Es ist kurz vor Mitternacht, als sich die hohen Pforten der Waldbühne öffnen. Der Pförtner grüßt freundlich, man spricht ein wenig über die Wochenendpläne. Zehntausende Menschen werden am heutigen Sonnabend in die Arena strömen – die Deutsche Oper zeigt Mozarts „Zauberflöte“, am Sonntag wird Stardirigent Daniel Barenboim sein West-Eastern Divan Orchestra präsentieren. In dieser Nacht, in der die Opernleute ihre Beleuchtungsprobe angesetzt haben, ist es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Irgendwo da draußen muss sie sein, die Königin der Nacht.
Als wir die 172 Stufen in die Waldbühne hinabsteigen, denken wir, man müsste die Nachtigall im Wald singen hören. Doch es herrscht eine unheimliche Stille. Kein guter Ort für einen Vogelfänger. Erst heute Abend wird er unter dem Sternenhimmel der Freilichtbühne seine Arbeit aufnehmen können. Noch sind die 22.000 Plätze leer, die Holzbänke in den endlos langen Reihen ein wenig feucht vom Tau, der sich zart über ihre Oberflächen gelegt hat.
Unten angekommen trifft man auf das Team um die Regisseurin Gerlinde Pelkowski. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Thomas Gabriel und Beleuchtungsmeister Steffen Hoppe wird Pelkowski die kahle Waldbühne in einen Märchenwald verwandeln. „Die Zauberflöte ist eine farbenfrohe Oper“, sagt Pelkowski. Seit 15 Uhr hat sie sich in dem kleinen, weißen Zelt in der Mitte der Arena einquartiert, bis zum Morgengrauen wird sie hier noch sitzen. Mittlerweile trägt sie eine dicke, blaue Daunenjacke, zudem hat sie sich in eine flauschige Decke eingewickelt und friert trotzdem noch.
Feuer und Wasser
„Die Weisheit – in Rot, bitte“, ruft Pelkowski Beleuchtungsmeister Hoppe zu. Prompt erstrahlt die weiße Lichtpyramide mit der schwarzen Aufschrift in einem blassen Rot. Sie wirkt zufrieden. „Heute konnten wir das Programm planmäßig durchspielen, wir sind gut in der Zeit“, sagt sie. Thomas Gabriel erklärt das Konzept der Bühne. Da steht nicht viel, Feuer und Wasser sind die zwei Grundelemente, die man in Form einer blauen und orangefarbenen Wand auf der 450 Quadratmeter großen Bühne sieht. Zudem eine grüne Bank auf Plastikrasen, Lotusblüten und sechs frierende Statisten. In gekrümmter Haltung stehen sie im Scheinwerferlicht. Die Hände haben sie in den Hosentaschen vergraben. Trotzdem scheinen sich alle gut zu amüsieren.
Auch die 22-jährige Statistin Yasmina Giebeler hat sichtlich Spaß an der Arbeit. Ihr Kollege dreht eine kleine Pirouette, sie lacht vergnügt. „Mir tun die Solistinnen jetzt schon leid, die mit ihren hohen Absätzen da runter müssen“, sagt die junge Psychologiestudentin und nickt Richtung Bühne. Eine klassische Theatertreppe, die zwölf Stufen sind halsbrecherisch schmal. Für die Waldbühnen-Inszenierung darf sie heute Abend in ein Eichhörnchenkostüm schlüpfen.
Woher die Liebe zur Oper kommt? Das liegt vor allem an der Prägung durch ihre Eltern und ihrer persönlichen Erfahrung am Theater. So ganz von selbst findet man eben selten dazu. „Aber im Endeffekt kommt es nur darauf an, was einen berührt“, sagt sie, und sie klingt damit ganz schön weise.
Familienfreundliches Stück
Die Zauberflöte ist ein familienfreundliches, leicht zugängliches Stück. Und somit ein guter Auftakt für die neue Saison der Deutschen Oper. Um die Wartezeit vor der Wiedereröffnung der wegen des Einbaus einer neuen Obermaschinerie nicht zur Verfügung stehenden Bühne an der Bismarckstraße im November zu verkürzen, wird – wie schon einmal im Jahr 2007 – die beliebte Oper fernab vom Großstadttrubel hier aufgeführt. Somit ist der Ort auch als Alternative für die derzeit nicht zur Verfügung stehende Spielstätte ausgewählt worden.
Wie oft das Team eine Inszenierung gesehen hat, kann keiner mehr genau sagen. „Vielleicht 300 Mal? Ich weiß es wirklich nicht“, sagt Hoppe und fügt hinzu: „Ein bisschen kann ich es auch nicht mehr hören“, flüstert er hinter vorgehaltener Hand. Immerhin ist er ehrlich. Genervt wirkt er trotzdem nicht. Hinter der Bühne liegen riesige, bunte Masken aus. Die chinesischen Monsterköpfe stammen noch aus einer alten Produktion, sie sind aus Götz Friedrichs „Turandot“.
Sanddornsaft zum Wärmen
Die meisten Kostüme wurden nicht nur 2007, bei der ersten Aufführung am Spielort, verwendet, sondern stammen teilweise aus Produktionen, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Pelkowski kennt sich bestens aus im Fundus der Oper. „Das Budget ist natürlich – wie immer – zu knapp, aber ich bin Weltmeisterin im Recyceln“, sagt sie gelassen. Seit über dreißig Jahren ist sie in der Deutschen Oper zu Hause, fast alle Kostüme der jetzigen Inszenierung sind aus dem Fundus. Das macht erfinderisch. Sie zeigt auf die alte, ein wenig in Mitleidenschaft gezogene Eiche. „Die ist aus dem alten ‚Falstaff‘, man kann sogar darauf steigen.“ Der Baum wirkt ziemlich karg.
Seit 1981 hat Pelkowski jede Aufführung der „Zauberflöte“ in der Deutschen Oper betreut. Sie hat das Stück rund 500 Mal auf der Bühne gesehen. Nach den Inszenierungen von Peter Beauvais die von Günter Krämer und natürlich ihre eigenen. Sie werde nicht müde von dem Publikumsliebling, „Mozart ist für mich ein Lebenselixier“, sagt sie. Spät in der Nacht wird heißer Sanddornsaft in Tassen verteilt, das wärmt. Inzwischen ist es drei Uhr , Zeit die 172 Stufen wieder zu erklimmen. Weg vom Scheinwerferlicht, zurück in die Dunkelheit und die Stille des Waldes.

