Der Graf, ein großer, stattlicher Mann, empfängt im Hotel Adlon, in einem eigens mit plüschigem Sofa ausgestatteten Konferenzraum. Er versucht sofort, sich voller Ernsthaftigkeit in Szene zu setzen. Allerdings kommt man kaum dazu, ihm Fragen zu stellen. Der Graf redet und redet. Und erklärt auch gleich warum.
„Manchmal bleibe ich eine Minute auf einem Wort hängen“, sagt er: „Deshalb erkläre ich Gesprächspartnern lieber vorher, dass ich Stotterer bin. Ich habe viel zu erzählen und einigen Nachholbedarf.“ Darüber muss er selber lachen.
Als Sänger ist er Kopf der Formation Unheilig, die am Montag beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt auftritt. Am Tag darauf wird der Graf im Konzert „Schiller meets Classis“ als Stargast auftreten und mit Schiller ihren gemeinsamen Song „Sonne“ erstmals live vorstellen.
Offiziell ist Unheilig gerade in einer, wie es immer so heißt, kreativen Pause. Der Frontmann redet lieber Klartext: „Ende 2012 hatte ich keinen Bock mehr. Der große Erfolg war ein Segen, aber ich war nur noch in Hotels und auf Bühnen unterwegs. Die Waage Heimat, Familie, Musik war in einer Schieflage. 2013 war das Jahr der Besinnung.“ Aber auf die Feiermöglichkeiten zum 15-jährigen Bestehen der Band wollten die Musiker nicht ganz verzichten. „Alles hat seine Zeit“ heißt die Tour zur Best-of-CD. Der Graf hat die Zeit genutzt, weiter über sich selbst nachzudenken und es möglichst vielen mitzuteilen. „Alles, was ich in den letzten 15 Jahren mit meiner Musik erlebt habe, basiert auf dem Stottern“, sagt er: „Wie ich ausgesehen habe, was ich getan habe, meine Schritte.“
Star der Gothic-Szene
Seine Karriere hatte der Aachener weitgehend unbemerkt in der schwarzen Gothic-Szene begonnen. Er war der Star bei alternativen Festivals. Seinen Durchbruch erreichte er 2010 mit dem Album „Große Freiheit“. Seither wird er mit Preisen und Aufmerksamkeit überschüttet. „In meinem ersten Lied, das war 1999, habe ich gesungen: Das einzige, was zählt, ist die Maske, wenn sie fällt“, erzählt der Graf: „Das war mein Leben, aber das habe ich erst viel später begriffen.“
Die Maske ist schnell beschrieben. „Ein Graf, man weiß nicht, wo er herkommt. Er ist mystisch, stark, unverwundbar. Und trotzdem nachdenklich“, erklärt er: „Ich habe schon eine Figur gesucht, die ich gerne wäre.“ Im realen Leben hatte er seine Ausbildung zum Zahntechniker abgebrochen, sich vier Jahre als Zeitsoldat verpflichtet. Dann ließ er sich zum Hörgeräte-Akustiker ausbilden.
Auch Bruce Willis spielt eine Rolle
Und all das war begleitet von einem Kindheitstrauma, das ihn zum Stotterer, zum gehänselten Außenseiter machte. „Man sagt, stotternde Menschen brauchen das Schauspiel, die Verkleidung. Bruce Willis stottert nicht im Film, weil er eine Rolle spielt. Und wenn Kinder mit ihren Playmobil-Figuren spielen, stottern sie nicht“, sagt der Graf: „Vor 15 Jahren brauchte ich weiße Kontaktlinsen, schwarze Fingernägel und den bösen Blick. Anders habe ich mich gar nicht in die Öffentlichkeit getraut.“
Er kann sich noch genau an das erste Foto erinnern, auf dem er, der Graf, lachte. Das entstand 2008. Da gab es Unheilig schon seit neun Jahren. „Das Lachen kam gut an“, erinnert er sich, „aber meine Kontaktlinsen fand ich doof.“ Dann schrieb er die Ballade „An deiner Seite“ für einen verstorbenen Freund. Und wollte authentisch herüber kommen. „Irgendwann wollte ich auch die schwarz lackierten Fingernägel nicht mehr“, sagt er. Die Szene hat ihm das übel genommen. In Gothic-Zeitungen wurde öffentlich darüber diskutiert, dass er zum Verräter geworden ist.
