auswirkungen auf das aktuelle Projekt Ihres West-Eastern Divan Orchestra?
Daniel Barenboim: Es ist natürlich ein Thema, mit dem sich alle täglich beschäftigen. Aber kein einziges Mitglied des Orchesters hat deswegen seine Mitwirkung abgesagt. Alle sind gekommen. Gleich am Anfang hatten wir eine sehr lange Orchesterversammlung. Darin haben alle ausgesprochen, was sie denken. Natürlich mit unterschiedlichen Positionen. Aber keiner hat sich geweigert, mit den anderen zu spielen. Jetzt proben wir täglich zusammen, essen zusammen, spielen unsere Konzerte. Es hat sich bestätigt, dass wir doch zusammenleben können.
Das funktioniert in der politischen Realität nicht. Warum in einem Orchester?
Voraussetzung ist, dass eine Gleichheit aller existiert. Das ist im Orchester möglich. Vor einer „Tristan“-Partitur sind alle gleich, jeder muss seinen Teil beisteuern. Nur wenn alle zusammenhalten, ist es möglich, die Musik mit großer Kraft zu repräsentieren.
Hat Sie an den kontroversen Diskussionen im Orchester selber etwas überrascht?
Nein. Es war doch nicht das erste Mal. Allerdings war es diesmal etwas heftiger, aber der ganze Krieg war heftiger. Es ist schon so, sie leiden alle sehr unter der Situation im Nahen Osten. Jeder auf seine Weise.
Wie muss man sich das vorstellen. Schauen Sie alle gemeinsam die Nachrichten?
Nein, die meisten informieren sich im Internet oder im Fernsehen. Aber alle sind bestens informiert. Es sind nicht nur Musiker, die allein in der Musik leben.
Dieser heftige Krieg mit der Hamas hat viele weltweit desillusioniert. Kaum einer redet über einen dauerhaften Frieden oder über die Zweistaaten-Lösung, sondern maximal über einen haltbaren Waffenstillstand.
Wir alle wissen, dass die Gegenwart aus der Vergangenheit resultiert und eigentlich nur ein Übergang ist. Aber man vergisst, über die Zukunft zu reden. Bei all den Gesprächen und Verhandlungen, die geführt werden, spürt man, dass nur über das Heute nachgedacht wird. Aber was passiert übermorgen, nach dem Waffenstillstand, mit all dem Hass, der zurück bleibt. Die Tragödie in Gaza ist eine doppelte. Einerseits hat man so viele Menschen getötet, darunter viele Kinder. Man darf nicht vergessen, dass die Hälfte der Menschen in Gaza unter 15 Jahren alt ist. Diese Jugend ist jetzt voller Hass und soll die Zukunft gestalten. Für Israel bedeutet es, ja die Tunnel sind weg, aber die Möglichkeit, Raketen abzuschießen, ist geblieben. Diesmal hat Israel noch seinen Raketenschutzschirm, den Iron Dome, aber in Zukunft wird es auch technologische Entwicklungen auf der anderen Seite geben. Wenn man sieht, wie die Palästinenser jetzt leiden, dann hat Israel langfristig verloren. Das ist für mich persönlich eine große Tragödie.
Es gibt Modelle, wonach das Leben der Israelis und der Palästinenser wieder wirtschaftlich und sozial mehr verschränkt werden sollte, um Frieden herzustellen?
Und kulturell, um es nicht zu vergessen. Deswegen ist unser Projekt auch so wichtig. Ich bin sehr stolz darauf, auch wenn es nur 110 Musiker sind. Wenn ein palästinensischer Solo-Klarinettist sein Solo in „Tristan“ spielt, versuchen alle Israelis das Beste, um ihn dabei zu unterstützen. Und umgekehrt auch. Wo sehen Sie so etwas sonst? Ich bin wirklich wahnsinnig stolz auf meine Musiker.
In Berlin gab es Demonstrationen gegen Israel mit überraschend judenfeindlichen Parolen.
Das ist inakzeptabel. Nicht nur in Berlin.
Glauben Sie an einen neuen Antisemitismus in Europa?
Die Entwicklung ist negativ. Man kann die Politik Israels kritisieren, aber man darf keine Erneuerung antisemitischer Gefühle zulassen. Eigentlich kann man es nicht Antisemitismus nennen, weil die Palästinenser genau so semitisch sind wie die Juden. Das ist philologisch falsch. Ob wir wollen oder nicht, wir gehören irgendwie zueinander.
Hat der aktuelle Konflikt irgendwelche Auswirkungen auf das Konzert in der Waldbühne?
Nein, wir werden wieder so gut spielen, wie wir können.
Haben Sie vor, neben Instrumentalisten irgendwann auch junge Dirigenten ans Orchester zu binden?
Es gibt beispielsweise Domingo Hinduyan, der im Divan Geige gespielt hat und jetzt Assistent ist. Er ist halb Syrer, halb Venezolaner. Er fängt an zu dirigieren. Und es gibt einen jungen Israel, Lahav Shani, der hat den Gustav-Mahler-Dirigentenpreis gewonnen und bereits bei der Staatskapelle Berlin ein Konzert von Michael Gielen übernommen. Er ist ein sehr begabter Junge. Ich muss auch langsam darüber nachdenken, was passiert, wenn ich nicht mehr da bin. Ich möchte jetzt aber nicht melodramatisch werden. Es ist mir schon klar, dass meine Zukunft kürzer ist als meine Vergangenheit. Das Wedo ist nicht an eine Person gebunden, sondern an eine Idee. Das heißt nicht, dass ich bereits einen Nachfolger suche, aber es bedeutet, dass ich ganz klare Strukturen schaffen möchte, die sowohl dem Orchester als auch der neuen Akademie in Berlin eine Zukunft sichern.
