Kunst

Zehn Jahre Berghain - Feiern und Exzesse in einer Zeitkapsel

Die Schlote von früher stehen still. Die einzigen, die ausdampfen, sind die Besucher. Wie der einstige Rückzugsort der Subkultur zum deutschen Allgemeingut geworden ist, zeigt eine Ausstellung.

Foto: Frederik_Schulz

2004 begann die Fluggesellschaft Easyjet, den Flughafen Schönefeld als Drehkreuz des europäischen Partywochenendes anzufliegen. Im gleichen Jahr eröffnete der Technoclub Berghain. Helene Hegemann war damals zwölf Jahre alt. Sechs Jahre später wird die Schriftstellerin „Axolotl Roadkill“, ihren Debütroman, veröffentlichen, in dem eine 16-jährige auf Drogen durch Berlin irrt, und am Ende schreiben die Feuilletons der Nation über das Berghain. Der einstige Rückzugs- und Ausstiegsort der Subkultur ist zum deutschen Allgemeingut geworden, ein mystisch romantische Zeitkapsel, in der es nie so spät ist, dass man gehen möchte. Mit der Gruppenausstellung „10“ beginnen die Festivitäten mit zeitgenössischen Arbeiten von neun dem Haus verbundenen bildenden Künstler.

Ein wenig unheimlich, ein bisschen gefährlich

Im Kubus, dem Raum des alten Heizkraftwerkes, in dem die Kohlen brannten und für die nötige Hitze sorgten, werden kurz vor Eröffnung noch die letzten Handgriffe erledigt. Viron Erol Vert ordnet also gerade die Stoffbahnen, die später in zehn Meter Höhe von einem Gerüst hängen werden, die seinen „Irrgarten“ verhängen werden. Paravents aus Holz bilden ein Labyrinth, wie man es aus den Darkrooms der schwulen Subkultur kennt. Ein wenig unheimlich, ein bisschen gefährlich und doch irgendwie neugierig, kribbelig fühlt sich das an, hindurch zu gehen. Die Stoffbahnen wehen dem Betrachter und Begeher der Installation durch das Gesicht, er muss sie wegstreichen, wie Geister und fremde Hände zugleich.

Das Berghain, da war schon immer so, verband zu jeder Zeit Hochkultur und den nahe am Abgrund stehenden, unendlichen Exzess. Neben dem beinharten Techno wurde später sogar ein Ballett aufgeführt. Norbert Bisky entwarf dafür das Bühnenbild. Eine Arbeit aus Teilen davon ist auch bei „10“ zu sehen. Orchester spielten auf einmal dort, wo sonst der Rave abgeht.

Mit den Körperflüssigkeiten der Besucher hat sich Sarah Schönfeld für die Jubiläumsausstellung auseinandergesetzt. Ihre beiden Arbeiten heißen „Hero's Journey (Lamp)“ und „Hero's Journey (Towel)“. In den Clubnächten bat die Künstlern Besucher darum, ihren Schweiß auf übergroße Handtücher auf Samt zu drücken. Mit Hilfe des Mittel Ninhydrin, welches mit Aminosäuren reagiert, machte sie den Schweiß auf dem Samt sichtbar. Er leuchtet jetzt lilafarben und balkenförmig auf dem Stoff. Schönfelds Arbeit funktioniert wie ein gigantischer Lackmustest, der die Ausschweifungen, das körperliche Zähren sichtbar macht, und für ein neues Trägermedium übersetzt. Im unteren Bereich des Kubus steht ihre zweite Arbeit, die Lampe nämlich. Eine mit dem Urin der Besucher gefüllte Vitrine, wie von einem Juwelier, die in Farben beleuchtet ist. Eine einzige Obsession von einem Einrichtungsgegenstand. Damien Hirsts Hai im Formaldehyd nur ohne Fomaldehyd und ohne Hai. Einfach nur Urin in einem Kasten. Ein Sammelbecken voller stiller Zeugnisse, voller Substanzen, die nachweisbar wären, würde man sie nachweisen wollen. Der schweißgetränkte Stoff, die Vitrine bezeugen, das Berghain ist längst zur Maschine geworden. Die Schlote von früher stehen still. Die einzigen, die ausdampfen, sind die Besucher.

Temporäre Zeugnisse der Nächte

Die Feiernden, die Partyveranstalter, die Mitarbeiter aus dem Haus aber sind längst zu Ikonen geworden, die durch den Dampf und Rauch nach draußen strahlen. Nicht alle sind so berühmt wie Sven Maquardt, der gesichtstätowierte Türsteher, der in den kommenden Tagen sogar seine Autobiografie herausbringen wird. Marc Brandenburg hat sich in seinen Zeichnungen stets den Personen, Gegenständen und Gadgets aus dem Berghain angenommen. Mit dem Bleistift, fotorealistisch und doch freihand, ins Negativ umgedreht, entwickelt er temporäre Zeugnisse der Nächte. Er überträgt seine Bilder inzwischen auf Abziehbildchen, diese kleinen Tattoos für Kinder, die man für wenige Cents um ein Kaugummi gewickelt aus dem Einmachglas am Kiosk fingert. Folgerichtig hat Brandenburg sich seinen eigenen Kiosk gezimmert. Der steht im Kubus wie ein Grenzwachturm. Nach allen Seiten verglast mit Blickfenstern. Und doch ist es ein nutzloser Wachturm. Die Scheiben sind verdeckt mit Druckbögen seiner temporären Tattoos. Lediglich eine Seite ist offen. Dort können die Besucher der Ausstellung, wie früher eben am Kiosk oder im Schwimmbad, die kleinen Aufklebe-Tattoos kaufen. Sven Marquardts Konterfei ist nun auf den Oberarm klebbar, ebenso wie Crisco-Dosen, liegengelassene Kondome, Badewannen, Neonröhren, Glasflaschen.

Das Berghain verdient Geld. Und vermutlich nicht zu knapp

Gleichermaßen spiegelt der Kiosk natürlich auch den nicht abzustreitenden kommerziellen Aspekt des Technoclubs Berghain wieder. Neben all dem Tanzen, Knutschen und dem trockenmündigen Parlieren in der Nacht steht natürlich eine harte wirtschaftliche Seite des Clubs. Das Berghain verdient Geld. Und vermutlich nicht zu knapp. Das Heizkraftwerk haben sie komplett von Vattenfall gekauft. Es gibt inzwischen im Eingangsbereich einen Fanshops, in dem Schals und Mützen verkauft werden. Genau so wie bei einem Fussballverein.

Genau so groß ist auch das Interesse. Und so reisen Kamerateams für den Tag der Eröffnung an. Sie wollen einen Blick in das sonst so strikt abgeschirmte Innere. Mit der Linse die Wände einfangen, die Schuld und Sühne gleichermaßen aushauchen.