Die ersten Reihen sind schwarz
Irgendwie versteht der Graf auch diese treuen Anhänger: „Früher konnten die Fans mir nah sein, ich gab Autogramme, heute dauern Autogrammstunden sieben oder acht Stunden. Das ist ein bisschen wie auf dem Viehmarkt.“ Aber er ist sich sicher, dass immer noch viele aus der Gothic-Szene in seine Konzerte kommen. Die ersten Reihen seien immer noch schwarz, sagt er: „Viele kenne ich, weil sie anschließend am Tourbus stehen und einmal gedrückt werden wollen.“
Aber der Graf hat sich für die Popularität entschieden, die seine alten Fans als Kommerz geißeln. „Wo ich eingeladen werden, da gehe ich hin“, sagt er: „Ich war beim größten Metalfestival in Wacken 2008, und 2010 bei Carmen Nebel. Der einzige Künstler, der das noch geschafft hat, war Heino.“ Er mache Musik, um von vielen gehört zu werden, sagt er: „Ich bin ein Junkie, der darauf bedacht ist, Zustimmung zu kriegen, um daraus für mich das Selbstbewusstsein zu gewinnen.“ Damit er weiter gegen sein Stottern ankämpfen kann. „Jeden Morgen, wenn ich wach werde, habe ich Angst, dass ich kleben bleibe. Dann klingelt das Telefon.“
Unterwegs im Hospiz
Die Frage, ob er auf der Bühne ein Sexsymbol sein will, schiebt der Sänger beiseite. Solche Dinge interessieren ihn weniger. Aber er weiß, dass er eine Vorbildfunktion hat. Viele Künstler sind sozial engagiert und lassen sich dabei gern fotografieren. Der Graf ist offenbar regelmäßig und unbemerkt in Hospizen unterwegs, wenn Leidende, vor allem auch Kinder, ihn rufen.
Einmal kam er aus einem Zimmer, und der Gang war voll. „Das klingt kitschig, aber dann haben alle auf dem Flur und im Schwesternzimmer zusammen ,Geboren um zu leben’ gesungen.“ Die Bilder habe er heute noch im Kopf, viele der Menschen seien inzwischen verstorben. Seine Empfindungen sind in Lieder eingeflossen. „Mit der Musik muss ich alles rauslassen. Das ist der Spiegel des Lebens, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Das habe ich in den Hospizen gelernt.“
Eine Erklärung für die Unheiligen
Das passt allerdings kaum zu einer Band mit dem Namen Unheilig. Aber auch dafür hat der Graf eine Erklärung parat. „Ich übe meinen Glauben so aus, dass ich überall auf der Welt zum lieben Gott beten kann. Ich halte mich nicht an die Leitlinien einer Religion. Meine Maxime lautet: Tue das, was dich glücklich macht, ohne anderen damit zu schaden. Aber wenn du das tust, dann bist du in allen Religionen ein Unheiliger.“
Bei aller Redseligkeit bleibt der Graf ein Versteckspiel. „Ich bin Künstler mit einem Pseudonym“, sagt er: „Ansonsten bin ich ein ganz normaler familiärer Typ. Gut, unterwegs trage ich schwarze Anzüge und rasiere mir jeden Tag den Kopf.“ Unerklärt bleiben nach wie vor sein Alter, sein bürgerlicher Name, seine Heimat, seine Familie. Darüber will er partout nicht reden. Wahrscheinlich wird es noch eine Weile dauern, bis die nächste Maske fällt.
Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt: Unheilig am 7. Juli, Auftritt bei Schiller am 8. Juli, jeweils 19.30 Uhr, Tel. 01806-999 000 606

