DJ Tallmen785

Wie Brian Mitchell erst in Berlin zum Techno kam

Brian Mitchell legt in „Berghain“ und „Tresor“ auf. Dabei mochte er gar kein Techno, war versessen auf Blues, dann auf Jazz - bis zu einer Nacht in Berlin. Ein Gespräch über das neue Leben.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Brian Mitchell, der sich in der Berliner Clubszene Tallmen785 nennt, ist Technomusiker. Aufgewachsen ist Mitchell in Wichita, der größten Stadt in Kansas, der amerikanischen Kornkammer, einem Staat in dem man stundenlang fahren kann und nichts sieht als Weizenfelder. Seine Tage beginnen spät und enden früh. Er legt im „Tresor“ auf, im „Berghain“ und im „Sisyphos“ und er hat ein eigenes Label gegründet, „Tallmen Records“ auf dem er regelmäßig Tracks veröffentlicht.

Versessen auf Blues

Dabei ist er eigentlich wegen etwas ganz anderem nach Berlin gekommen: Er wollte Bluesgitarre spielen. „Als Kind war ich versessen auf Blues. Ich hatte ein Video von Stevie Ray Vaughan namens ‚Live at the El Mocambo‘. Das habe ich jeden Tag gesehen, jedes Lick studiert. Ich konnte das gesamte Video nachspielen.“ Kurz studierte er Jazzgitarre an einer Musikschule in Kansas. Von dort zog Mitchell dann nach New York, weil dort die besten Musiker waren. Mitchell schloss Freundschaft mit der Jazzlegende Ornette Coleman, den er in der U-Bahn ansprach, studierte dessen „Harmolodie“-Improvisation und spielte sich durch Jazzclubs – Techno interessierte ihn damals überhaupt nicht.

Es ist ein Uhr nachts, Freitagabend, und rund um die Tankstelle an der Puschkinallee wimmelt es von Leuten. Jungs in engen T-Shirts grölen, Mädchen in kurzen Glitzerkleidern stolpern in hohen Pumps über den Gehweg, Partygänger stehen in Schlangen vor der „Arena“, dem „Club der Visionäre“ oder dem „Chalet“. Im Garten des „Chalets“ spiegelt sich im Teich eine lila Diskokugel – drinnen wummert der Bass. Der DJ, der heute nach Tallmen785 auflegen wird, kommt vorbei. „Da draußen ist Tourist-Highway“, sagt er. Brian Mitchell lacht – aber eigentlich interessiert er sich nicht für die Touristen. Wer ihn spielen hört, wird zu seinem Publikum, und das Publikum nimmt er ernst. „Ich komme grundsätzlich vor meinem Auftritt in den Club. Ich gehe herum und fühle den Vibe. Ich muss wissen, wie die Leute drauf sind, was ich machen kann, wie ich einsteigen muss. Auflegen macht mir Spaß, aber es ist nicht nur Party, sondern ein Job, harte Arbeit.“

Brian Mitchell übernimmt die Plattenteller, er dreht den Bass hoch, lauter, noch lauter. Die Tanzfläche gehorcht seinem Takt, nur die Stroboskope zucken dazwischen. Mitchells wirkt ausgesprochen aufgeräumt und fokussiert. So wie er sich als Kind stundenlang mit seiner Gitarre in seinem Zimmer verschanzt hatte, so betreibt er sein DJ-tum. Ernsthaft bis exzessiv.

Wiedergeburt im Berghain

Brian Mitchells Studio liegt in einem Keller in Friedrichshain, hier arbeitet er an seinen Tracks. Es geht durch ein schweres Eisentor auf eine Glastür zu – links liegt die Rückseite einer ehemaligen Post, verwaiste Turbinenkästen stehen herum wie graue Gerippe, über den Kästen hängt eine Bahnhofsuhr, die Plastikabdeckung ist angekokelt, die Zeiger stehen auf halb zwölf. Industrial-Look. Rechts steht ein Plattenbau, manche der Balkone sind mit Deutschlandfähnchen bestückt, Unmengen an roten Geranien explodieren in Blumenkästen. Nach Berlin kam er eher zufällig. „Eine Freundin von mir wollte in Berlin ein Filmprojekt starten. Sie hat mir von der Stadt vorgeschwärmt und ich dachte, es könnte mir hier auch gefallen.“ Vor vier Jahren buchte er sich ein One-Way-Ticket – das kann man verrückt finden, aber es passt zu Mitchells Konsequenz.

Auf der Glastür, die zum Keller führt, pappt ein Aufkleber, Currywurst in der Pappschachtel. Brian Mitchell macht sich nichts aus Currywurst – als er sich entschied, nach Berlin zu kommen, hatte er weder von Currywurst noch vom berüchtigten Berghain etwas gehört. „Ein Freund nahm mich mit ins Berghain. Ich fand es okay. Aber dann kam diese eine Nacht – Shed, DJ Nobu, Marcel Dettmann und Ben Klock haben damals aufgelegt. Ich habe getanzt, geschrien, geschwitzt, war völlig fertig. Es war wie eine Wiedergeburt. In dieser Nacht hat Techno mein Leben verändert.“ Seither ist Brian Mitchell Tallmen, nur manchmal spielt er noch Gitarre, wenn er mit Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten auftritt.

Hinter der Currywursttür riecht es nach Keller und kaltem Rauch, aus den Neonröhren kommt grelles Licht. „Kellervibes für Kellerkinder“, Mitchell fühlt sich sichtlich wohl, auch wenn er sich oft bücken muss, um nicht mit dem Kopf an Türrahmen oder Lampen zu stoßen, der Künstlername Tallmen kommt nicht von ungefähr. Es sieht so aus, wie man sich ein Kellerstudio vorstellt. Ein trübes Fenster, haufenweise Technik, Kabel und Platten: Jazz, Blues, Techno.

„Besser, du spielst gut“

Das Herzstück des Raums sind die beiden Plattenspieler, die in silbernen Koffern liegen. Auf der Rutschmatte des Plattentellers steht „Tresor“, weiß auf schwarzem Grund. „Das erste Mal, als ich im ‚Tresor‘ aufgelegt habe, dachte ich: ‚Scheiße, ich stehe jetzt da, wo Jeff Mills gestanden hat‘.“ Auf der Karte, mit der man sich als DJ Getränke holen kann, steht „Besser, du spielst gut“. Das war die Ansage, und das habe er gemacht, sagt er.

Tallmens Musik ist vom Blues inspiriert. „Im Blues liegt Techno – wenn die Musiker mit den Füßen auf dem Boden stampfen oder wenn du mit einem Akkord arbeitest, das ist minimal, rockt und bringt dich zum tanzen.“ Gerade arbeitet er an einer neuen Veröffentlichung, die demnächst erscheinen wird, es läuft gut für ihn in Berlin. „Ich bin hierhergekommen, weil ich gehofft habe, hier als Musiker leben zu können, und ich habe neue Herausforderungen gesucht. Ich wollte entspannter leben. Hier hat jeder eine Krankenversicherung, das ist extrem entspannend.“ Brian Mitchells Leben hier ist also so, wie er es sich vorgestellt hat – nur völlig anders. An der Tür zu seinem Studio hängt ein dünnes, glattgestrichenes Stück Goldpapier an einem schwarzen Klebestreifen. Das goldene Ticket.