Kunstaktion

Neue Nationalgalerie wird vor Sanierung zum Wald

Ende des Jahres schließt die Neue Nationalgalerie. Doch zuvor hat Stararchitekt Chipperfield noch etwas Besonderes vor - Er setzt 144 Baumstämme in die große Glashalle.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Die Pressekonferenz findet auf der „Lichtung“ statt: Die Journalisten und die vier Personen auf dem Podium sind umgeben von 144 Baumstämmen. Die Rinde wurde entfernt, die Stämme riechen dezent, sind gut acht Meter lang und kommen aus Mecklenburg-Vorpommern. Laut Pressemappe stammen sie aus einem Privatwald und konnten wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse nicht „wie üblich nach 70 bis 80 Jahren“ geschlagen werden. Jetzt sind sie 100 Jahre alt und damit doppelt so alt wie die Neue Nationalgalerie – Stararchitekt David Chipperfield, 60, weist bei der Präsentation am Dienstag auf diesen Zusammenhang hin. Und erzählt eine kleine Anekdote. Er sei sorgenvoll angesprochen worden, ob denn das Gebäude schon in so einem schlechten Zustand sei, dass man Maßnahmen zur Stützung des Daches ergreifen musste?

Natürlich nicht, aber das eine steht schon in einem Zusammenhang mit dem anderen. Denn mit Beginn des kommenden Jahres startet die vom Büro Chipperfield geplante denkmalgerechte Sanierung der Neuen Nationalgalerie. Und vorher, als eine Art Prolog, bespielt der Architekt mit einer Installation die Glashalle des Mies-van-der-Rohe-Baus. Gleichzeitig die letzte Chance, einen Blick in diese Architekturikone zu werfen, die zwischen 1965 und 1968 errichtet wurde.

Die Sanierungszeit könnte drei Jahre dauern

Denn mit dem letzten Ausstellungstag am 31. Dezember schließt das Museum und damit eine von Berlins wichtigsten Ausstellungsstätten für moderne Kunst. Man geht von einer Sanierungszeit von drei Jahren aus, aber so genau möchte sich auf dem Podium niemand festlegen. Der Großflughafen und die Staatsoper haben Spuren hinterlassen: Berlins Bauherren ziehen es mittlerweile vor, keine genauen (Wieder-)Eröffnungsdaten zu nennen.

Also lieber über die Installation reden, denn darum, und nur darum soll es gehen. Das betont Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, gleich am Anfang der Pressekonferenz. Mit britischem Understatement erläutert Chipperfield seine Arbeit, die den Titel „Sticks and Stones“ trägt und den Mies-Bau in eine Säulenhalle verwandelt. „Eigentlich haben wir nichts anderes getan, als 144 Baumstämme in den schönsten Raum Berlins zu stellen und zu warten, was passiert“, sagt Chipperfield.

Dass sich natürlich einerseits auf den Bau bezieht, dessen monumentales Dach freischwebend wirkt, weil die acht schlanken Stahlstützen weit von den Dachecken eingerückt sind. Andererseits auf die Architekturgeschichte, in der Säulen viele Jahrhunderte lang eine tragende Rolle spielten; heute sind sie etwas aus der Mode gekommen, werden aber gern von Einfamilienhaus-Bauherren für einen Eingangsbereich im Scarlett-O’Hara-Südstaaten-Stil verwendet.

Diagonaler Blick eröffnet neue Perspektiven

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, schwärmt von den neuen Sichtachsen, er spricht vom diagonalen Blick, der, dank der Installation, neue Perspektiven eröffne. Und Fragen zum Kulturforum aufwirft. Die nach dem Erweiterungsbau. Vor knapp einem Jahr hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Pläne für ein Museum der Moderne, also die Kunst des 20. Jahrhunderts, hinter der Neuen Nationalgalerie vorgestellt. So richtig vorangekommen ist die Sache aber nicht, obwohl sie drängt. Denn das betagte Sammlerehepaar Pietzsch will Berlin seine wertvolle Sammlung schenken, aber nur, wenn die Werke nicht im Depot verschwinden.

Natürlich wäre es schön, nimmt Eissenhauer eine Journalistenfrage auf, wenn parallel zu den Sanierungsarbeiten ein Neubau für die Moderne errichtet werden würde. Er hofft auf „eine Richtungsentscheidung bis zum Jahresende“, also ein entsprechendes Signal vom Bund. Es eilt. Im November sollen die Etatberatungen für 2015 abgeschlossen sein.