Was für ein Bild: Anna Netrebko mit silberglitzerndem Haarkranz, halb Prinzessin, halb Königin. Vor erhabener Kraft in der Philharmonie strahlend. Und Maestro Barenboim? Er folgt ihr sachte, beinahe schüchtern. Er wandelt betont in ihrem Schatten, versteckt sich fast vor dem Publikum.
Doch wer nun erwartet, dass Barenboim der Netrebko auch in musikalischer Hinsicht den dienenden Teppich ausrollt, der irrt gewaltig. Denn ganz im Gegenteil: Er lädt die "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss mit ungeahnter Kälte und Härte auf. Er setzt der dunkelglühenden Sängerin unbequeme Wahrheiten über den Tod entgegen. Er spornt die klangschön gereifte Netrebko zu wuchtigen Ausbrüchen an.
Bislang galten Strauss' "Vier letzte Lieder" als sonniges Vermächtnis, als verklärendes Erwarten des süßlich lockenden Todes. Der hochbetagte Komponist hatte die Lieder auf Texte von Hesse und Eichendorff einst nach dem 2. Weltkrieg zu Papier gebracht. Im Schweizer Exil, unter schwierigen Umständen. Ihre Uraufführung fand erst ein Jahr nach Strauss' Tod statt.
Sehniger Schmerz, üppig schwelgende Klangpracht
Barenboim hält seine Staatskapelle nun dazu an, sehnigen Schmerz und unerbittliche Trauer in die üppig schwelgende Klangpracht zu mischen. In dichter Vertrautheit ragt die Netrebko neben dem Dirigierpult empor, führt ihre wunderklingende Stimme edel und aufrichtig.
Barenboim ist der Sängerin so nahe, dass er fast ihr Gesicht berührt. Hinterher dann wieder das gewohnte Spiel: Alle Aufmerksamkeit dem Sopranstar, Daniel Barenboim tritt vollkommen zurück. Sieht der Netrebko geradezu beim Strahlen zu.
Die Freude über ein erfolgreiches Benefizkonzert zugunsten der Staatsopern-Sanierung - sie steht ihm trotzdem ins Gesicht geschrieben.

