Classic Open Air

Es ist alles so schön deprimierend dunkel hier!

Unheilig rechnen sich der Gothic-Szene zu. Doch woher stammt der Begriff und welche Bands ebneten den Weg für die Freude am Düsteren? Eine deprimierend lustvolle Betrachtung klanglicher Schwarzarbeit.

Foto: Pantsikov Alexei / pa/dpa

„This is the end“, tönte es aus 1967 aus den Radios. Ausgerechnet im „Summer of love“ 1967 als die Flower-Power-Bewegung auf dem Höhepunkt war, traten die Doors und ihr charismatischer Sänger-Poet Jim Morrison ins Rampenlicht. Blümchen-La-La interessierte Morrison nicht. Mit kunst- und fantasievollen Texten wandelte er genussvoll auf der anderen Seite.

Ein Flüsterer des Dunklen, ein Verführer, gar ein Messias war er für viele; seine düsteren Visionen und psychedelischen Reisen durch die Schattenseiten des Gehirns faszinieren bis heute. Morrisons früher Tod und dessen nie restlos geklärte Umstände trugen zur Legendenbildung bei, sein Grab auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise ist noch immer eine Pilgerstätte.

Vielleicht waren die Doors die Urzelle des Gothic-Rock. Seinerzeit jedoch firmierte ihre und auch die Musik weiterer Bands, die sich dunklerer Themen und dabei auch Motiven der Schauerliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts annahmen, einfach unter Psychedelic oder Acid Rock. Dabei lag der Terminus griffbereit, denn das Metier der fantastischen Literatur mit Vertretern wie Mary Shelley, Edgar Allan Poe, E. T. A. Hoffmann oder H. P. Lovecraft heißt im Englischen Gothic Novels oder Gothic Fiction.

Die perfekte Verschmelzung aus Psychedelia und Gothic Fiction bot eine Band aus Chicago. Sie benannte sich nach dem Schöpfer des Horrors, der aus den Tiefen des Alls kommt, und veröffentlichte als „H. P. Lovecraft“ 1967 und 1969 zwei Alben. Diverse Songs tragen die Namen von Lovecraft-Geschichten, so „The White Ship“ oder „At the Mountains of Madness“.

Von Progressive über Glam bis Gothic

In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren regierte in Europa der Progressive-Rock. Bands wie Black Sabbath oder Black Widow widmeten sich namensgetreu dessen düsteren Randgebieten, wobei Black Sabbath als Urväter des Heavy Metal gelten und noch immer aktiv sind. Im vergangenen Jahr veröffentlichten sie – mit Ausnahme des Drummers Bill Ward sogar in Originalbesetzung – ihr von der Kritik äußerst wohlwollend aufgenommenes Album „13“, das sie zusammen mit ihren Klassikern derzeit auch live vorstellen.

Der Begriff „Gothic“ fiel aber auch damals noch keinem Musikjournalisten oder PR-Manager ein. Auch nicht, als der Glam-Rock in seinen schillerndsten Jahren zwischen 1972 und 1974 die Herzen der Teenager in Europa eroberte. Während Slade, Sweet, T. Rex oder Gary Glitter die klassischen Jugendthemen zwischen „Coz I luv you“, „Teenage Rampage“ und „I’m the Leader of the Gang“ mit Glitzerklamotten und Plateau-Boots neu verpackten, errang Alice Cooper mit seiner wilden Horror-Bühnenshow, die auf Schlangen, Guillotines und reichlich Kunstblut setzte, schnell den inoffiziellen Titel des Lieblingsfeindes aller besorgten Eltern.

Die Gothic-Rock-Bewegung entstand namentlich tatsächlich erst in den Post-Punk-Jahren. Düsterheit und Verzweiflung waren plötzlich kein schrilles Make-up mehr, das nur Show-Zwecken diente: Künstliche Schattenwelten verwandelten sich in reale, sie wurden gelebt. Vor allem in Großbritannien, das in der Ära von Margaret Thatcher den sozialen Verfall vieler Arbeiterstädte wie Manchester oder Liverpool erlebte, war die Düsterheit oft omnipräsent.

Die deprimierendste Band der Welt

Zwar gelten Siouxsie & The Banshees, die ihr 1979er-Album „Join Hands“ selbst mit „gothic“ beschrieben, als Schöpfer des Metiers, doch dessen wahre Helden sind Joy Division. Sie prägten einen einzigartigen Sound aus tiefen, in seelischen Eingeweiden wühlenden Bässen, hellen, klangverzerrten Gitarren und dem unendlich schwermütigen und pessimistischen Klagegesang von Ian Curtis.

Für viele Kritiker waren Joy Division mit von Tod, Zerstörung und psychischer Pein handelnden Texten „die deprimierendste Band, die die Welt je gesehen hatte“. Die Musikzeitschrift Sounds bezeichnete ihr Debüt-Album „Unknown Pleasures“ (1979) als „die letzte Platte, die man vor seinem Selbstmord auflegen würde“. Nur knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung (und kurz vor Veröffentlichung des Nachfolgers „Closer“) erhängte sich der von schweren Depressionen und Epilepsie geplagte Ian Curtis.

Zur Gründer-Generation werden auch Bauhaus gezählt, die ebenfalls 1979 starteten. Ihre Single „Bela Lugosi’s Dead“ gilt als ein Klassiker des Genres. Nach eigener Aussage nachhaltig von David Bowie und T. Rex inspiriert, avancierten Bauhaus in den 1980er-Jahren zu den „Godfathers of Goth“, ihre frühen Alben „In the flat field“ (1980) und „Mask“ (1982) wurden von der Kritik explizit mit dem speziellen Genre-Etikett versehen.

Gothic als Inspiration

„Gothic“, sagte Abbo, Sänger der auch heute noch aktiven Band UK Decay, sei im London der frühen 1980er-Jahre ein Insiderbegriff einer kleinen Szene rund um The Southern Death Cult (später The Cult), Gloria Mundi, Sex Gang Children, Bauhaus und seine eigene Band gewesen. Trotzdem sind auch Combos wie The Cure (“A forest“) oder Sisters of Mercy (“The damage done“) zu nennen, die zu dieser Zeit in anderen Teilen Großbritanniens gegründet wurden, aber mit ihren Beiträgen wesentlich zum Gedeihen des düsteren Genres beitrugen. Weltweit aber etablierte sich der Begriff erst Ende der 80er-Jahre als der Journalist und Autor Mick Mercer sein „Gothic Rock Black Book“ veröffentlichte.

Der nur in Großbritannien und einigen europäischen Ländern wie Deutschland auch kommerziell erfolgreiche Gothic Rock beeinflusste eine Reihe nachkommender Musikbewegungen, darunter Madchester– mit wichtigen Vertretern wie Inspiral Carpets, Stone Roses, Happy Mondays und Primal Scream –, Trip Hop (angeführt von Massive Attack) oder Britpop.

Auch der Gothic Metal ist eine daraus entstandene Spielart. In den 1990er-Jahren griffen Mainstream-Acts wie PJ Harvey, Manic Street Preachers oder Nine Inch Nails Gothic-Elemente auf und integrierten sie, ohne aber je Teil des Genres zu werden. Am dichtesten kam Marilyn Manson, der Gothic, Metal und Disco mit Industrial-Klängen kombinierte.