Classic Open Air

Bei „Tosca“ hallte Fußball-Jubel über den Gendarmenmarkt

„Classic Ladies“ war das Motto des Abends beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt. Es war ein Konzert stilistischer Vielfalt und musikalischer Frauenpower. Und auch ein Ball flog ins Publikum.

Foto: POP-EYE/Stagepress Mueller

Ein außergewöhnliches Festival an einem außergewöhnlichen Ort. Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt schert sich nicht um Abgrenzungen zwischen E- und U-Musik. Hier steht die hehre Klassik gleichberechtigt neben Schlager, Pop und Rock. Hier hat alles zwischen Beethoven und Bacharach Bestand. Und hier stehen Musicalstars, Weltmusik-Diven und Koloratursopranistinnen gemeinsam auf der Bühne, wie am Freitag beim zweiten Festival-Abend unter dem Motto „Classic Ladies“.

Musicalsopranistin Anna Maria Kaufmann hat sich dazu überreden lassen, dem Abend als charmante Moderatorin Form zu geben, denn die stilistische Vielfalt, die bei dieser Ladies Night auf den Stufen des Konzerthauses geboten wird, ist enorm. Die Elbland Philharmonie Sachsen unter Leitung von Dirigent Christian Voß liefert gemeinsam mit der Niclas Ramdohr Rhythm Group die Grundlage für eine geballte Ladung musikalischer Frauenpower. Zum schwungvollen Auftakt gibt es Punkt 19.30 Uhr Bizets Carmen-Ouvertüre. Da führt Deutschland gegen Frankreich bereits 1:0. Ja, der Fußball hat einige Lücken hinterlassen im Publikum. Dennoch haben rund 3800 Besucher den Weg zum Gendarmenplatz gefunden.

Der Koloratursopran der aus Polen stammenden Katarzyna Dondalska perlt wie gekühlter Prosecco. Die blonde Sängerin überrascht mit Franz Lehars „Liebe, Du Himmel auf Erden“ und spielt sogar selbst die Geige dazu. Später betört sie mit der Arie der Olympia aus Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“.

Gerade als die brasilianische Sopranistin Andriane Queiroz in einer Arie aus „Tosca“ versinkt, hallt Fußball-Jubel aus den umliegenden Lokalen über den Gendarmenmarkt. Deutschland ist weiter. Festivalchef Gerhard Kämpfe kickt vor Freude einen Fußball ins Publikum. Und Andriane Queiroz bringt spanisches Zarzuela-Feuer ins Programm, aufgeheizt im Anschluss durch die Berliner Flamenco-Profis von Azabache.

Bunter Crossover-Cocktail

Weltmusikalische Lebensfreude von „Besame Mucho“ bis „The Girl From Ipanema“ - begleitet von Saxofonistin Tina Tandler - mixt die Latin-Jazzsängerin Yma America aus Venezuela in diesen bunten Crossover-Cocktail. Die Stimmung ist auf lässige Weise ausgelassen. Kein Wunder bei gefühlt immer noch fast 30 Grad sommerlicher Hitze.

Zu einem Höhepunkt wird der Auftritt der Berliner Entertainerin Katharine Mehrling, der in Jazz wie Chanson und Musical versierten Sängerin, die trotz all ihrer Erfolge in Musicals wie „Les Misérables“, „Evita“, „Irma la Douce“ oder „Cabaret“ in Berlin unverständlicher Weise immer noch als Geheimtipp gilt. Sie bringt mit „The Lady Is A Tramp“ pulsierendes Leben ins Programm. Und sie wird bei „Non, je ne regrette rien“ zur leibhaftigen Piaf. Bezaubernd.

Gemeinsam mit Jazzklarinettist Rolf Kühn hat Katharine Mehrling vor kurzem die wunderbare CD „Am Rande der Nacht“ aufgenommen. Nun singt sie daraus auf dem Gendarmenmarkt den mit kesser Ironie getränkten eigenen Song „Castrop Rauxel“, in dem sie die Sache mit dem Ruhm gehörig auf die Schippe nimmt. „Ich bin ein Star in Castrop-Rauxel, mich kennt die ganze Welt, in Bielefeld“, singt sie da. „Ich bin ein Star, ja ich bin's, in der deutschen Provinz.“ Der warme Applaus widerspricht ihr vehement.

Durchaus artistische Qualitäten

Ein Abend wie eine Variete-Revue ohne Akrobaten. Obwohl: Was die Berliner Pianistinnen Anne Salié, Aliona Pronina und Alyana Abitova, die als Trio Some Handsome Hands firmieren, da nach der Pause sechshändig an nur einem Flügel mit dem „Hummelflug“ anstellen, hat durchaus artistische Qualitäten. Und macht ebenso Staunen wie der turbulente Auftritt der Berliner Truppe Venusbrass um Tuba-Spielerin Bettina Wauschke, die mit perkussivem Übermut und „Girls, Girls, Girls“ von Sailor der alten Brass-Band-Tradition Flügel verleiht.

Und immer wieder ist da Anna Maria Kaufmann, die sich „Wuthering Heights“ von Kate Bush ebenso zu Eigen macht wie Leonard Cohens „Hallelujah“. Passend zum 4. Juli schmachtet die Kanadierin gar Irving Berlins „God Bless America“. Und blättert zum Finale mit großer Geste im Songbook der Musical-Welterfolge, „Phantom der Oper“ inbegriffen, versteht sich. Der Applaus nach diesen nahezu drei vielfältigen Stunden ist lang und dankbar.