Auf dem Fuß von Steven Tylers Mikrofonständer steht „Lick Me“ und wenn er will, kann Tyler auf Kommando in das aufgesteckte Mikro Rülpsen. Jawohl, Aerosmith garantieren immer noch für Rock’n’Roll.

Dem Publikum in der O2 World kann man die Intensität des Pfingstwochenendes an den Armen ablesen. Bei diesen Temperaturen ist es mit der Fitness so eine Sache – aber Aerosmith kennen das Business. Zu Beginn des Konzertes wird ein Film gezeigt. Zunächst sieht man die Bandmitglieder im Backstagebereich, dann schwenkt die Kamera aufs Publikum. An jeder Ecke werden Fans gezeigt, ob sie wollen oder nicht. Weil die Kamera jeden treffen kann, ist das Publikum in dem Moment als die Bühne pink aufflammt und Steven Tyler und Joe Perry auf dem Mittelgang erscheinen dann trotzt Hitzewelle hellwach. „Hallo wie geht’s Berlin!“ ruft Tyler, presst den Mikroständer gegen die Hüfte und fängt mit den Klassikern an. „Love in an Elevator“, „Jaded“. Man hört Tylers markantes Schreien, dazu beschreitet der Sänger energetisch die Bühne, schüttelt seinen Mikroständer, fährt sich durchs Haar oder greift sich in den Schritt.

Seit den 70ern trägt Tyler auf der Bühne den Lagenlook. Heute ist es ein enger, schwarz glitzernder Anzug mit langem, ebenfalls glitzerndem Schlapphut. Dazu schwingt ein langes Tuch um seinen Hals, später auch um seinen Kopf. Auch um den Mikroständer hängen die Zotteln, ein Klassiker, man darf davon ausgehen dass Tyler sie im Gegensatz zu Wolfgang Petrys Armbandkult regelmäßig wechselt oder zumindest wäscht.

Während Tyler mit D'Artagnan-Bart, schwarz lackierten Nägeln, Unmengen von Ketten, Ringen, aufgemalten Tattoos und Glitzerpuder auf der Haut aussieht wie Captain Jack Sparrow, pflegt sein Kompagnon Joe Perry den Keith Richards Look – etwas aufgemotzter und glänzender natürlich. Wenn Steven Tyler die Boxen ansingt, damit Perry Aufmerksamkeit für seine Gitarrensolis bekommt, kann man sich entscheiden ob man dem Gitarrist tief in den aufgeknöpften Ausschnitt oder auf die Gitarre guckt – auf der dessen Frau Billie mit üppigem Dekolleté aufgedruckt ist.

In der Jury von “American Idol“

Das Aerosmith überhaupt noch zusammen auf einer Bühne stehen ist eine dieser typischen Rock’n’Roll-Geschichten. In den 70ern waren Tyler und Perry als „Toxic Twins“ bekannt – Zitat Tyler: „damals hatte ich das Gefühl ganz Peru leergekokst zu haben“. Dann ließ der Erfolg nach, Therapien mussten her. Ende der 80er dann das Comeback – mit der Hilfe von Run DMC und der ver-Hip-Hop-ten Version von „Walk this Way“, die sie heute auch zum Besten geben. Während der letzten Jahre ist es beim Auf-und Ab geblieben. Tyler sitzt bekanntlich in der Jury bei der Amerikanischen Ausgabe von DSDS (“American Idol“), das fachte Trennungsgerüchte an. Zwischenzeitlich hatte Joe Perry behauptet nach Ersatz für Tyler zu suchen – Tyler wiederum drohte damit die Band zu verklagen.

Aber bekanntlich wird nicht so heiß gegessen wie gekocht - nun stehen Steven Tyler und Joe Perry jedenfalls wieder in bester Zwillingsmanier auf der Bühne – umarmen sich, singen gemeinsame Refrains und tragen als „Partners in crime“ jeder eine graue Strähne. Wenn Tyler den Song LUVXXX, des neuesten Albums „Music From Another Dimension“ singt, beschwört er die ungebrochene Potenz der Band. „We control the harmonics, We control your emotions“ heißt es da und „Hate is so passe... get yourself back into the jam.“ Weitere neue Stücke sind rar gesät an diesem Abend, Aerosmith haben genügend Hits, um eine Show zu bestreiten.

„Cryin“ für die Frauen

Dann kommt „Cryin“ und sofort springen die Frauen auf (es sind natürlich viele Frauen gekommen heute Abend) – singen mit und halten die leuchtenden Handybildschirme in die Luft. „Thank you baby“ ruft Tyler, schmachtet „I dont wanna miss a thing“ und hält effektvoll sein Haar in die Windmaschine. Die Jungs dürfen dann wieder zu "Living o the Edge","Eat the Rich", „Dude looks like a Lady“ und „Jeanies got a gun“ mitjubeln. Hier in der O2-World ist man begeistert – das konnten weder Hitzeattacken noch Sonnenbrand verhindern.