Nur 30 bis 60 Sekunden hat er Zeit. Dann sind die Darsteller bereits wieder in ihrer Garderobe verschwunden. Das Prozedere ist einfach: Fotograf Paul Green hat hinter der Bühne der Staatsoper sein Equipment aufgebaut. Genau genommen lauert er den Sängern in Maske auf dem Weg von der Bühne in die Garderobe auf einem Treppenabsatz auf. „Am besten ist es, wenn jemand mitspielt und sich auf ein Motiv einlässt, am schlechtesten, wenn derjenige nur steif dasteht“, sagt Green. An die 6000 Fotos hat er bereits auf diese Weise gemacht. Dafür hat er seit 2011 bereits acht Vorstellungen im Schiller-Theater besucht.

„Behind the Mask“ hat Green seine Porträtserie genannt. Am Wochenende werden 20 Porträts in einer Ausstellung im Rainmaking Loft in Mitte gezeigt. Es ist eine Benefizausstellung, der Erlös kommt der Jungen Staatsoper zugute. In der kommenden Woche erscheint auch ein Büchlein, dass im Staatsopern-Shop vertrieben wird. Natürlich hat das ganze Projekt etwas werbendes. Jeder Darsteller verfügt irgendwann über seine wichtigsten Rollenfotos. Und damit auch die Agenturen. Zweifellos sind in der Staatsoper viele Stars unterwegs. Das Haus kann sich mit der Bildersammlung schmücken. Allerdings nicht jeder will sich fotografieren lassen. Die Sänger werden vorher schriftlich informiert. Sopranistin Anja Silja ließ daraufhin freundlich mitteilen, dass sie in ihrer Laufbahn schon genügend fotografiert wurde.

Paul Green ist gebürtiger Australier, eine seiner Großmütter stammt aus Leipzig. In Melbourne hat er Kunstfotografie studiert. Dann machte er vor allem Modefotos. Er lebte in den USA, in London, war in Indien unterwegs. Zurück in Australien fühlte es sich künstlerisch zu klein an, sagt er. Er wollte zurück nach London, dann nach Paris. Es klappte nicht. Eher zufällig kam er auf Berlin. Inzwischen lebt er seit vier Jahren in der Stadt. Alle Freunde hätten ihm gesagt, er solle nach Kreuzberg ziehen, er entschied sich für den Prenzlauer Berg. Inzwischen hat er in Berlin mehrere Ausstellungen gemacht, eine über Burlesque-Tänzerinnen. Zu seinen Lieblingsmotiven gehören Outsider. Zweifellos mag Green die Mischung aus Glamour und Zwielichtigkeit. Seine Porträts sind von fast steriler Makellosigkeit und und wollen trotzdem einen Blick hinter die verrutschten Masken werfen.

Anekdoten über seine Fotoshootings kann der 42-Jährige aber kaum erzählen. 60 Sekunden sind einfach zu kurz für irgendeine Verbindlichkeit. Die vorbei eilenden Solisten, Choristen und Statisten sind mehr oder weniger seine Laufkundschaft. Zu Beginn habe er noch einige Berührungsängste gehabt, sagt er, weil er immer hörte, Opernleute seien snobistisch. Das findet Paul Green aber gar nicht. Einmal hat er Mozart-Sopranistin Anna Siminska fotografiert. Die Königin der Nacht schleppte daraufhin gleich ihren Ehemann an, damit sie mal ein gemeinsames Foto haben. Sehr beeindruckt hat ihn Mezzosopranistin Marina Prudenskaya, die sich auf das Rollenspiel mit ihm eingelassen hat. Eines ihrer Fotos ziert das aktuelle Cover des Staatsopern-Magazins. Von Sopranistin Anna Prohaska schwärmt Green geradezu, sie sei eine unschuldige Schönheit, eine englische Rose, wie er sagt. Dagegen hat der Statist Kay Keßner auf der Brust eine lange Narbe, in der Rolle ist sein Gesicht voller Kunstblut. Dieses Nebeneinander von echtem und falschem Schmerz hat den Fotografen beeindruckt.

Rainmaking Loft, Charlottenstr. 2, Mitte. „Behind the Mask“ von Paul Green. Fr. um 20 Uhr (Vernissage), Sa. und So. von 12-18 Uhr