Deutsche Oper Berlin

Märchenhafte Stimmung in der Waldbühne

Am 23. August präsentiert die Deutsche Oper Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Zauberflöte“ unter freiem Himmel. Eigens für die Berliner Waldbühne wurde Gerlinde Pelkowskis Inszenierung eingerichtet.

Foto: Deutsche Oper Berlin

Mozarts „Zauberflöte“ lässt sich auf vielerlei Art deuten – als naives Märchen oder hehres Welterklärungsmodell, als gesellschaftliche Parabel oder mystische Geschichte mit exotischem Flair. Die Regisseurin Gerlinde Pelkowski will sich gar nicht entscheiden. In ihrer Inszenierung der Deutschen Oper Berlin für die Waldbühne geht es ernsthaft und vergnüglich, bunt und sinnlich zu. Da gibt es Spektakuläres fürs Auge, aber auch viel zum Nachdenken. „Mir war es wichtig, eine Erzählweise zu finden, von der einfach jeder etwas hat“, meint sie. „Mit Humor, Hokuspokus, Märchenhaftem und seriösem Anspruch.“ Schließlich geht nicht nur das Berliner Opernpublikum in die Waldbühne. Auch Opernneulinge sollen sich herzlich eingeladen fühlen. 2007 ist die große Open-Air-Produktion entstanden. Am 23. August wird sie in der Waldbühne zum zweiten Mal gezeigt.

Reifeprüfung für die Opernhelden

Gerlinde Pelkowski erzählt die Geschichte von zwei Jugendlichen, die in einer Zeit schwerer Prüfungen erwachsen werden. Sarastro und die Königin der Nacht sind in ihrer Inszenierung zwei Herrscher, die das leichtfertige Mädchen Pamina gemeinsam mit dem Prinzen Tamino auf eine Reise schicken. Pamina ist ein bisschen wie Paris Hilton, sie interessiert sich eigentlich nur für Shoppen und Partys. Durch die vielen schwierigen Situationen, die sie im Lauf der Geschichte mit Tamino erlebt – Trennung, Tod und verschmähte Liebe – wird sie ein reiferer Mensch.

Am Ende siegt die Jugend

Die beiden Herrscher sind die Spielmacher, die die jungen Leute lenken und beobachten. Am Ende danken sie ab und überlassen der Jugend das Feld. Davor spielen alle ihre Rollen. Monostatos zum Beispiel ist ein Priester, der für die Prüfungssituation einen Psychopathen verkörpert und sich nicht unter Kontrolle hat. Er führt Pamina eine andere Art von Liebe vor, die brutal und besitzergreifend ist. Sie soll lernen, auch damit umzugehen. Papageno spielt Taminos Begleiter und Alter Ego. Er ist alles andere als standhaft, tugendsam und verschwiegen und führt den Prinzen damit immer wieder in Versuchung. Gerlinde Pelkowski hat für ihre „Zauberflöte“ eine Rahmenhandlung erfunden, die ein wirkliches Happy-End erlaubt. Wie soll Pamina am Ende glücklich werden, wenn die Mutter zur Hölle fährt, wie es eigentlich im Text vorgesehen ist?

Fast ausschließlich hauseigene Kräfte

Die Solistenriege ist komplett anders besetzt als vor sieben Jahren. Diesmal singen Elena Tsallagova (Pamina), Yosep Kang (Tamino), Hila Fahima (Königin der Nacht), Ante Jerkunica (Sarastro), Alexandra Hutton (Papagena) und Simon Pauly (Papageno) unter der Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles. Nur bei den Statisten sind viele dieselben wie bei der Premiere. Sie wollten einfach wieder dabei sein. „Ich habe alle mitgenommen, die über die Jahrzehnte mit mir Theater gespielt haben“, sagt die Regisseurin. Aus dem Kinderdarsteller des kleinen Eisbären Knut ist inzwischen allerdings ein junger Mann geworden, der nun den großen Eisbären Knut spielen darf. Vor sieben Jahren bekam er immer Szenenapplaus, wenn er auftrat. Zahlreiche Tiere bevölkern diesmal die Bühne, mehr als beim letzten Waldbühnen-Abend.

„Ich möchte eine richtige Geschichte erzählen, aber mit ganz viel Spaß dabei“, betont die Regisseurin. Papagena, Pamina und Monostatos fahren mit dem Fahrrad über die Bühne und durchs Publikum. Es gibt Feuerartisten und Feuerwerk. Hochkarätige Breakdancer sind dabei, zwei von ihnen haben schon die Weltmeisterschaften gewonnen. Wenn sie auftreten, darf die Bühne allerdings nicht nass sein. Aber auf strahlendes Sommerwetter hoffen für diesen Abend sowieso alle.

