Hinten auf dem Parkdeck leben die Opernmacher ihre anarchische, übermütige Seite aus. Es kommt so überraschend, dass das Premierenpublikum am Ende zwar jubelt, aber zuvor kaum gelacht hat. Humor ist der Deutschen Oper schon irgendwie wesensfremd. Insofern ist es gar nicht schlecht, dass man sich wegen der Sanierung, die die große Bühne über Monate hinweg unbespielbar macht, nach neuen Spielplätzen umschauen muss. Im Parkhaus werden ungeahnte Geister wachgerufen. Regisseur David Hermann gelingt mit Iannis Xenakis’ „Oresteia“ ein zeitgenössisches Antikenspektakel, das ebenso derb wie kunstvoll daherkommt. Es ist ein sehenswerter Saisonauftakt.
Xenakis’ Musiktheater, dessen Urfassung Mitte der 60er-Jahre entstand, erzählt die Tragödien-Trilogie von Aischylos mit all ihren Morden im Schnelldurchlauf, man braucht nur gut eine Stunde. Dann kommt bereits Athene im Dienst-Mercedes durchs Parkhaus gefahren und übergibt dem Volk quasi die Demokratie. Auch wenn die erst einmal keiner haben will. Michael Hofmeister ist eine dauerlächelnde, singende Athene. Außerdem steckt der Sänger in einem blauen Kostüm, wie es Margaret Thatcher in ihrer Amtszeit gerne trug. Die Eiserne Lady mischt sich unters Volk und posiert auf der Bühne für die Fotografen.
Der Chor ist hart gefordert
Der Abend lebt von seiner Größe. Es betrifft gleichermaßen den antiken Stoff, den musikalisch hart geforderten, hervorragenden Chor der Deutschen Oper und auch die Stahltore zum Kulissenmagazin. Diese gigantisch hohen Tore rechter Hand des Parkplatzes führen jetzt ins Heiligtum. Einmal öffnen sie sich und ein goldgelber Bagger kommt herausgefahren, wirft Steintrümmer und eine große Axt die Treppenbühne hinab. Das Publikum schaut dem merkwürdigen Treiben andächtig zu.
Eines der schönsten Bilder gelingt den beiden Tänzern Sofia Pintzou als Elektra und Alexander Fend als Orest. Es ist ein zittriges, verzweifeltes Pas de deux mit Axt. Es ist nicht leicht, ein Muttermörder zu sein. Die Protagonisten tragen in der Ausstattung von Christof Hetzer überdimensionierte Steinköpfe. Oder besser gesagt Asphaltköpfe. Der Parkplatz spielt irgendwie immer mit, die Open-air-Inszenierung hat ihren eigenen Charme.
Cassandra stampft im Blut
Eine starke Szene gehört der Cassandra, die plötzlich auftaucht, als sich eine stählerne Blume öffnet. Seth Carico singt das Selbstgespräch zwischen greinender Kopf- und grummelnder Bruststimme. Halbnackt stampft er im Blut herum, währenddessen das Volk an langen Schläuchen den Wein trinkt. Das Volk besteht aus Schafen und rennt gern aufgeregt durchs Parkhaus. Später tun das auch die archaischen Rachegöttinnen. Wer im Publikum einen Randplatz hat, bekommt schon mal einen Stein, ein Fähnchen oder einen großen Schraubenschlüssel anvertraut. Musikalisch ist der Abend heftig und spröde. Am Pult des Kammerorchesters sorgt Moritz Gnann für den Zusammenhalt. Es ist viel Schlagwerk und Blech unterwegs. Dazu wird gesungen und geschrien – auf Altgriechisch. Es gibt glücklicherweise deutsche Übertitel.
Deutsche Oper/Parkhaus 12., 13., 15. und 16. September Tel. 34384343



