Nachtleben

Nach dem „Cookies“ ist vor dem „Cookies“

| Lesedauer: 11 Minuten
Annika Schönstädt

Foto: Massimo Rodari

Nach fast 20 Jahren schließt der legendäre Club „Cookies“ in Mitte. Doch Chef Heinz Gindullis hat schon wieder neue Ideen. Im September geht es mit einem neuen Projekt weiter.

„Nur für Freunde“ hieß es am Sonnabend auf dem Stempel, den die Gäste beim „Last Dance“ im „Cookies“ auf den Arm gedrückt bekamen. Und genau so hatte sich Inhaber Heinz Gindullis alias Cookie die letzte Nacht nach fast 20 Jahren Berliner Club-Geschichte vorgestellt: ein Fest für Freunde, Stammgäste und Weggefährten. Im Interview verrät der gebürtige Engländer, wie es nach dem Umbau für sein angeschlossenes Restaurant an der Friedrichstraße weitergeht und warum in Mitte immer noch besser gefeiert wird als in der City West.

Berliner Morgenpost: Bleibt das Konzept von gehobener vegetarischer Küche im Restaurant „Cookies Cream“ erhalten?

Heinz Gindullis: Das „Cream“ bleibt genau so, wie es ist. Mit dem versteckten Eingang an der Behrenstraße 55. In Zukunft wird es auch wieder zwei voneinander getrennte Läden geben, der andere wieder mit dem Eingang vorne an der Friedrichstraße. Zum Konzept des neues Ladens möchte ich noch nichts sagen, das verraten wir Anfang September. Wir bauen relativ schnell um, zweieinhalb Monate.

Haben Sie Ihr erstes Restaurant gegründet, weil Ihnen in Berlin etwas gefehlt hat?

Das „Cream” auf jeden Fall. Ich bin seit 32 Jahren Vegetarier, und ich wollte ein Restaurant mit High End vegetarischer Küche machen, wo mir die Atmosphäre gefällt. Aus dieser Idee ist das „Cream“ entstanden. Bei den anderen Restaurants war es eher so, dass ich einfach Lust darauf hatte.

War die Idee von gehobener vegetarischer Küche damals abwegiger als heute?

Im November ist es sieben Jahre her, dass wir das „Cream“ aufgemacht haben. Damals gab es in den meisten Restaurants kaum etwas Vegetarisches auf der Karte. Mit den Jahren ist es auf jeden Fall leichter geworden, vegetarisch essen zu gehen, auch in noblen Restaurants oder sogar in der Sterneküche gibt es heute meist ein vegetarisches Ausweichmenü. Das gab es vor sieben Jahren noch nicht.

Wie kam es zu der Entscheidung, den Club jetzt zu schließen?

Ich mache das „Cookies“ schon fast 20 Jahre und war noch nie so lange an einem Ort wie hier. Es sind jetzt sieben Jahre. Ich war schon immer jemand, der sich schnell langweilt und habe in der Vergangenheit immer wieder neue Restaurants, Bars und Cafés eröffnet. In den vergangenen zwei Jahren habe ich nichts Neues gemacht und jetzt hatte ich einfach wieder Lust.

Gibt es die Idee, das „Cookies“ als Club an einem anderen Ort wiederzueröffnen?

Jetzt gerade ist das nicht mein Fokus. Vielleicht habe ich in ein, zwei Jahren wieder Lust, einen Club zu machen, da könnte schon passieren. Das will ich nicht ausschließen. Vielleicht vermisse ich den Club total schnell. Ich bin ja auch mindestens zwei Mal in der Woche hier, dienstags und donnerstags. Ich liebe das, ich liebe das Tanzen und ich liebe die Musik. Deswegen kann das schon sein. Aber momentan ist das nicht der Plan.

Sie haben schon einmal zwei Jahre Pause gemacht. Haben Sie damals auch gedacht, das war es jetzt?

Nein, damals war es anders. Damals war das „Cookies“ gerade zehn Jahre alt geworden. An der alten Location waren wir vier Jahre, und ich habe einfach keine neue gefunden. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich diese Location hier gefunden habe.

Kam auch mal ein anderer Bezirk als Mitte für den Club in Frage?

Ich habe mir vor zwölf Jahren mal eine Location in Friedrichshain angeschaut, aber dann habe ich mich dagegen entschieden. Ich wohne in Mitte, ich lebe in Mitte, ich mache meine Läden in Mitte. Aber ich würde das nicht komplett ausschließen. Sollte ich in zwei oder drei Jahren einen neuen Club machen, würde ich mir genau überlegen, welche Gegend dafür die richtige ist. Ich finde es sehr spannend, wie sich Kreuzberg und Neukölln in den letzten Jahren entwickelt haben. Man sieht auch, dass die Leute, die wirklich noch Party machen, mittlerweile auch dort wohnen. Deshalb würde ich mich in Zukunft auch in Kreuzberg umsehen. Aber jetzt bleibe ich erst mal hier, wo ich mich zu Hause fühle.

Liegt das auch der Zielgruppe Ihrer Clubs und Restaurants?

Ich glaube, das hat sich sehr verändert. Auch Mitte hat sich sehr verändert. Vor 20 Jahren war Berlin eigentlich sehr klein, weil alle Clubs, Events und Partys um die Auguststraße herum waren. Das war ein Radius von 500 bis 800 Metern. Klar gab es auch ein paar Clubs, die ein bisschen weiter weg waren, aber der Fokus war auf der Auguststraße. Heute ist Berlin in dieser Hinsicht viel größer. Mitte ist nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt von allem. Die Leute ziehen auch nicht mehr hierher, weil es einfach so teuer geworden ist. Wer jung und kunstaffin ist – das heißt, die Leute, die eine Party wirklich spannend machen – die wohnen alle nicht mehr in Mitte.

