Bühne

Das Berliner Theatertreffen endet märchenhaft

Schlechtes Wetter, Plagiatsvorwürfe und eine fehlende Kulturstaatsministerin: Das Berliner Theatertreffen 2014 stand unter keinem guten Stern. Auch die Auswahl konnte nicht wirklich überzeugen.

Foto: © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie / Tanja Dorendorf / T T Fotografie

Das weiße Pony scharrt mit den Hufen. Wird unruhig. Zerrt an der Kette. Erleichtert sich. Es steht auf der Hinterbühne des Festspielhauses und blickt auf die Zuschauertribüne. Das Publikum schaut zurück. Keine Frage, wer sich hier unwohler fühlt.

Tiere und Kinder im Theater, besagt eine Bühnenweisheit, sind ein Problem. Weil sie unberechenbar sind und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Alvis Hermanis, der europaweit gefeierte lettische Regisseur, schert sich nicht darum. In seiner „Die Geschichte von Kaspar Hauser“, mit dieser Inszenierung ging das Berliner Theatertreffen am Sonntag zu Ende, treten ein Pony und etliche Kinder auf. Allerdings sind die als Erwachsene verkleidet – und entsprechend geschminkt. Zwei Stunden verbringen sie in der Maske, bevor sie auf die Bühne können.

Nur gebückt in die gute Stube

Geführt werden die wie Marionetten von Schauspielern, die schwarz gekleidet und vermummt sind und auch den Text der Kinder sprechen. Die stellen Nürnberger Bürger dar, die sich in einem putzigen, mit kleinen Stühlen ausgestatteten Wohnzimmer bewegen. Eine Puppenstube. Hausmusik und Tanz sind angesagt. Avis Hermanis, der auch die Bühne gestaltet hat, taucht tief ein in die Welt des Biedermeier, in die Zeit, in der sich die Geschichte zugetragen hat. Historisch überliefert ist, dass 1828 ein unbeholfen gehender etwa 17-Jähriger in Nürnberg auftaucht, der sich kaum verständlich machen kann und auf einen Zettel mühsam den Namen „Kaspar Hauser“ schreibt.

Hermanis erzählt in 34 kurzen, pointierten Szenen die Geschichte der Aufnahme, der Faszination des Fremden, der Erziehung und schließlich der Ablehnung des aus Sicht der städtischen Gesellschaft sonderlichen Menschen. Jirka Zett spielt die Titelfigur, die allein schon wegen der Größe nur gebückt durch die Tür in die gute Stube eintreten kann. Ein Riese unter Zwergen.

Mit diesem Besetzungstrick gelingt Alvis Hermanis ein märchenhafter Abschluss des 51. Theatertreffens. „Die Geschichte von Kaspar Hauser“, herausgekommen am Schauspielhaus Zürich, war tatsächlich eine „bemerkenswerte Aufführung“, so lautet das offizielle Einladungskriterium, neben dem formal starken, kühl sezierenden „Fegefeuer in Ingolstadt“ – auch eine Geschichte der Ausgrenzung – von der Theatertreffen-Debütantin Susanne Kennedy (Münchner Kammerspiele) und dem berührenden Dokumentartheaterabend „Die letzten Zeugen“ vom Wiener Burgtheater.

Das Geheimnis der Jury

Das Festival stand in diesem Jahr unter keinem guten Stern. Das fing mit dem kühlen und regnerischen Wetter an, aber dafür kann niemand was. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte das Festival nicht eröffnet, weil sie es vorzog, das Kurzfilmfestival in Oberhausen zu besuchen. Dann trat eine Jurorin zurück, die einräumen musste, dass sie sich bei der Formulierung der Begründung für die Einladung von „Reise ans Ende der Nacht“ im Theatertreffen-Magazin aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters bedient hatte. Mit Plagiatsvorwürfen sah sich auch der Choreograf Alain Platel in seiner Inszenierung „Tauberbach“ konfrontiert.

Mit der Einladung dieser Tanztheaterproduktion und Herbert Fritschs Musiktheaterarbeit „Ohne Titel Nr. 1“ wollte die Jury wohl zeigen, wie vielfältig und differenziert die deutschsprachige Theaterlandschaft ist. Auch die anderen acht Aufführungen kann man bei gutem Willen unter dieser Überschrift einsortieren. Warum freilich eine so virtuos die Genregrenzen verschmelzende Inszenierung wie „For the disconnected Child“, eine Schaubühnen-Arbeit von Falk Richter, nicht einmal in der Diskussion war, bleibt das Geheimnis der Jury.