Gerade erst ist er wieder zurück von Hiddensee. Sein neuer Roman, der „Kruso“, spielt auf der Insel im Klausner, hoch oben an der Steilküste gelegen und Tag und Nacht umtost vom dunklen Meer. Lutz Seiler ist dieser Wochen ein gefragter Schriftsteller. Er ist nicht nur für den Deutschen Buchpreis nominiert, vor drei Woche erhielt er erst den Uwe-Johnson-Preis, dann erreichte ihn die Nachricht, dass er auch noch den Marie-Luise Kaschnitz-Preis bekommt. Und dazu ist er auf Lesetour durch deutsche Lande und ja, dann geht es immer wieder mit dem Flieger nach Schweden.

Wir treffen den 51-Jährigen abseits des literarischen Großbetriebs in Wilhelmshorst, unweit Potsdams. Da draußen ist es seltsam still. Der Dichter wohnt in einem Dichterhaus, der Peter-Huchel-Gedenkstätte. Huchel verließ 1971 die DDR. Seiler verantwortet seit 1997 das literarische Programm. Hinten im Garten steht eine etwas morsche Hütte, Seiler hat sie selbst gebaut, für seine Kinder, als sie noch klein waren.

Eine Krise und ein Roman

Damals, zur Eröffnung des Hauses, haben wir ihn schon einmal hier getroffen. Da saß er an einem schmalen, braunen Schreibtisch und wir wünschten ihm, dass er als junger Lyriker reüssieren würde. Insgeheim bewunderten wir seinen Mut, denn die literarische Form ist alles andere als einkunftsträchtig. Aber da war immer die „Unbedingtheit“, erzählt er, er musste schreiben, „das ist das, was man will und muss“. Es folgten Gedichtbände und Erzählungen. Für „Turksib“ adelte man ihn 2007 mit dem Bachmann-Preis. Und nun liegt „Kruso“ vor uns, sein erster, 480 Seiten starker Roman, für den Seiler knapp vier Jahre recherchiert und geschrieben hat.

Das Erdgeschoss des Huchel-Hauses teilt sich in Museum und Veranstaltungsbereich, oben ist Seilers privates Refugium. Etwa zwei Wochen im Monat ist er hier draußen in der Natur, seine „Schreibhöhle“ aber ist in Stockholm. Dort lebt seine Frau, Übersetzerin und Germanistin wie er. Seiler lernte sie am Literarischen Kolloquium am Wannsee kennen.

Von der „Schreibhöhle“ aus kann er aus dem Fenster schauen. Manchmal muss er die Jalousie runterlassen, da draußen passiert so viel, es hält ihn vom eigenen Text ab. An dem Schreibtisch vor dem Fenster ist „Kruso“ entstanden. Wenn er schreibt, sei das wie eine „Betonmischmaschine“, die sich dreht und dreht, aufhören kann er nicht so einfach. Das sei mitunter eine Belastung für die Familie.

Seine Frau war es, die ihn auf Hiddensee brachte. Eigentlich arbeitete er an einem anderen Romanprojekt, das sich mit der Berliner Nachwendezeit von 1990 bis 1993 beschäftigte. Jene Jahre, wo er in der Rykestraße im Prenzlauer Berg wohnte, für 80 Mark, und kellnerte. Die „Assel“-Zeit, nennt er es, so hieß die erste freie Kneipe in der Oranienburger Straße.

Aber der Roman wollte einfach nicht werden. Er quälte sich, „es stand alles in Frage“. Bis seine Frau sagte, er solle doch „mal zehn Seiten über Hiddensee schreiben“, geplant als ein kleiner Teil im ursprünglichen Roman. Und so wurde aus einer Krise und einem Kapitel ein gewaltiger „Kruso“.

Mit „Kruso“ ist das so eine Sache. Der Roman ist nichts für schnelle Leser. Wer sich nicht einlässt auf diese, ganz aus dem Reich des Phantastischen geborenen Hiddensee-Enklave, der steigt bald aus. Am besten man beginnt bei Einbruch der Dunkelheit an zu lesen. Dann entwickelt das Buch einen Sog, ja einen Rhythmus, der den Leser langsam mitnimmt wie eine sanfte Welle.