Gibt es Dirigenten, die Sie als Barenboim-Schüler sehen?
Meine ehemaligen Assistenten, natürlich. Antonio Pappano in Covent Garden, Sebastian Weigle in Frankfurt oder auch Philippe Jordan in Paris. Insofern gibt es eine Schule.
Braucht es für das Wedo einen speziellen Dirigententyp?
Er muss gut sein. Und es muss jemand sein, der empfindsam ist für den Nahost-Konflikt. Andere werden es auch nicht machen. Es gab bisher nur eine Ausnahme und das war Pierre Boulez. Er ist ein großer Dirigent, ein großer Komponist und hat einmal den Divan dirigiert.
Das Orchester ist schon sehr von Ihnen geprägt?
Bisher gab es noch kein Bedürfnis der Musiker nach anderen Handschriften. Womöglich hat die Homogenität davon profitiert. Alle Leute, die durch den Divan gegangen sind, das sind inzwischen rund 250 Musiker, habe es hier gelernt. Deswegen spielen sie auch gleich.
Das Wedo spielt seit 15 Jahren. Die Erstbesetzungen sind inzwischen erwachsen und haben selber Familie.
Ja, wir sind praktisch schon in der dritten Generation. Die Erstgeneration wie Geiger Guy Braunstein, der immer noch kommt, wenn er Zeit hat, ist inzwischen über 40. Edvard Said hat mir in einem unserer letzten Gespräche, das war 2003, einen treffenden Satz gesagt. Er sagte, wir werden beide mehr vom Divan lernen, als wir dort unterrichten. Und er hatte Recht. Wenn ich die Staatskapelle dirigiere, das Orchester der Mailänder Scala oder das Wedo, es ist immer dasselbe, alles was ich sage, kann einen Musiker weiter bringen. Aber die jungen Musiker fragen plötzlich: Warum? Es kann um ganz einfache Dinge wie das Aushalten eines Tones gehen. Davon habe ich gelernt. Der Divan hat mich gezwungen, über alles, was ich musikalisch tue, nachzudenken.
Gibt es nach all den Jahren ein Rezept, wer in das Orchester passt und wer keinesfalls?
Es müssen begabte Leute sein. Sie müssen neugierig sein. Und sie müssen wissen, dass bestimmte Dinge nicht erwünscht sind. Zum Beispiel die Forderung nach einer militärischen Lösung für den Konflikt. Es ist kein Orchester für Versöhnung und Frieden, was gerne behauptet wird, das kann Musik allein gar nicht leisten, aber der Glaube daran, dass wir Seite an Seite leben können, der ist schon wichtig. Ein Musiker, der in den Divan kommt, und so nicht denkt, der bleibt auch nicht.
Genau genommen hat sich doch in den 15 Jahren Wedo auch im Nahen Osten nicht viel verändert?
Oh doch. Es ist politisch schlechter geworden. Es gibt viel mehr hoffnungslose Menschen. Auf beiden Seiten.
In Berlin-Mitte, auf der Rückseite der Staatsoper, wird gerade Ihre neue Barenboim-Said-Akademie errichtet. Im Herbst 2016 soll sie den Betrieb aufnehmen. Wird die Ausbildungsstätte künftig mehr das Herz oder der Verstand des Orchesters sein?
Es ist eine Akademie auch für das West-Eastern Divan Orchestra. Ähnlich wie es die Akademien für die Staatskapelle oder die Berliner Philharmoniker sind. Der Unterschied der neuen Akademie ist, dass die Musiker lernen, auch außerhalb der Musik zu denken. Mein Arbeitstitel für das Curriculum lautet: das Denken mit den Ohren. Sie werden sich mit philosophischen Texten und Konzepten beschäftigen. Meine Aufgabe ist es, das Denken in der Musik umzusetzen. Das halte ich für sehr wichtig.
Wenn das philosophische Denken für Musiker so wichtig ist, warum machen es dann die anderen Akademien wie die Ihrer Staatskapelle nicht?
Ich habe die Gedanken gerade erst entwickelt. Vielleicht kommen wir an den Punkt, dass wir es bei der Kapelle auch machen werden. Aber zunächst ist es für die jungen Musiker aus dem Nahen Osten gedacht.
Wie wird es mit dem Wedo weiter gehen? Haben Sie eine Vision?
Ich glaube nicht, dass das West-Eastern Divan Orchestra ein Fulltime-Orchester wird. Das geht gar nicht. Berlin braucht kein weiteres Orchester. Das ist in Wien oder Paris ganz ähnlich. Auf Malta oder den Kanarischen Inseln werden wir nicht leben wollen. Auch ich nicht. Aber wir werden unser Repertoire weiter entwickeln. Als wir 1999 anfingen, hatten 60 Prozent der Musiker nie in einem Orchester gespielt. Manche hatten noch nie ein Orchester live gehört. Wir waren schnell in der Lage, ein professionelles Orchester zu entwickeln. Das Geheimnis ist schnell erklärt. Auch andere Jugendorchester sind hervorragend, können hochbegabte Musiker zusammen bringen. Wir aber pflegen über die Projekte hinaus die Kontinuität, auch, indem wir unseren Musikern Stipendien an Musikhochschulen vermitteln.
Waldbühne 24. August um 19 Uhr, Tel. 61101313



