Auf der Pfaueninsel ist Thomas Hettche dieser Tage regelmäßig anzutreffen. Der Schriftsteller findet das selber etwas seltsam. Aber für die Fernsehbeiträge, Interviews und Fototermine, die sich im Moment häufen, fährt er gern per Fähre auf die verträumte, zwischen Berlin und Potsdam gelegene Havelinsel. Hettche ist der amtierende Insel-Experte, spätestens, seit sein Roman „Pfaueninsel“ (Kiepenheuer & Witsch) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreises steht. Am 6. Oktober findet die Verleihung des renommierten Preises in Frankfurt am Main statt. Hettche ist einer von vier Schriftstellern aus der Region, sechs Kandidaten sind es insgesamt.

Über die mühsame Zeit des Wartens will er, der eigentlich sein Herz auf der Zunge trägt, kaum etwas sagen. „Ich war ja 2006 schon einmal auf der Shortlist und erinnere mich gut an den Abend der Preisverleihung“, so Hettche: „Dementsprechend schlafe ich jetzt schon schlecht und bin froh, wenn das ganze Procedere bald vorüber sein wird. So oder so.“ Hettche glaubt sowieso nicht daran, dass es den „besten Roman gibt, das ist ja absurd“. Literatur ist doch kein Fußballspiel.

Lebt in Schöneberg

Thomas Hettche, 49, wuchs in einem Dorf im Landkreis Gießen auf, studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie in Frankfurt am Main, wo er auch promovierte. Der Romancier gehört dem Pen-Zentrum Deutschlands an, ist mehrfacher Preisträger und Juror, unterrichtet verschiedentlich Poetik und ist auch journalistisch aktiv. Er war zeitweilig in Venedig, Krakau, Rom, Los Angelos. Wie alle Umtriebigen versichert er, das Sesshafte zu wollen. Derzeit lebt er in Schöneberg. Sein Verhältnis zu Berlin ist kompliziert, aber keineswegs strategisch. „Das ich schon drei Mal nach Berlin gezogen bin und zwei Mal wieder weg“, so Hettche, „hatte immer mit der Liebe zu tun.“

Die Häufung von Schriftstellern im Prenzlauer Berg nimmt er gelassen. Er war dort irgendwann wieder weg gezogen. Die Konzentration von Autoren in Berlin sieht er aber aus einem anderen Grund kritisch. „Vor 20 Jahren gab es noch Literaturszenen in Hamburg, im Ruhrgebiet, in München, die alle einen eigenen Charakter hatten. Das gibt es nicht mehr“, sagt Hettche. Das sei schon ein Verlust für die Literaturszene. „Andererseits: Wenn man nicht gerade in Kreuzkölln oder im Prenzlauer Berg lebt, ist die Chance groß, im Supermarkt keinen Kollegen zu treffen. Ein Manko an Berlin ist nur, dass man so wenig Menschen aus realen Lebensverhältnissen trifft, das ist in kleineren Städten einfacher. In Berlin ist man doch sehr oft in der Kulturszene unterwegs.“

„Nox“ heißt sein erster Berlin-Roman, der Mitte der 90er-Jahre erschienen ist. Er spielt in der Nacht des 9. November 1989. Die Stadt spielt schon eine prägende Rolle in seinem Schriftstellerdasein. Und das von Anbeginn. Sein allererster Roman „Ludwig muss sterben“ war gerade fertig und sollte im Herbst 1989 bei Suhrkamp erscheinen. „Ich war damals 24, lebte eigentlich in Frankfurt, war für ein halbes Jahr Stipendiat im Literarischen Colloquium am Wannsee und noch sehr hin- und hergerissen, bist du nun Student, Schriftsteller oder was“, erinnert sich Hettche: „Ich war also auf der Pfaueninsel spazieren und habe mich, auf der Suche nach einem neuen Stoff, sofort in die Insel verliebt. Sie war damals, die Mauer stand ja noch, ein etwas heruntergekommener, ziemlich weltvergessener Ort im äußersten Westen West-Berlins. Dann habe ich in der Stabi recherchiert und fand Maria Dorothea Strakon.“

Zwischen zwei Zeiten zerrissene Heldin

Im Roman erzählt Hettche die Liebesgeschichte zwischen der kleinwüchsigen Marie und dem Gartenkünstler Gustav Fintelmann, einem Neffen des königlichen Hofgärtners. Genau genommen ist es eine fiktive Lebensgeschichte der Marie. „Man weiß eigentlich nichts über sie. Es gibt nur ihren kleinen Grabstein mit den Lebensdaten und der Bezeichnung Schlossfräulein“, so Hettche. „Den Rest musste ich erfinden. Ich denke, ich bin ihr in den 25 Jahren der Recherche nahe gekommen. Sehr nah, das können Sie mir glauben.“

Dem Roman ist anzulesen, wie akribisch er recherchiert und sich auf den Atem der Zeit eingelassen hat. Die Protagonisten sind historisch verbürgt, sie werden bei ihm lebendig vor einem großen Panorama der preußischen Geschichte. Und das zugleich auf engstem Raum, die Insel ist gerade mal 1,5 Kilometer lang und 500 Meter breit. „Gerade, weil heute alle Spuren getilgt sind, möchte ich dem Leser mit dem Roman vor Augen stellen, dass diese Insel einmal eine Art Arche Noah war“, sagt Hettche: „Es gab zeitweise über 800 Tiere dort, hundert Leute haben auf der Insel gelebt und gearbeitet, es muss ein einziges Tohuwabohu gewesen sein.“ Später ging daraus der Berliner Zoo hervor, all das schildert Hettche en passant. Ein Sachbuch sei es aber nicht, betont der Autor.

Das Aktuelle an dem Buch sieht er darin, das auch wir – wie seine Hauptfigur Marie – gerade zwischen zwei Zeiten feststecken. „Meine Heldin, die es nicht leicht hatte durch ihre Missbildung, ist zum Teil noch ein Kind des Barock und Rokoko, lebt aber ihr Leben im 19. Jahrhundert mit seiner ganz anderen Ästhetik. Diese Zerrissenheit hat mich interessiert.“

Im Stil des 19. Jahrhunderts

Bleibt die Frage, warum erst jetzt der Roman vorliegt, wenn er bereits vor 25 Jahren die Pfaueninsel entdeckt hat? „Als junger Autor dachte ich immer, man muss unbedingt modern schreiben. Ich hätte damals diesen Roman nicht schreiben können, rein handwerklich, aber ich hätte es mich auch nicht getraut, so zu erzählen“, sagt Hettche. „Mit der Freiheit, dass es dann eben so klingt, wie man im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Dennoch ist es ein modernes Buch geworden.“ Und eines voll gebildeter Anspielungen.

Der Mark-Brandenburg-Wanderer Theodor Fontane hat schwärmerische Beschreibungen der Pfaueninsel hinterlassen. Thomas Hettche hat den Fontane ausgiebig gelesen. Natürlich wären seine „Wanderungen“ wichtig, um zu begreifen, was um die Insel herum geschah, sagt er. Und beiläufig hat er auch ein Fontane-Zitat in seinem Roman versteckt. Aber das wollte er eigentlich gar nicht erzählen.