Wie haben Sie diese Veränderung im „Cookies“ gemerkt?

Die größte Veränderung ist die Musik. Berlin war früher nur Elektro und Techno. Heute hat Hip Hop ein großes Comeback, das merkt man auch in anderen Clubs wie dem „Prince Charles“. Die ganze Partyatmosphäre hat sich dadurch verändert.

Kamen die jungen Kreativen trotzdem noch ins „Cookies“, auch wenn sie nicht mehr in Mitte wohnen?

Bei besonderen Events, wie zum Beispiel während der Fashion Week, kamen immer noch alle. Früher war es so, dass viele Stammgäste jeden Dienstag und Donnerstag da waren. 1994 kannte ich an solchen Abenden alle Leute, die im Laden waren. Jeder, der neu war, wurde erst mal komisch angeguckt. Wie in einer Eckkneipe. Man kannte wirklich jeden. Das war im zweiten „Cookies“ am extremsten. Das lag aber auch an der Größe. Es war damals eher eine Bar, die nach Mitternacht zum Club wurde, der so voll war, dass die Leute auf dem Tresen getanzt haben. Heute ist die Auswahl in der Stadt einfach viel größer, und die Leute gehen nicht mehr gezielt an einem Tag in der Woche in einen bestimmten Club, sondern entscheiden danach, wo welche Party ist, welcher DJ spielt. Diese Regelmäßigkeit fehlt allen Clubs, und davon sind wir natürlich auch betroffen.

Wie sieht eine perfekte Gästeliste aus?

Eine gute Gästeliste ist immer eine Mischung aus allem. Nichts ist langweiliger als nur Models oder nur Anzugträger oder nur Punks. Die Mischung macht’s. Das gilt für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern genau so wie für die verschiedenen Typen.

Wie wichtig sind Prominente?

Ich würde sagen, das war für uns nie wichtig. In der Vergangenheit war das sogar eher schädlich. Das stand dann überall in der Zeitung, und die Stammgäste waren genervt, weil wir am Anfang ein illegaler Underground-Club waren. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute finden die Leute Promis toll. Ich freue mich, wenn sie kommen, aber ich würde das nie an die Presse kommunizieren, wer da war. Ich kann mir die Namen und Gesichter von den meisten Promis eh nicht merken. Ich brauche das nicht unbedingt, ich würde auch nie auf die Idee kommen, in einen Club zu gehen, weil ich denke, dass ich dort Promis treffen kann.

Haben Sie immer auch ein Auge auf die Konkurrenz?

Ja. Ich gehe schon viel aus und gucke mir die anderen Partys und Restaurants an. Es gibt immer Sachen, die man gut findet und wo man sich Inspirationen holen kann. Natürlich würde ich Sachen nicht eins zu eins übernehmen. Manchmal gefällt mir ein Konzept auch nicht, aber ich sehe trotzdem, dass es gut gemacht ist. Mir gefällt zum Beispiel die „Monkey Bar“ und das Restaurant, obwohl ich das nie so machen würde.

Glauben Sie an die neue City West?

Die Lage ist nicht meins. Aber klar wird das boomen. Mitte, Kreuzberg und Neukölln ist das, was die Leute erwarten, wenn sie nach Berlin kommen. Das sind einmalige Läden, die man so schnell auf der Welt nicht wiederfindet. So wie die „Bar 25“ oder das „Kater Holzig“. In West-Berlin finde ich alles sehr austauschbar mit anderen Städten. Das gibt es in London, Paris und New York alles schon.

Aber geht man noch in Clubs wie das „Berghain“?

Die Berliner gehen sonntags ins „Berghain“. Die gehen frühstücken, trinken ihren Latte Macchiato und gehen dann ins „Berghain“. Ich brauche sonntags meine Ruhe.

Können Sie sich noch an Ihre erste „Cookies“-Nacht erinnern?

Oh, ja. Klar. Wie immer war es so, dass ich erst die Gäste eingeladen habe und dann angefangen habe zu bauen und zu renovieren. Das mache ich heute noch so. Das heißt, wir haben den ganzen Tag panisch versucht, alles zusammenzukriegen, was man für eine Bar so braucht. Ich habe Freunde und Verwandte überredet, mir noch zu helfen, die Wände zu streichen. Als wir aufgemacht haben und die ersten Gäste kamen, standen noch nicht einmal Drinks auf der Bar. Es war super.

Welche Fehler von früher würden Ihnen heute nicht mehr passieren?

Das Team muss einfach gut eingearbeitet sein. Das Schlimmste ist es, neu aufzumachen und niemand weiß, wo etwas steht. Ich arbeite die Leute heute besser ein. Aber ich würde immer noch zuerst die Einladungen rausschicken und dann anfangen zu bauen.

Gibt es eine Lieblingserinnerung?

Da gibt es so viele, die auch immer wieder von neuen Erinnerungen abgelöst werden. Ich finde es immer schön zu sehen, wie viele Leute sich im „Cookies“ kennengelernt haben. Wenn ich höre, dass sich Leute hier an der Bar zum ersten Mal getroffen haben und mittlerweile verheiratet sind und drei Kinder haben. Am Montag geht unsere Seite http://cookiesgeschichten.com online, dort werden alle animiert ihre wilden und lustigen „Cookies“-Erinnerungen zu teilen.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos