Autobiographie

Sven Marquardt, der lebenskluge Berghain-Türsteher

Kommt man rein oder nicht? Das entscheidet Sven Marquardt. Der Berghain-Türsteher mit den vielen Tattoos legt jetzt seine lebenskluge Autobiographie vor. Und stellt die Frage: „Wie kommt man rein?“

Foto: Jens Kalaene / dpa

Als Sven Marquardt Mitte der 80er-Jahre mit einem Freund in einem Café in Friedrichshain sitzt, fliegt auf einmal ein Stein durch das Fenster, die Splitter prasseln auf ihn nieder. Sven Marquardt ist ehrlich empört. Dass der DDR-Bürger sich durch sein Äußeres provoziert fühlt, geht ja noch in Ordnung, schließlich ist das ja Sinn der Übung für einen Punk. "Aber das er gleich mit Steinen wirft, haben wir nicht erwartet."

200 Seiten voller Exzess

Sven Marquardt – der legendäre Türsteher des noch legendäreren Berghains – hat seine Autobiografie ("Die Nacht ist Leben", Ullstein, 14,99 Euro) vorgelegt. Nun könnte man sich fragen, muss das wirklich sein? Muss man wirklich etwas über das Leben eines Fotografen erfahren, der ein Gutteil seiner Zeit in verschiedenen Rauschzustände verbrachte? Und muss man die Ansichten eines Mannes erfahren, dessen augenfälligste Qualifikation es ist, Wochenende für Wochenende Klub-Besucher durchzuwinken oder ihnen die Nacht zu verderben?

Müssen muss man gar nichts, aber machen sollte man es es schon. Marquardts Buch ist auch denen zu empfehlen, die nicht ihr Gesicht mit Metall behängen und maximal grimmig auftreten. Er hat mehr gesehen und erlebt als die meisten Menschen und erzählt darüber, gemeinsam verfasst mit der Journalistin Judka Strittmatter, in einer sympathischen Tonalität: Selbstbewusst, mit einigem Abstand zu sich selbst und mit deutlich mehr Witz als erwartet.

Heute lieber Pankow als Punk

Er hat, daran lassen die gut 200 Seiten keinen Zweifel, ein exzessives Leben gehabt. Außergewöhnlich genug ist es auch, denn wie viele schwule DDR-Punks wird es wohl gegeben haben? Aber Sven Marquardt weiß auch, wenn die Messe gelesen ist. "Heute möchte ich selbst auch nicht in einem Haus wohnen, in dem zwischen zehn Uhr abends und acht Uhr morgens der Punk abgeht, da ist mir mein beschauliches Pankow lieber." Vielleicht aber, so sinniert er weiter, "kommen mit dem Alter auch die kleinbürgerlichen Ecken wieder heraus, die man wohl oder übel mitgekriegt hat von zu Hause". Schließlich sei er "auch nicht mit einer Nabelschnur aus Sterlingsilber und einem Nasenring zur Welt gekommen".

Warum er so geworden ist, wie er ist – diese übliche Selbstfindungsfrage stellt er sich auch und bekommt darauf, auch wie üblich, keine so recht befriedigende Antwort. "Das Unangepasste" habe ihn interessiert und fasziniert, einen "Mangel fehlender Aufmerksamkeit" beobachtet er ein anderer Stelle. Punk in der DDR zu sein, war ein anderes Wagnis als im Westen, weil dieses nicht nur Rebellion gegen die Gesellschaft, sondern auch gegen der Staatsmacht gleichkam. Mit den Punks, die im Grunde Bettler mit Irokesenschnitt sind, will er nichts zu tun haben. "Wir hängen nicht auf der Straße herum und schnorren, während zwanzig Hunde um uns herumlungern." Da hat auch er seinen Stolz.

Drogen? Wenn schon, dann nur in jungen Jahren

Er will aus seiner DDR-Zeit keine Heldenzeit machen. Besonders politisch war er nicht, auch das Überlegen in den Monaten vor dem Mauerfall, ob man bleiben oder rübergehen soll, war eine zeitgeistige Frage. Und doch musste für Sven Marquardt Politik ein Thema sein, weil allein seine Erscheinung für das Regime konterrevolutionär war. Er habe sich in der DDR "in Grenzen frei" gefühlt, schreibt er, es gab eine Stasi-Akte über ihn, er wurde beschattet, aber die Härte des Staates lernte er nicht kennen. "Die grausamen Geschichten von Verrat, Knast und Folter" habe er erst nach dem Mauerfall gehört.

Mit vierzehn Jahren taucht in der Schwulenszene ab. Eher zufällig beginnt er nach der Schule seine Ausbildung als Fotograf, einer Leidenschaft folgte er damit jedenfalls nicht. Nach dem Mauerfall arbeitet er erst in einem Schuhgeschäft in Schöneberg, er macht das gern, aber noch lieber macht er die Nacht zum Tag. Dort fliegt er raus, wird zufällig Türsteher, später auch im Ostgut und dann eben im Berghain. Die ersten Jahre nach der Wende sind ein Drogenrausch, davon ist er heute weg. Er trinkt gelegentlich einen Weißwein, er raucht nicht mehr, "radikal gesund" lebe er. "Wenn schon Drogen, dann in jungen Jahren", rät Sven Marquardt, 52 Jahre, der weise Mann aus der Kathedrale des Technos. "Bei Leuten in meinen Alters hat es nur noch etwas Tragisches."

211 Seiten muss man im übrigen lesen, bis die Frage aller Fragen gestellt wird: "How to get into Berghain?" Sie wird gestellt. Aber nicht beantwortet. Sonst wäre es ja langweilig.

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