Es geht um Edgar Bender, Ed genannt, 24 Jahre alt. Er hat seine Freundin G. verloren und fühlt sich fremd in seinem „alten ehemals eigenen Leben“. Und so landet er auf der Ostseeinsel, dem Außenposten der DDR, heuert im Klausner als Abwäscher an. Der Abwasch zieht sich manchmal über ganze Seiten hinweg.

In dem Betriebsferienheim haust eine seltsame Schicksalsgemeinschaft, „Obdachlose“, „Schiffbrüchige“, allesamt „Aussteiger, Abenteurer, Antragssteller, gescheitert auf irgendeine Weise und ,Flüchtlinge in spe’“.

Im Mittelpunkt steht Alexander Krusowitsch, der titelgebende „Kruso“, ein etwas mysteriöser Russlanddeutscher mit Haarzopf, der aussieht wie ein Kolumbier und alles zusammenhält wie ein Geheimbündler seine Truppe. Sie alle gehören „nicht mehr wirklich zum Land, sie haben das Land unter ihren Füßen verloren.“ Sie tauschen Westbücher aus. Sie sind voller „Träume und Vorhaben“. Der „Schiffbruch eines Landes“ liegt wie eine seltsame Glocke über der ganzen Situation. Das Ganze spielt 1989, im allerletzten Sommer der DDR. „Das war ein Mikromilieu, das es so nur dort und später nie wieder gegeben hat“, erzählt Seiler. Die Insel sei ein Mythos und ein Sehnsuchtsort gewesen, „nicht nur für Intellektuelle. Hiddensee war eine Art Fluchtort innerhalb der DDR-Grenzen“.

Eine Robinsonade

Er kennt Hiddensee gut. 1988 war er da, im Sommer 1989 kehrte er zurück mit einem Freund – sie dienten sich als Abwäscher im Klausner an. 2,70 Mark die Stunde. Heute, sagt der Bachmann-Preisträger, sei die Patina des Hauses nicht mehr da. Der Wirbel um sein Erfolgsbuch ließe die Tresenleute und Kellner ziemlich unbeeindruckt, sie, erzählt er, „machen einfach ihr Ding“. Er hat trotzdem einige Krusos dort am Tresen hinterlassen – für die Abwäscher zum Lesen.

Seiler hat inzwischen Kaffee gemacht, serviert in bunten Tassen mit Plastiklöffeln und es gibt Bahlsen-Kekse dazu, die Stühle stammen wohl aus den Fünfzigern. Der Mann ist nicht groß und er ist still, und wenn er spricht, dann setzt er behutsam und bedacht ein leises Wort ans andere. Wahrscheinlich formt er so auch seine Gedichte.

Man kann gar nicht anders, als seinen Sätzen zu lauschen. Da ist er wieder, der gleiche Rhythmus wie in seinem Roman. Es soll nicht pathetisch klingen, aber Seilers Prosa ist ganz und gar geboren aus dem Geist seiner Poesie. Da kommt es nicht von ungefähr, dass Ed und Kruso Georg Trakl lesen, Morphinist und Lyriker der Düsternis. Und so „trakeln“ dann immer wieder auch winzige Dämonen durch den Text.

Man kann „Kruso“ durchaus als wundersamen Wenderoman lesen, nicht nur weil er im allerletzten Sommer der DDR spielt. Doch Seiler mag das irgendwie nicht hören. Vielleicht will er diese Kategorisierung vermeiden, diesen realpolitischen Anspruch. „Es geht nicht um die Rekonstruktion des Sommers 1989“, sagt er. „Aus meiner Sicht ist es eine Robinsonade. Diese besondere, zärtliche, schwierige Freundschaft steht im Zentrum, dazu Krusos Philosophie der Freiheit.“

Kann er sich einen zweiter Roman vorstellen? Lust hat er. Der würde sich zeitlich an „Kruso“ anschließen. Er würde den Stoff seines ersten Romans wieder aufgreifen, also die unmittelbare Berliner Nachwendezeit. Die Figuren hat er ja und die Menschen von damals hat er auch wieder getroffen. „Das Ganze funktionierte vom Mauerfall an ja wie eine Wanderdüne, die von Hiddensee nach Prenzlauer Berg mäandert ist.“

Mal schauen, ob der Abstand von 25 Jahren nun ausreicht für einen Berliner Wenderoman.