Fußball-WM 2014

Deutschland spielt sich mit Kopf und Herz ins Halbfinale

Ein Tor von Mats Hummels reichte der deutschen Mannschaft. Am Dienstag steht sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Halbfinale. Zum vierten Mal hintereinander.

Als der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana nach 94 Minuten das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Frankreich abgepfiffen hatte, dauerte es nicht mal drei Zehntelsekunden, bis sich die gesamte DFB-Auswechselbank auf dem Rasen des Maracana-Stadions wiederfand. Gemeinsam wurde gejubelt und geklatscht, der erneut herausragende Manuel Neuer wurde geherzt, und ganz zum Ende wurde sogar noch ein bisschen getanzt.

Auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Wunder von Bern hatte es Deutschland also wieder geschafft: Nach dem 1:0 (1:0) gegen die Grande Nation zog Deutschland als erstes Land überhaupt zum vierten Mal in Folge in ein WM-Halbfinale ein, wo am Dienstag (22 Uhr) Brasilien als Sieger des Viertelfinales gegen Kolumbien wartet. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Das Lob des Bundestrainers fiel sachlich aus. „Die Spieler sind schon richtig platt. Es war wahnsinnig heiß, das Spiel ging hin und her. Die Mannschaft steigert sich von Spiel zu Spiel, sie ist konzentriert und fokussiert, arbeitet sehr gut“, sagte Joachim Löw.

Ein echter Feiertag war es in Rio de Janeiro aber schon vor dem Anpfiff. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die ganze Stadt hatte WM-frei bekommen. Banken, Schulen, Universitäten und alle Behörden blieben geschlossen. So sollte ein Verkehrschaos rund um das Maracana, diesen mystischen Ort im Weltfußball, vermieden werden.

Und so wurde in Berlin auf der Fanmeile gefeiert:

DFB-Team mit echten Überraschungen im Gepäck

Für die Nationalmannschaften sollte die Strategie aufgehen. Frankreich und Deutschland kamen pünktlich anderthalb Stunden vor dem Anpfiff am Stadion an – und zumindest das DFB-Team hatte echte Überraschungen im Gepäck mit dabei. So entschied sich Löw entgegen seiner früheren Aussagen dafür, Kapitän Philipp Lahm tatsächlich rechts in der Viererkette spielen zu lassen. Jerome Boateng verteidigte im Abwehrzentrum zusammen mit Mats Hummels gegen Deutschland-Schreck Karim Benzema, der kerngesunde Per Mertesacker musste auf die Bank.

Löw beließ es nicht bei der Defensivrochade. Auch in der Offensive ließ er kräftig rotieren. Statt des erwarteten Algerien-Matchwinners André Schürrle ließ er erstmals Miroslav Klose von Anfang an im Sturm auflaufen, Mario Götze durfte sich zunächst zu Mertesacker auf die Bank gesellen.

Doch es sollte nicht lange dauern, ehe es Götze, Mertesacker und den Rest von Löws „Spezialkräften“ erstmals an diesem Feiertag von der Bank riss. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase mit nur einer hochkarätigen Torchance für Frankreichs Superstar Benzema (7.) war es mal wieder eine Standardsituation (13.), die ganz Fußball-Deutschland in Ekstase versetzen sollte. Freistoß Toni Kroos, Kopfball Hummels, Tor! Schon der vierte WM-Treffer für Deutschland nach einer Standardsituation – und bereits der zweite Kopfballtreffer von Hummels. „Das war großartig gemacht von Hummels“, jubelte ARD-Chefkritiker Mehmet Scholl, „bei dieser Hitze sind Standardtore Gold wert.“ Der Rest der Partie sollte zeigen, wie recht er damit haben sollte.

Denn mehr Grund zum Jubeln sollte es bei 28 Grad im Schatten und hoher Luftfeuchtigkeit für Alemanha im ersten Durchgang nicht geben. Deutschland beherrschte das Spiel, Deutschland diktierte das Spiel – doch Frankreich erarbeitete sich einige Torchancen. Mal war es Marseilles Mathieu Valbuena, der den erneut bärenstarken Torhüter Manuel Neuer ernsthaft prüfte (34.), dann war es wieder Madrids Dauerärgernis Benzema (34./42./44.).

Nach 45 Minuten mit nur einer echten Torchance konnte Löw dennoch bilanzieren, dass sein Matchplan aufzugehen schien. „Die Mannschaft hat sehr kompakt gespielt und ist immer aufgerückt“, sagte Löw. Da war es wenig verwunderlich, dass die DFB-Auswahl auch im zweiten Durchgang wenig an ihrer Strategie änderte. Die DFB-Elf beherrschte weiter die Partie mit pragmatischem Ballbesitzfußball – und erneut waren es die bis dahin glücklosen Franzosen, die sich mit blitzschnellem Umschaltfußball die besseren Torchancen erspielten.

Zum identischen Dreisatz gehörte aber eben erneut, dass Les Bleus auch in der zweiten Halbzeit ihre Chancen einfach nicht nutzen konnten. Raphael Varane (60.), Karim Benzema (76.) und Paul Pogba (77.) scheiterten genauso wie Deutschlands WM-Torjäger Thomas Müller (70.) und in der Endphase auch Joker Andre Schürrle (82./88.). „Wir standen heute als Mannschaft auf dem Feld, müssen aber früher das 2:0 machen. Aber insgesamt war das eine gute Leistung von uns. Beide Teams haben taktisch gut gestanden, das war kein offener Schlagabtausch“, sagte Lahm. Zur Umstellung sagte der Kapitän nur: „Ob ich weiter Rechtsverteidiger spiele, entscheiden wir von Spiel zu Spiel und von Gegner zu Gegner.“

So reichte nach insgesamt 94 Minuten das minimale Ergebnis, um den maximalen Erfolg zu sichern. Am Dienstag spielt Deutschland im Halbfinale in Belo Horizonte – und wieder soll es ein echter Feiertag werden. „In diesem Stadion gegen Frankreich spielen zu dürfen, war schon sehr beeindruckend“, sagte Torwart Neuer, der Sekunden vor dem Abpfiff noch einmal in Weltklassemanier gegen Benzema zur Stelle war: „Die Leistung war eines Halbfinalisten würdig. Anders als gegen Algerien hatten wir heute ein Spiel, in dem wir nicht verlieren konnten. Wir haben guten Fußball gezeigt, wussten, wie es geht. Die Abwehr hat es gut gemacht, stand sehr kompakt. Die Freude auf das Halbfinale ist jetzt riesengroß.“

Als fairer Verlierer gab sich Frankreichs Trainer Didier Deschamps: „Wir haben alles versucht bis zum Schluss, wir haben dagegengehalten bis zum Schuss von Benzema. Es ist frustrierend, aber wir haben auch kein einfaches Spiel erwartet. Uns hat ein wenig die Präzision gefehlt. Der Gegner hatte höchste Qualität und mehr Erfahrung. Unser Platz ist das Viertelfinale.“ Für die deutsche Mannschaft hingegen scheint nun alles möglich.