„Mein Name ist Iza und das ist unser Zirkus.“ Mit diesen Worten begrüßt die dänische Sängerin und Performance-Künstlerin Iza Mortag Freund das Premierenpublikum am Sonntagabend im Chamäleon Theater und nimmt die Besucher mit auf eine Reise ins Wunderland des zeitgenössischen Varietés. „Crossroads“ heißt die neue Show in der artistischen Wunderkammer in den Hackeschen Höfen und sie will einmal mehr als wilde Mischung aus Cabaret und Punk, Elektrobeats und Tanz, Schauspiel und Akrobatik das Varieté-Genre neu erfinden, Tradition und Moderne in einer Show vereinen.

Das funktioniert diesmal nur bedingt. „Crossroads“ ist eine Ko-Produktion des Chamäleons und der australischen Kompanie Circa. Deren Regisseur Yaron Lifschitz hat hier bereits zwei Erfolgsproduktionen auf die Bühne gebracht. Bei dieser dritten muss man nun feststellen: sie gleichen sich doch sehr. Wieder sind es sechs internationale Artisten, die im Fluss einer imaginären Geschichte ihre große Kunst ausstellen. Die artistischen Höchstleistungen freilich werden mit viel Zwischenapplaus gefeiert.

Gefeiert wird an diesem Abend auch ein Neuanfang. Auf den Tag genau vor zehn Jahren eröffnete das neue Chamäleon, um dem klassischen Varieté mit kreativem Übermut und ausgefallenen Ideen den Staub und die Plüschigkeit auszutreiben. Gegründet wurde es allerdings bereits 1991 von Clown Hacki Ginda und zwei weiteren Partnern. Schnell erspielte sich die unkonventionelle Truppe im Festsaal in den geschichtsträchtigen Hackeschen Höfen einen guten Ruf in der Stadt. Man feierte große Erfolge, musste aber auch schmerzliche künstlerische Niederlagen einstecken.

Die Lichter gingen wieder an

In Finanznot geraten, unter anderem auch wegen der Eröffnung einer zweiten Spielstätte in Wedding, die vom Publikum nicht angenommen wurde, konnte 2003 eine Insolvenz durch Spenden von Unterstützern und Freunden noch einmal abgewendet werden. Die erste Euphorie über die Renaissance des Varietés Anfang der Neunziger war verflogen. Das Publikum hatte sich sattgesehen. Im Sommer 2004 folgte das endgültige Aus für das ambitionierte Unternehmen.

Doch schon im September 2004 gingen die Lichter wieder an. In einem im klassischen Jugendstil renovierten und technisch aufgepeppten Haus, das nun von der neuen Chamäleon Theater GmbH mit innovativen, zeitgemäßen Bühnenshows bespielt wurde. Unter tatkräftiger Mithilfe von Varieté-Visionär Markus Pabst, der mit unüblichen Konzepten und nur auf den ersten Blick spleenig wirkenden Ideen wie der international gefeierten Badewannen-Show „Soap“ das Variete 2.0 programmierte. Gerade ist seine aktuelle Inszenierung „Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten zu sehen.

Die neue Show „Crossroads“ ist sozusagen das Geburtstagsgeschenk des Chamäleons für sich und seine Gäste. Auch diesmal ist das Ensemble erstklassig, allen voran die australische Kraftartistin und Hula-Hoop-Meisterin Freyia Edney. Doch der Abend will nicht so richtig auf Touren kommen. Sängerin Iza stakst auf mörderisch hohen Plateauschuhen als exzentrisch-manirierter Vamp über die Bühne. Sie ist sozusagen der rote Faden, der das zirzensische Gebilde zusammenhält. Ihr Gesang ist gewöhnungsbedürftig. Sie hat die Gabe, wie ein leicht verstimmtes Klavier zu klingen. Dann wieder kreischt sie sich in Avantgarde-Punk-Manier in höchste Höhen. Das ist mitunter imponierend, bei ihrer Version von Brecht/Weills „Surabaya Johnny“ dann wieder höchst ernüchternd.

Klassiker und eigene Kompositionen

Neben eigenen Kompositionen werden Klassiker von Friedrich Hollaenders „Want To Buy Some Illusion“ bis zu Depeche Modes „Never Let Me Down Again“ in die Mangel genommen. Alle Ensemblemitglieder sind auch Musiker, spielen Gitarre, Bass oder Akkordeon, lassen auch mal ein Theremin aufheulen. Vieles kommt dennoch aus der Konserve. Brillant sind die artistischen Leistungen. So überzeugt der schwedische Jongleur Peter Aberg nicht nur durch kraftvolle Hand-auf-Hand-Akrobatik, sondern schafft es auch, in Windeseile einen Rubikwürfel aufzulösen, während er eine Pfauenfeder auf der Stirn balanciert.

Die finnische Luftakrobatin Saara Ahola schwebt in atemberaubendem Tempo mitten im Saal am Trapez über den Köpfen der Zuschauer. Der Italiener Luka Forte und der Australier Scott Grove wiederum überzeugen mit kraftvoller Handstand- und Bodenakrobatik. Das Zusammenspiel im Ensemble ist von traumhafter Perfektion, die Einzelleistungen von erster Güte. Doch dieser Abend läuft nicht rund. Er bleibt bei allem Anspruch eine ambitionierte Nummernrevue. Der Applaus ist dennoch laut und langanhaltend.