„Das Bild davor. – Nein, das Andere. – Ich will das, was Sie nicht wollen. – Ja, genau das. – Oder stopp zurück, doch das davor.“ Angelika Klüssendorf hat keine so gute Nacht hinter sich, Nierenschmerzen hielten sie wach. Sie fühlt sich so gar nicht nach Fototermin, hat sich aber dann doch breitschlagen lassen. Mit dem Fotografen schaut sie gemeinsam die Aufnahmen durch, es klingt ein bisschen wie ein Hörspiel von Loriot. Auch wenn sie nicht weiß, was sie will, wirkt Angelika Klüssendorf entschlossen.

Die 55-Jährige ist 2010 nach Görsdorf gezogen, in der Nähe von Storkow, also in das Gebiet mit dem berlinweit gefürchteten Kennzeichen LOS. Sie hat in Leipzig gelebt und ist 1985 nach West-Berlin gezogen. Sie war in Frankfurt und 15 Jahre verheiratet mit „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, der im Frühjahr verstarb. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, und als der Sohn ankündigte, die Wohnung zu verlassen, war es auch für sie Zeit zu gehen. Raus aus Prenzlauer Berg, raus aus dem Trubel, rein nach Brandenburg, in die Abgeschiedenheit.

Nähe stresst sie

Sie ist nicht „menschenscheu“, wie in einem Porträt zu lesen war. Sie mag Menschen. Nur dosiert. Ihre Freunde seien sauer auf sie, erzählt sie, weil sie in einem wirklich schönen Haus wohne, mit Garten und dem See in der Nähe, aber davon hätten sie nicht viel. Zu selten würden sie eingeladen werden, so lautet die Beschwerde. „Ich bin mit meinen Freunden gern zusammen. Und ich habe sie auch gerne. Aber das ist dann ein Abend“, sagt sie. Nähe stresst sie, sie mag das Schreiben auch deshalb, weil es ein geschützter Raum ist. Als wir nach dem Gespräch den Volkspark Friedrichshain verlassen, biegt sie ab. Das sei ihr zu viel Gemeinsamkeit, sagt sie zum Abschied. „Gesellschaft ist toll, wenn die Leute nicht wären“, hat Peter Licht es besungen.

Nun muss sie aber wieder raus, zu den Leuten. Ihr Roman „April“ ist auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, da steigt die Nachfrage nach ihrer Person auch an, selbst wenn das Buch bereits im Februar erschien. Es ist eine schöne und verdiente Anerkennung ihrer Arbeit, bereits der Vorgängerroman „Das Mädchen“ landete 2011 auf der Shortlist. Als sie vor ein paar Wochen hörte, dass sie wieder auf der Liste der sechs besten deutschsprachigen Romane des Jahres gelandet war, bat sie ihren Lektor doch bitte nachzufragen, ob das wirklich stimmt, so „unwahrscheinlich und großartig“ kam es ihr vor. Sie macht nachdrücklich nicht den Eindruck, als wenn es ihr etwas ausmacht, dass sie nur Außenseiterin ist. Es läuft auf Thomas Hettche und Lutz Seiler hinaus, glaubt sie (wie alle). Sie hat keine Chance, will sie aber nutzen.

Von der Kritik geliebt

„April“ war ein Kritikerliebling, es gab keinen Rezensenten, der nicht begeistert war. „Alle finden das Buch gut“, sage ich. „Ich find’s auch gut“, sagt sie. Der Haken ist: Folgte der Leser den Besprechungen, konnte er sich auf das Buch wie auf einen Zahnarzttermin freuen. Von „unerträglich harter Kost“ („Tagesspiegel“) und „ziemlich ungemütliche Literatur“ („taz“) war zu lesen. Nur weil etwas nicht falsch ist, ist es noch lange nicht richtig.

„Mädchen“ und „April“ sind die ersten beiden Teile ihrer Trilogie, das namenlose Mädchen aus dem ersten Buch nennt sich nun April. Während in „Mädchen“ das Kind unter einer Mutter leidet, die keine Erniedrigung unterlässt, ist „April“ das Buch einer Erwachsenwerdung. Die Kälte des ersten Romans entsteht auch durch die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein einer Minderjährigen. Aus dem, notgedrungen, passiven Kind wird nach und nach ein eigenständiger Mensch. Zwischen Aprils Gedanken „Ich halte es nicht aus, wenn es mir gut geht, ich traue dem nicht“ und der Ohnmacht gegenüber ihrer Freundin, die „starr vor Angst“ ist und die sie „am liebsten ohrfeigen und ihr sagen würde, sie solle sich zusammenreißen“, liegen nur wenige Jahre und doch wirkt die Spanne wie ein halbes Leben.

Ohrfeigen und viel Alkohol

Ein vertrautes Gefühl. Ohrfeigen möchte man am Anfang des Romans nämlich April. Weil sie sich mit den falschen Männern abgibt. Weil sie zu viel Alkohol trinkt. Weil sie ihre Tage verdämmert. Ihren Mangel an Ehrgeiz. Sie nervt ihren Leser und, beruhigend, Angelika Klüssendorf geht es genauso. „Die Figur hat mich angestrengt.“ Dieses Gefühl schwindet, je öfter sie immer „wieder einmal davonkommt“, wie es im Buch heißt. „Sie fällt und bleibt nicht unten liegen und springt dann weiter“, sagt Angelika Klüssendorf. Nach und nach sind ihre Wut und ihre Unangepasstheit nicht mehr nur Reaktionen auf ihr sadistische Mutter und die Kleinbürgerwelt der DDR. Sie wird zu einem Charakter, manchmal ein bisschen irre und meistens unberechenbar, aber eine Kämpferin.

Ihren Job im Museum bekommt sie vom Staat zugewiesen, nachdem sie in der Klinik war. Sie darf ihn nur behalten, wenn sie für ihre Vorgesetzten die heikle Balance zwischen meschugge, aber ungefährlich hält. Sie stellt einen Ausreiseantrag, nicht, weil sie den Sozialismus ablehnt, sondern das Eingesperrtsein. Als „eng, eng, eng“ habe sie die DDR empfunden, sagt Angelika Klüssendorf. April verliebt sich, sie bekommt einen Sohn. „Sie nimmt Julius zu sich ins Bett, betrachtet ihn, versucht zu ergründen, was er fühlt, so blind, so klitzeklein und abhängig von ihr.“ Ihr Ausreiseantrag wird genehmigt, als sie damit nicht mehr rechnete.

Dem Kindheitstraum der plötzlichen Erlösung, den manche bis ins hohe Alter träumen, widerspricht Angelika Klüssendorf in ihrem Roman. April, die einen Selbstmordversuch übersteht, lernt das Leben wenn nicht zu lieben, so doch zu schätzen. April, deren Mutter ihr prophezeite, dass sich für sie nie ein Mann interessieren werde, findet einen Mann (und als der sich als Nörgler herausstellt, kommt ein anderer Mann). April, die am Anfang jedem ihrer Gefühle misstraut, genießt in einem Urlaub in Italien die Sonne, das Meer, ohne sie zu hinterfragen, einfach so. „Auch selbstzerstörerische Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf, „können glücklich sein.“