Vielleicht liegt es an der Nähe zum Bergmannkiez: Die Menschen, die während des Fotoshootings vorbeikommen, die Mutter mit dem Kind oder der Mann mit Hund, sie bleiben respektvoll stehen. Sie scheinen den Schriftsteller aber nicht zu erkennen. Und falls doch, dann ist es in Berlin ja eher üblich, dass man das nicht zeigt. Thomas Melle ist in den vergangenen Wochen in Zeitungen und Magazinen häufiger zu sehen gewesen, denn sein neues Werk „3000 Euro“ ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für die Shortlist.
Mit fünf anderen konkurriert er um die Auszeichnung, die die Auflage in die Höhe treiben würde. Der Fotograf versucht, Melle zum Lächeln zu animieren. Der Autor mag das eigentlich nicht so gern. Er zieht es vor, ernst zu schauen und die Arme vor dem Körper zu verschränken. Oder mit Zigarette im Mund, nach unten blickend, vielleicht auf den Text, so ein bisschen fassbinderlike, so ist er auf dem Autorenfoto im neuen Buch zu sehen.
Außer Kontrolle
Seinen Verleger hat er direkt vor unserem Gespräch getroffen. Zum Essen. Das machen sie regelmäßig. Rowohlt Berlin sitzt nicht weit von hier. Und um nicht zweimal im selben Lokal zu sein, wechseln wir die Straßenseite. Das Verhältnis zum Verleger sei gut, Melle umschreibt es mit den Worten „old school“ und schiebt vorsichtshalber ein „im besten Sinne“ nach. Er sei froh, „bei der Prosa ein richtiges Zuhause gefunden zu haben“.
Dem Gegenüber gehen Bilder durch den Kopf von Hans Fallada, der sich auf seinem Anwesen in Carwitz von Rowohlt besuchen lässt. Der Verleger in der Limousine auf den holprigen Straßen Mecklenburgs auf dem Weg zu seinem Autor, der seine Gäste immer üppig bewirtete – und seine Familie jeden Sonntag zum Wiegen auf die im Hof aufgebaute Waage schickte, sich auch selbst der Prozedur unterzog und über die Zu- oder Abnahmen akribisch Buch führte.
Vergleich mit Fallada
Den Vergleich mit Fallada hat ein Kritiker gezogen. Der Roman „Jeder stirbt für sich allein“ zeige, mit „welcher Wucht und mit welchen Volten man aus der Unterschicht erzählen kann“. Thomas Melle spricht lieber von Menschen am Rande der Gesellschaft. Wie durchlässig sind die Grenzen, wenn man unten ist? Anton, einer der beiden Protagonisten in „3000 Euro“, war mal auf dem Sprung nach oben.
Gutes Abitur, Jurastudium, aber dann entglitt ihm sei Leben aus der Kontrolle. Kneipen, Clubs, Rauschmittel. Irgendwann „schien sein Hirn umgekippt zu sein wie ein vergifteter See“. Er hat 3000 Euro Schulden – die Bank will das Geld gerichtlich eintreiben, der sich nähernde Tag des Prozesses gibt dem Buch den countdownhaften-dramaturgischen Rahmen.
Und dann ist da noch Denise, die Kassiererin aus dem Discounter. Eine überforderte alleinerziehende Mutter, die sich in genervten Augenblicken schon mal mit dem Gedanken trägt, ihr Kind von einer Aussichtsplattform zu schubsen, aber gleichzeitig davon träumt, mit Tochter Linda nach New York zu fahren. Dazu braucht sie, man kann es ahnen, 3000 Euro. Sie wartet ungeduldig auf die Überweisung des Geldes, denn für einen Pornodreh hat sie noch 3200 Euro zu bekommen.
Die beiden begegnen sich, Anton löst vorzugsweise in dem Supermarkt von Denise seine Flaschensammel-Pfandbons ein, es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die darauf hinausläuft, dass Denise sich entscheiden muss.
Ein realistisches Ende
Es soll hier nicht zu viel verraten werden, aber schon, dass Melle seinen Figuren kein Happy-End gönnt. Dazu ist er zu realistisch. Aber die beiden versinken auch nicht in der Spirale nach unten. Sie kämpfen dagegen an, „diese Widerständigkeit war mir wichtig“, sagt Melle. Er spricht von einer „Art von Glücklichsein im Unglück“.
Der Autor, Jahrgang 1975, zündet sich noch eine Zigarette an, ein Grund, warum wir uns nach draußen gesetzt haben. Wir kommen prompt in den Genuss eines lautstarken Akkordeon-Solos. Zur Überbrückung gibt es eine Anekdote von einem Gespräch mit dem halbtauben George Tabori und dann den Vorschlag, doch lieber aufs Ende der Musikdarbietung zu warten.
Kaffee und Zigaretten, das waren bei Fallada zwei unverzichtbare Voraussetzungen fürs Arbeiten. Darin ähneln sich Melle und der Vielschreiber aus Mecklenburg. „Ich muss mich kurz sammeln“, sagt Melle, noch etwas irritiert vom Straßenmusiker, auf den eigenen kreativen Prozess angesprochen. Früher habe er „eher nachts geschrieben“, er will das Klischee vom wilden, einsamen Getriebenen aber gern meiden, „heute eher durchorganisiert“. Bei „Sickster“, dem Debütroman, der für die Longlist des Buchpreises nominiert war, habe er „Explosionen zugelassen“. Bei „3000 Euro“ sei er disziplinierter gewesen. Schreiben, wenn andere im Büro sitzen.
Keine Routine
Gemeinhin gilt der zweite Roman, ähnlich wie die zweite Platte für Bands, als besonders schwierig. Melle sieht das nicht so. „Jeder Text ist Neuland. Jeder Roman, jede Erzählung erfordert ihre eigene Form.“ Außerdem könne er „bislang noch auf keine Routine zurückgreifen“.
Er hat sich Zeit gelassen bis zur ersten Veröffentlichung. „Ich dachte, ich habe keine Eile, wollte erst mal viel Aufnehmen.“ Melle hat Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und an der Freien Universität studiert, seit 1997 lebt der gebürtige Bonner in Berlin, derzeit in Neukölln, davor in Mitte – er ist häufiger umgezogen. 2004 wurde sein zusammen mit Martin Heckmanns verfasstes erstes Theaterstück am Deutschen Theater uraufgeführt, 2006 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. 2007 erschien sein Erzählband „Raumwunder“, vier Jahre später der erste Roman.
Der große Trubel ist sein Ding nicht. Lesungen sieht er als eine Notwendigkeit an, bezeichnet sie pragmatisch als „Teil des Deals“. Am kommenden Montag, dem Tag der Preisverkündung, wird er in Frankfurt im Römer sein. Er wird einen Anzug tragen. Aber er glaubt nicht, dass er eine Chance auf den Buchpreis hat.




