Gastbeitrag

Jürgen Flimm - „Wowereit hinterlässt sehr große Schuhe“

Als Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister wurde, mauserte sich Berlin auch zur kulturellen Hauptstadt. Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm erinnert sich an lange, intensive Gespräche.

Foto: Ralf Succo / pA/DPA/SuccoMedia/

Als wir im Jahre 2001 an der Berliner Staatsoper „Otello“ machten, haben Daniel Barenboim und ich über vielerlei Formen der zukünftigen Struktur der Berliner Opernhäuser diskutiert. Es gab eine ganze Reihe von Plänen, die äußerst bedenkenswert waren. Mit wem sollten wir dies in Berlin besprechen?

Ich fragte einmal bei Gerhard Schröder nach, der mir dringend eine Unterredung mit dem jungen Fraktionsvorsitzenden der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus empfahl. Schröders Satz noch im Ohr („Das ist der künftige Mann von Berlin“) meldete ich mich mit Barenboims Einverständnis bei Klaus Wowereit. Es kam tatsächlich zu einem langen und intensiven Gespräch im Büro des Generalmusikdirektors.

Wir redeten zuvorderst über die Situation der Staatsoper, kamen dann aber schnell auf die Berliner Kultur insgesamt zu sprechen. Ich war damals Präsident des Deutschen Bühnenvereins, kannte mich also auch in Berlin ein wenig aus. Ich war überrascht, der durchaus sympathische junge Mann hörte genau zu, machte sich Notizen. Das ist man nicht von allen Politikern gewöhnt; er war burschikos und witzig, sehr klug und schlagfertig. Mir wäre schon seit Langem nicht klar, sagte ich am Schluss unserer langen Unterhaltung, warum die Politik nicht mehr Geld in die Kultur investiere. Man könne doch mit einem vergleichbar geringen Aufwand einen vergleichbar großen Effekt erzielen, für so eine Stadt wie Berlin schiene mir das eine vorrangig wichtige Aufgabe zu sein. Er lächelte und gab mir einen Klaps auf die Schultern, das sei ihm wohl auch klar.

Mit Siebenmeilenstiefeln zur kulturellen Hauptstadt

Kurze Zeit später wurde er Regierender Bürgermeister und packte an. Die Kulturleute in Hamburg, München und anderswo sahen mit großem Erstaunen, wie sich Berlin unter seinen Fittichen mit Siebenmeilenstiefeln auch zur kulturellen Hauptstadt mauserte. Sie investierten dort, renovierten und engagierten kluge Köpfe. Die Stadt hatte noch die tiefen Wunden der Teilung zu verarzten, die Kultur half.

Sein späterer Staatssekretär André Schmitz, auch er ein genialer Netzwerker, war ein unermüdlicher Diener seines Herren, des Kultursenators Wowereit. Diesen Posten übernahm er ja. Welch Glück für Berlin. Schmitz und Wowereit wurden ein ‚winning team’. Als ich schließlich auf Drängen von Wowereit von Schmitz gefragt wurde, ob ich nicht von Salzburg nach Berlin wechseln wolle (Zitat: „’Ne Großstadt ist auch was schönes, Jürgen.“), hatte ich mir schon seit längerem die Berliner Entwicklungen genau angeschaut. Diese großartige pulsierende Stadt schien mir in ständiger Bewegung zu sein, da stand ja nichts still, und mittendrin Klaus Wowereit.

Ich habe es auch immer gemocht, wenn er auf irgendwelchen Partys auftauchte, auf Premierenfeiern, mit seinem Urteil nicht hinterm Berg hielt. Er konnte jeden Verriss mit leicht Berliner Slang so vorbringen, dass man gar nicht beleidigt sein konnte. Noch seine Pressekonferenz gestern, auf der er seinen traurigen Abschied verkündete, war von seltener Heiterkeit. So ist er eben.

Der Flughafen - Ein Fressen für seine Gegner

Ja, der Flughafen! Ein Fressen für alle seine Gegner. Als ob ein Einzelner diese Lawine der Katastrophen und Desaster hätte aufhalten können. Diesen Vorwurf habe ich immer für überzogen und bösartig gehalten, in einem solchen Räderwerk genügt schon ein fehlendes Tröpfchen Öl, um die ganze Maschinerie stillstehen zu lassen. Andere Bauten in Berlin haben sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, aber wer redet zum Beispiel vom BND-Gebäude.

Als der SPD-Vorstand nach seiner Tagung in Potsdam großmundig durch seinen Vorsitzenden verkünden ließ, dass der „Fall Schmitz“ nun zu lösen sei, wurde mir ganz komisch. Was war geschehen? André Schmitz hatte von seiner Stiefmutter eine gehörige Summe Geldes geerbt, die diese auf einem Konto in der Schweiz gelagert hatte. Schmitz erkannte erschrocken und zu spät, dass er hier wohl einen Fehler gemacht habe, zahlte eine gehörige Strafe, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen ihn wegen Geringfügigkeit ein. Obwohl Wowereit ihn halten wollte, musste er zurücktreten. Das war der Anfang. Kann es sein, dass bestimmte Kreise innerhalb der Berliner Sozialdemokratie ein Interesse daran hatten, den über die Maßen seit 13 Jahren erfolgreichen Bürgermeister erheblich zu schwächen? Manches spricht dafür. Es ist ein Trauerspiel.

Nun geht der wunderbare Regierungsmeister und hinterlässt sehr, sehr große Schuhe – und das nicht nur in der Kultur. Jetzt kommen die Mühen der Ebenen, liebe Genossen. Nun müsst ihr jemanden finden, aber wer hat diese Statur? Vielen Dank, lieber Klaus Wowereit, für Dein großartiges Verständnis für diesen verrückten, bunten Haufen der so verschiedenen Berliner Kulturleute.