Open-Air stellt andere Anforderungen

Vieles ist in der Waldbühne anders als im Opernhaus. Die Musik wird elektrisch verstärkt. Es gibt keinen Vorhang, keinen Schnürboden und keine Versenkung. Die Bühne ist etwa doppelt so groß, da muss jeder weite Weg, jeder Auftritt und Abgang sehr genau geplant sein. Gerlinde Pelkowski hat dafür nur wenige Proben vor Ort, doch eine erfahrene Regisseurin wie sie wird mit solchen Problemen fertig. „Man muss gute Nerven haben, genau wissen, was man will und bereit sein, die Nächte zum Beleuchten durchzumachen“, meint sie.

Viel von Götz Friedrich gelernt

Seit 33 Jahren wirkt sie als Spielleiterin an der Deutschen Oper Berlin. Götz Friedrich holte seine Schülerin ans Haus. Vieles hat sie von ihm gelernt, was sich auch in ihrer „Zauberflöte“ spiegeln wird: vor allem eine logische Erzählweise, die das Stück nicht vergewaltigt. Wie Götz Friedrich gibt sie den Figuren gern noch eine erweiterte Geschichte und erfindet Untertexte für manche Situationen. Die Szene, in der sich Pamina umbringen will, trägt bei ihr den Arbeitstitel „Lucia“. Das versteht jeder Sänger sofort. Pamina soll in dem Moment einfach verrückt vor Verzweiflung wirken, wie Lucia di Lammermoor in der Wahnsinnsarie.

Als Spielleiterin assistiert Gerlinde Pelkowski bei den Neuproduktionen und achtet hinterher manchmal Jahrzehnte lang darauf, dass alles so bleibt, wie es der Regisseur wollte. „Ich liebe meine Produktionen und passe höllisch darauf auf“, meint sie dazu. Im Lauf der Zeit arbeitete sie nicht nur mit Götz Friedrich, sondern auch mit zahlreichen anderen Regisseuren wie Günter Krämer, Hans Neuenfels, Achim Freyer und John Dew zusammen. Manchmal steht sie auch als Schauspielerin auf der Bühne, als Gioconda, Giulietta in „Hoffmanns Erzählungen“ oder sogar als Tristan. Sie springt ein, wenn eine Sängerin oder ein Sänger so kurzfristig ausfällt, dass der Ersatz nicht mehr in die Inszenierung eingewiesen werden kann.

Ein Leben mit der „Zauberflöte“

Seit 1981 betreut Gerlinde Pelkowski jede „Zauberflöte“ in der Deutschen Oper Berlin, erst die Inszenierung von Peter Beauvais, dann die jetzige von Günter Krämer und natürlich ihre eigenen, alles in allem rund 500 „Zauberflöten“-Vorstellungen. Sie liebt die zeitlose Krämer-„Zauberflöte“, die sie auch schon für das Amphitheater im türkischen Aspendos eingerichtet hat. Ihre eigene Waldbühnen-Produktion sollte aber erotischer werden. „Ich habe andere Bilder im Kopf. Bei Papageno muss es schon zur Sache gehen“, findet die Regisseurin.

Gerlinde Pelkowski ist in der Deutschen Oper vollkommen zu Hause. Sie weiß sehr genau, was sie wo finden kann. Teile des „Zauberflöten“-Bühnenbildes sind aus dem Fundus. Die riesige Eiche, die man so schön besteigen kann, stammt aus dem alten „Falstaff“ von Götz Friedrich. Es war die erste Produktion, die sie als Regieassistentin mit ihm gemeinsam erarbeitete. Die chinesischen Monsterköpfe der Schlange sind aus Götz Friedrichs „Turandot“. Die Pyramiden hat sie noch aus der alten Beauvais-„Zauberflöte“ aus den 70er-Jahren.

Mit Mozart in die Wüste

Bei der Premiere vor sieben Jahren hatte die Waldbühnen-„Zauberflöte“ so großen Erfolg, dass die Deutsche Oper Berlin Gerlinde Pelkowski bat, eine Kinderfassung fürs Repertoire zu machen. „Das Märchen von der Zauberflöte“ ist 2008 daraus entstanden. Ein Jahr später gastierte die Waldbühnen-Inszenierung in Spanien beim internationalen Musikfestival von Almansa.

Das nächste Gastspiel steht auch schon fest: Im November richtet Gerlinde Pelkowski ihre „Zauberflöte“ für das Amphitheater in Doha ein. In der Fassung für die Hauptstadt von Katar wird aus der Eiche ein Palmenhain. Ein bisschen schwierig wird es vor dem dortigen Publikum mit den erotischen Szenen. Da muss wohl einiges überarbeitet werden.

Foto: Deutsche Oper Berlin