Musik

Deutsche Oper entdeckt Komponist Meyerbeer wieder

In Berlin geschmäht, in Paris gefeiert: Jetzt versucht die Deutsche Oper, das Wirken des Berliner Komponisten Meyerbeer wieder ins Bewusstsein zu rücken. Ein ganzer Premieren-Zyklus ist angekündigt.

Foto: ©Luisa Ricciarini/Leemage / picture alliance / Luisa Ricciar

Vom belebten Kollwitzplatz aus führt ein schmaler Weg direkt zum Jüdischen Friedhof, allerdings versperrt heute eine große, schwarze Tür den Zugang. Die wenigen Besucher müssen um drei Ecken zum Eingang an der Schönhauser Allee laufen. Kaum einer weiß, dass dort auch Giacomo Meyerbeer (1791-1864) begraben liegt. Es ist ein prächtigeres Grab, seine Familie gehörte zu den wohlhabenden, einflussreichen im alten Berlin. Mitte des 19. Jahrhunderts war Jakob Meyer Beer, so sein Geburtsname, der wohl populärste Opernkomponist, der in Paris Triumphe feierte.

Mit seiner Grand Opéra hatte er Gioachino Rossini, den Meister des Schöngesangs, abgelöst, einige Jahrzehnte später stellte Richard Wagner mit seinen düster-gigantischen Musikdramen alle anderen in den Schatten. Meyerbeers Ausstattungsopern wurden in Deutschland noch bis 1933 gespielt, dann verboten die Nazis die Aufführungen. Nach dem Krieg begannen vereinzelte Versuche der Wiederbelebung, aber aus dem Standardrepertoire sind seine Opern verschwunden. Auch Berlin hat seinen größten Opernkomponisten vergessen.

Symposium zum Auftakt

Die Deutsche Oper möchte jetzt Meyerbeers Werk nach Berlin zurück holen, ein ganzer Premieren-Zyklus ist angekündigt. Es beginnt mit „Vasco da Gama – Die Afrikanerin“ in der Regie von Vera Nemirova, die Premiere ist am 4. Oktober 2015. Für die beiden folgenden Spielzeiten sind „Die Hugenotten“ und „Der Prophet“ vorgesehen. Den Auftakt zu diesem Großprojekt bildet jetzt am 1. Oktober die konzertante Aufführung von Meyerbeers später Opéra comique „Dinorah oder Die Wallfahrt nach Ploermel“ in der Philharmonie.

Bereits am 29. September eröffnet unter dem Titel „Europa war sein Bayreuth“ ein mehrtätiges Symposium in der Tischlerei der Deutschen Oper. In den Vorträgen geht es um die editorische Neuaufbereitung der Opern, um Meyerbeers Einfluss auf Wagner oder um Meyerbeer und Antisemitismus. Die Marburger Meyerbeer-Expertin Sabine Henze-Döhring, die gerade zum 150. Todestag eine neue Biografie „Giacomo Meyerbeer: Der Meister der Grand Opéra“ (C.H. Beck) veröffentlicht hat, wird über seine Berliner Freunde sprechen.

Auf die Frage nach Meyerbeers Lieblingsort in Berlin, zögert Sabine Henze-Döhring im Gespräch keine Sekunde. Wenn der Komponist mittags ausging, so die Musikwissenschaftlerin, dann entweder in den Tiergarten hinein oder den Boulevard Unter den Linden hinunter. Dort spielte sich damals das gesellschaftliche Leben ab. Der Komponist wohnte selbst am Pariser Platz 6a, also in bester Lage gleich am Brandenburger Tor. Gegenüber lebte einer seiner Freunde und Förderer, Graf Friedrich Wilhelm von Redern. Der war Generalintendant für Schauspiel und Musik und eine graue Eminenz im kulturellen Leben in den 1840er- und 1850er-Jahren. Das Palais Redern stand dort, wo heute das Hotel Adlon seine Gäste empfängt.

Mit Humboldt befreundet

Zu Meyerbeers Freunden gehörte auch Alexander von Humboldt, der Weltenbummler, der bei seinen Vorlesungen an der Universität vom Publikum überrannt wurde und seine Vorträge deswegen in die größere Sing-Akademie verlegen musste. Ein enger Freund war auch Ignaz von Olfers, der Generaldirektor der Königlichen Museen, der sich um den Ausbau der Museumsinsel verdient machte. Alle verband, dass sie aus dem erzpreußischen, engstirnigen Berlin eine kosmopolitische Stadt machen wollten. „Sie wollten Berlin pushen“, sagt Sabine Henze-Döhring. Dazu brauchte man die Besten.

Es war die Zeit, in der jüdische Familien in der Berliner Gesellschaft aufsteigen konnten. Einige säkularisierten sich dafür, andere konvertierten wie der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy zum Protestantismus. Die Familie Beer – der Komponist zog erst um 1810 seinen Vornamen Meyer mit dem Nachnamen Beer zusammen – fand ihren Weg ins freizügigere Reformjudentum. Vater Jacob Herz Beer, ein Zuckerproduzent und Bankier, betrieb ab 1815 in seinem Haus an der Spandauer Straße 72 die Beer-Jacobson-Synagoge. Acht Jahre später wurden die Gottesdienste durch ein königliches Dekret untersagt.

Meyerbeer führte die französische Grand Opéra zur Blüte

Felix Mendelssohn Bartholdy und der ältere Giacomo Meyerbeer sind in befreundeten Familien aufgewachsen, sagt Sabine Henze-Döhring. Die Familien besuchten sich gegenseitig. Einer der Brüder, Heinrich Beer, heiratete sogar bei den Mendelssohns ein. Aber die beiden großen Komponisten mochten sich gegenseitig nicht. Vielleicht auch aus Konkurrenzgründen. Beide waren weit gereist, bestens ausgebildet von den namhaftesten Musikern ihrer Zeit, beide waren Schüler von Carl Friedrich Zelter im Umfeld der Sing-Akademie. Beide galten als anständig, als familiär, aber auch als arrogant.

Beide haben es weit gebracht, der eine reformierte das Konzertwesen, der andere die Oper. Mendelssohn hat als Gewandhauskapellmeister in Leipzig das Modell des modernen Dirigenten eingeführt. Bis dahin hatten Dirigenten eigentlich nur ihre eigenen Werke aufgeführt, seit Mendelssohn wird ein klassisches Repertoire gepflegt. Meyerbeer wiederum, der in Deutschland, Italien und Frankreich Erfahrungen sammelte, konnte die französische Grand Opéra zur Blüte führen, indem er das Beste der Musiknationen in seinen Werken zusammenführte. Weit schwingende Melodien verbinden sich in ihnen mit dramatischem Gestus, das Ganze ist farbenreich instrumentiert.

Vom preußischen König war Meyerbeer 1842 als Nachfolger Gaspare Spontinis zum Generalmusikdirektor der Berliner Oper ernannt worden. Letztlich nur eine Ehrung wie auch der Orden Pour le Mérite. Seine Gestaltungsmacht hielt sich in Grenzen, in Berlin blieb er als Komponist viel geschmäht. Seine großen Erfolge hatte er in Paris, wo er auch 1864 verstarb. Aber sein Herz hing an Berlin. Testamentarisch hat er die Überführung seiner Leiche auf den Jüdischen Friedhof nach Berlin verfügt.