Graphic Novel Day

Warum elf Comic-Zeichner in Berlin vom Leben gezeichnet sind

Von Katharina Greve über Cyril Pedrosa bis Sarnath Banerjee – Zeichner aus aller Welt reden über ihre Profession. Im Haus der Berliner Festspiele findet am Sonntag der vierte Graphic Novel Day statt.

Wie ärgerlich! Da ist man für den Deutschen Literaturpreis nominiert und feiert das mit dem um Jahrzehnte jüngeren Lover. Plötzlich wird man erschossen. Tod aus Versehen. Nur weil der Auftragsmörder die abgerockte Imbissbude „Fischers Frites“ – wo man aus Gründen künstlerischer Bodenständigkeit aß und trank –, mit dem Edelrestaurant „Fischers Fritz“ verwechselt hatwo er die untreue Gattin seines Auftraggebers samt Geliebten aufs Korn hätte nehmen sollen. Doch so lässt die Autorin und Zeichnerin Katharina Greve die Schriftstellerin Martha Korn, ihren Liebhaber Florian Brinkmann und den Imbissbudenkoch Peter Fischer in die ewigen Jagdgründe schippern.

In diesem „Hotel Hades“, so auch der Titel der eben bei Egmont erschienenen Graphic Novel, ist nichts mehr dem Zufall überlasen. Gott und seine Kollegen Odin, Osiris und Quetzalcoatl haben die Arbeit mit den Toten komplett an Hades ausgesourct. Der Gott der Unterwelt hat ein Super-Unternehmen mit Mega-Bürokratie installiert – inklusive illegalem Vorverkauf von VIP-Tickets an Betuchte, die sie mit dem Tod direkt ins Elysion befördern. Wie Florian Martha hintergeht und Martha in der Hölle neben Hitler eingebuchtet wird, der als Strafe unendlich oft seinen Schäferhund aufziehen, schlachten und verspeisen muss, und wie Peter in seinem siebten Himmel Koch wird, aber Martha retten will – das erzählt die Autorin auf 127 äußerst amüsanten Seiten.

Die 42-jährige Greve gehört zu den elf deutschen und internationalen Grafikern und Zeichnern, die an diesem Sonntag zum Internationalen Literaturfest Berlin (ilb) am Graphic Novel Day im Haus der Berliner Festspiele anreisen. „Ich freue mich, dass der Comic in den hehren Hallen der Literatur angekommen ist und dass ich Kollegen aus aller Herren Länder treffen werde.“ Greve ist im ersten Panel um 11 Uhr zu Gast und spricht wie Vishwajyoti Ghosh aus Indien und Andreas Gefe über soziale und politische Themen als Comic-Inspiration – unter dem Motto: „vom Leben gezeichnet“.

Comic-Künstler überschreiten Grenzen

Der Berliner Journalist Lars von Törne moderiert die Veranstaltung inzwischen im vierten Jahr. Er diskutiert ab 12.30 Uhr mit dem Berliner Reinhard Kleist, David Vandermeulen aus Belgien und Alfonso Zapico aus Spanien. Kleist hat Comicbiografien über die Sänger Jonny Cash und Elvis Presley sowie den jüdischen Boxer Harry Haft veröffentlicht. Schließlich spricht nach der Mittagspause ab 14.30 Uhr die Belgierin Judith Vanistendael, deren jüngstes Werk „Als David seine Stimme verlor“ im Friedrichshain spielt, mit dem Wahlberliner Sarnath Banerjee (Indien) und dem Franzosen Cyril Pedrosa über ihr „öffentliches Leben“. Dass Comic-Künstler als Grenzüberschreiter zwischen Illustration, sequenzieller Erzählung und Bildender Kunst pendeln, wird ab 16 Uhr das Abschlussgespräch von Törnes mit dem Italiener Stefano Ricci, der in Mecklenburg lebt, und Ileana Surducan aus Rumänien.

Greve ist gebürtige Hamburgerin, die in Berlin lebt und an der Teqchnischen Universität Architektur studiert hat, legt mit „Hotel Hades“ ihre dritte Graphic Novel vor. Ihr Debütband „Ein Mann geht an die Decke“ wurde 2010 mit dem ICOM Independent-Comic-Preis für „Herausragendes Artwork“ ausgezeichnet. Schon diese Geschichte über einen Fahrstuhlführer, der im Berliner Fernsehturm eine Parallelwelt ohne Schwerkraft entdeckt, ist skurril, absurd und witzig.

Greve hat per Cartoon den Papstrücktritt angekündigt

International bekannt wurde Greve mit einem Cartoon in einem Abreiß-Kalender des Berliner Espresso-Verlags, in dem sie den Rücktritt des Papstes ankündigte. Die Zeichnung datierte einen Tag vor dem Rücktritt Benedikt XVI. und wurde am Stichtag 11.Februar 2013 in sozialen Netzen tausendfach geteilt. Greves Comics und Cartoons erscheinen in der Titanic, der FAZ und dem Tagesspiegel. Sie zeichnet exakt, klar und reduziert. Man erkennt die Architektin, auch wenn sie ihren Beruf nicht ausübt – wozu die Architektur-Fachzeitschrift Bauwelt mit Blick auf Greves Zeichen- und Schreib-Künste schon festgestellt hat, dass es „nicht immer ein Unglück sein muss, wenn sich eine Architektin gegen ihren erlernten Beruf entscheidet“.

Der Eintritt zu einer Gesprächsrunde kostet 8 Euro, ermäßigt 6, Schüler zahlen 4 Euro. Die Tageskarte kostet 18 Euro, ermäßigt 14 Euro, Schüler 8 Euro. Die Tickets gibt es im Haus der Berliner Festspiele an der Schaperstraße 24 in Wilmersdorf, telefonisch unter (030) 25489100 sowie online unter www.berlinerfestspiele.de.

Katharina Greve: Hotel Hades, 2014 Egmont Graphic Novel, ISBN 978-3-7704-5507-2. 19,99 Euro.

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