Noch einmal pure Klassik am Gendarmenmarkt, bevor Unheilig und Schiller kommen. Es ist der vierte Abend des diesjährigen Classic Open-Festivals. Hochsommerliche Temperaturen lassen das Publikum schwitzen.
Blauer Himmel und laue Lüftchen passen perfekt zum "Bella Italia"-Programm, das sich Veranstalter Gerhard Kämpfe hat einfallen lassen: einen Strauß leichtbekömmlicher Musik Italiens vom Barock bis zur Romantik, ergänzt um Werke, die von Italien-Sehnsucht und Italien-Verehrung durchdrungen sind.
Trotz des fußballfreien Abends klaffen einige Lücken in der Publikumsfront.
Erstaunlich, denn immerhin kann dieser ambitionierte Abend mit drei Sopranistinnen aufwarten, die Glitzer und Glamour, laszive Stimmakrobatik und überragendes Talent beisteuern.
Robin Johannsen - eine beglückende Entdeckung
Da ist die zugkräftige, beliebte Österreicherin Eva Lind mit ihren glockenhellen, süßlichen Höhen und dem großzügigen Vibrato. Eine musikalische Tausendsasserin, die sich Catalanis berühmte "Ebben, ne àndro lontana" ebenso einverleibt wie Johann Strauss' "Sul mare Lucia".
Und da ist die junge rumänische Newcomerin Laura Nicorescu, die ihren schlanken, kostbaren Sopran in Rossinis "Caro padre, madre amata" ausdrucksstark beben lässt. In Sartorios "Quando voglio" schwingt sie so lasziv die Hüften, seufzt so voller Lust, dass einige männliche Zuschauer plötzlich sehr aufmerksam werden.
Doch die beglückendste Entdeckung dieses Abends bleibt die Amerikanerin Robin Johannsen. In nur zwei Arien gelingt es ihr, ihr beeindruckendes sinnliches Potential zu entfalten. Verdis "Mercè, dilette amiche" singt sie mit leicht beweglicher, sonnenbeschienener Stimme. In Albinonis "Amore perduto" zeigt sich ihr gütiger Sopran aufwühlender, schwingt voller reifem Liebesschmerz.
Kinder der Staatlichen Ballettschule Berlin heimsen Applaus ein
Die Jenaer Philharmonie unter Generalmusikdirektor Marc Tardue führt wechselhaft durch den Abend. In Tschaikowskis gekürztem Capriccio Italien op. 45 gleich zu Beginn trumpfen sie zwar auf, in Ponchiellis "Cielo e mar" dagegen geraten die Musiker mit Tenor Christoph Schröter arg ins Schleppen.
Die erfülltesten Begleitmomente hat das Orchester an der Seite von Robin Johannsen. Den meisten Applaus dagegen heimsen die Kinder der Staatlichen Ballettschule Berlin ein - für ihre adretten Auftritte in Rossinis Tarantella und Puccinis Hexentanz.
Veranstalter Gerhard Kämpfe höchstpersönlich moderiert durch einen Abend mit Wundertüten-Flair. Unbekanntes mischt sich mit Bekanntem, Spektakuläres mit Kurzweiligem.
Die ganz große Publikumsbegeisterung bleibt an diesem klassischen Abend zwar aus, dafür herrscht gediegene genießerische Atmosphäre. Man muss dem Classic-Open-Air-Festival dankbar dafür sein, dass es sich wenigstens noch zwei Abende lang uneingeschränkt um die Klassische Musik kümmert. In Zeiten des Crossover-Siegzuges ist das keine Selbstverständlichkeit, zumal eine so liebevoll aufwändige Programm-Gestaltung wie "Bella Italia" selbst bei bestem Wetter nicht mehr für volle Publikumsreihen zu sorgen scheint.

