„Wir sind euer Sprachrohr und euer Freund.“ Als Viva 1993 auf Sendung ging, hat sich Heike Makatsch wasserstoffblond der deutschen Jugend anvertraut. Zehn Jahre vorher gab es bei der amerikanischen Zitierquelle MTV bereits ein wasserstoffblondes Aushängeschild – Billy Idol.

Der Mädchenschlafzimmer-Poster-Hybrid aus Elvis Presley und Sid Vicious, der schritteng belederhost mit geschürzten Lippen von einer „Weißen Hochzeit“ sang, legte in den Achtzigern mit „I want my MTV“ zwischen all den Madonna- und Cyndi-Lauper-Clips immer wieder sein Gelübde an das Musikfernsehen ab. Dazu ballte er die Faust, und das „V“ des Senderlogos tat es ihm nach.

Gebotoxtes Best-Of

Zwanzig Jahre später, Berlin, Zitadelle Spandau. Das Musikfernsehen hat sich getrennt. MTV geht als YouTube, Spotify und Twitter getrennte Wege. Trotzdem lieben alle wieder ein wasserstoffblondes Jugendidol – Miley Cyrus. Die flucht und packt sich in den Schritt und kifft und säuft und das ist Pop. Punk – den braucht es nicht mehr.

Billy Idol tritt so auf, als hätte er all das nicht mitbekommen. Sein Publikum das sind immer noch die „Motherfuckers“. William Broad hat seine Bühnenfigur nie überarbeitet, nie neu erfunden. Er lässt sie als gebotoxtes Best Of auftreten, gemeinsam mit dem besten Gitarristen, den er hatte – Steve Stevens.

Das Gegenstück zu Thomas Anders

Der trägt eine „J“-Kette im leopardenen V-Ausschnitt. Das „J“ es steht für seine Frau Josie Stevens. Wenn Idol also das britisch-amerikanische Achtziger-Äquivalent zur Viva-Makatsch der Neunziger ist, dann ist Stevens heute dass amerikanische Gegenstück zum Nora-Ketten tragenden Achtziger-Thomas Anders.

Alles kommt wieder. Alles wird zitiert. Stevens und Idol aber zitieren vor allem sich selbst. Wie Matrosen auf einem Schiff bei Seegang 6 stehen sie auf der Bühne. Idol inszeniert sich als „Flesh for Fantasy“, als Fleisch für Frauenfantasien. Generation X war doch auch nur so erfolgreich, weil Idol ein so hübsches Gesicht hatte. Der Best of Billy kann ohne fliegendes Hemd also nicht auskommen. Schon beim vierten Lied ist es weg. Die Frontreihenfrauen jauchzen, die Frontreihenmänner planen ihren nächsten Fitnessstudiobesuch. Alles wie damals, könnte man meinen, nur Musikvideo-Qualität hat das nicht mehr.

Idol hängt in der Zeitschleife fest

Ein Billy-Idol-Konzert 2014 ist wie ein zu langsam abgeblättertes Daumenkino. Der 58-Jährige geht über von Faustpose – Arbeiterfaust, Faust auf Brusthöhe, Faust als Phallussymbol im Beckenbereich – zu Lippenpose – meist neben Stevens, dessen fingergewandtes Gitarrenspiel Idol lippenmäßig immer mal wieder für fünf Sekunden erregt –; aber er springt nicht mehr, er schreit nicht mehr. Er kiekst, er kickt nicht. Seine Stimme wird von der Musik verschluckt, wie Stöckelschritte von einem dicken, glänzenden Veloursteppich. Sein Faustballen erinnert den Zuschauer mehr an das Venenpumpen vor dem Blutabnehmen, denn an Aufstand und Anti-Establishment.

Sein Eröffnungssong nimmt seine begeisterungsfreie Haltung vorweg. Idol schickt „Postcards from the Past – Postkarten aus der Vergangenheit“ an das Publikum. Ein bisher unveröffentlichtes Stück, im Herbst soll es ein neues Album geben. Idol singt, dass Gestern zwar vorbei ist, aber der Morgen noch nicht angefangen hat. Er hängt in einer Zeitschleife fest.

Auch das Publikum streckt die Zunge raus

Denn „neu“ will hier eigentlich niemand. Zu Recht. Denn der „neue“ Idol schmeckt nicht süß nach Erinnerung sondern irgendwie seifig nach Post-Party-Siphon. Die neuen Songs nutzt das Publikum als Gelegenheit, sich im „Ich verachte die Jugend“- T-Shirt und mit rausgestreckter Zunge selbst zu fotografieren.

Die Zunge ist heute eine ikonische Cyrus-Geste. Aber das weiß hier keiner. Das ist auch allen egal. Alle wollen alt. Alle wollen „Dancing with myself“ – bei dem dann fast keiner alleine tanzt. Denn man ist hier verheiratet, so richtig, nicht als Spießertum-Provokation – heute passiert nichts mehr, lass mal heiraten – wie in „White Wedding“, oder so ironisch Zölibat-naserümpfend im Brautkleid über den MTV-Boden rollend wie Madonna in „Like a Virgin“.

Verklärte Rückschau auf die Festung Jugend

Nein, die Kinder sind hier schon aus dem Haus, bald folgt die große Freiheit Rente, aber hinter dem beseerosten Wassergraben wagt man in der Zitadelle noch mal die romantisch-verklärte Rückschau auf die Festung Jugend. Es war schon eine gute Zeit, aber irgendwie auch gut, dass sie vorbei ist.

Denn zu „Rebell Yell“ schlägt man sich am Ende keine Knie auf, da steht man Rücken gegen Brust umarmt, bevor einen die Maschine, Rücken gegen Brust umarmt, die in der Jugend immer ein Traum war – „Harley Davidson Screaming Eagle“, ,,Suzuki Savage“, „Ducati Monster“ - einen noch vor der „Midnight Hour“ wieder davon fährt – nach Hause und in ein viel besseres, baldiges Seniorenleben.