Wie Außerirdische stehen die dunklen Gestalten vereinzelt im gleißenden Licht eines unwirklich erscheinenden Mondes. Sie heben einen Arm hoch in den Himmel, als warteten sie von dort auf eine Botschaft aus ihrer Heimat. Auf dem Preisträgerfoto des diesjährigen „World Press Photo Award“ sind afrikanische Migranten zu sehen. Sie versuchen an der Küste Dschibutis, Funksignale von Verwandten aus Somalia mit ihren Handys aufzufangen. Dschibuti fungiert als Knotenpunkt für Migranten aus Somalia, Äthiopien und Eritrea auf dem Weg nach Europa. Die eindringliche Aufnahme stammt von dem US-amerikanischen Fotografen John Stanmeyer. Er hat das Bild im Februar vergangenen Jahres für das Magazin „National Geographic“ aufgenommen.

Die 19-köpfige Jury hat sich aus 98.000 eingereichten Arbeiten von 5700 Fotografen für dieses Foto entschieden, da es „die gewichtigen und relevanten Probleme unserer Welt“ zum Ausdruck bringe. „Es eröffnet die Debatte über Technologie, Globalisierung, Migration, Armut, Verzweiflung, Entfremdung, Menschlichkeit“, so Jury-Mitglied Julian Edelstein. Stanmeyers Bild gäbe den Migranten Würde anstatt sie, wie sonst bei dem Thema oft üblich, zu romantisieren, hieß es in der Begründung für die Preisvergabe.

Tatsächlich liegt die Kraft von Stanmeyers herausragender Aufnahme darin, Migranten uns durch einen vertrauten Akt – Menschen, die versuchen, mit dem Handy ihre Lieben zu erreichen – nahezubringen. „Das könnten Sie oder ich oder irgendjemand anders sein“, so Stanmeyer.

Bewegende Bilder bei „World Press Photo Award“-Ausstellung

Neben dem „Foto des Jahres“ prämierte die Fachjury auch andere herausragende Arbeiten aus neun verschiedenen Kategorien wie Sport, Kultur, Umwelt oder Wissenschaft. Die Ausstellung „World Press Photo“ zeigt nun bis zum 3. Juli im Berliner Willy-Brandt-Haus 130 Fotos von 53 preisgekrönten Fotografen. Nicht nur das Preisträgerfoto lohnt einen Besuch: Vielen Fotografen sind bewegende, ungewöhnliche Bilder gelungen, die oft unter gefährlichen Aufnahmebedingungen entstanden sind.

Zwei hervorragende Fotoserien – von Taslima Akhter und Rahul Talukder – erinnern den Besucher an die eingestürzte Textilfabrik „Rana Plaza“ in Bangladesch, bei dem über 1000 Menschen, hauptsächlich junge Frauen, starben. Kurze Texte ergänzen die Bilder. So erfährt der Besucher, dass die Textilfabrik wegen Rissen im Bauwerk am Morgen ihres Einsturzes geschlossen wurde, auf Anweisung des Leiters aber wieder öffnen musste. Viele bekannte westliche Firmen ließen in Rana Plaza Textilien produzieren.

Das Foto „Final Embrace“ von Taslima Akhter wurde mitten in der Ruine gemacht, es zeigt einen verschütteten Mann und eine Frau in letzter Umarmung miteinander und erinnert an Pompeji. Moises Samans hat in Aleppo einem „Bomb Maker“ bei seiner Arbeit über die Schultern geguckt und Tyler Hins in Nairobi verschiedene Momente des Anschlags auf das Kaufhaus Westgate Mall festhalten können.

Der renommierteste Wettbewerb der Pressefotografie

Bewegend auch das Foto des New Yorker Fotografen Brent Stirton, der vier Albino-Jungen aus Indien in einem Waisenheim besucht hat. Die vier Jungen lernen hier Grundregeln für die Bewältigung des Alltags. Sie sind in Indien vielen Vorurteilen und Bedrohungen ausgesetzt.

Der jährliche „World Press Photo Award“ ist der weltweit größte und renommierteste Wettbewerb für Pressefotografie. Die Mission ist, „hohe professionelle Standards im Fotojournalismus aufrechtzuerhalten und für einen freien und uneingeschränkten Informationsaustausch einzutreten“. Die in den Niederlanden ansässige World-Press-Photo-Stiftung ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die 1955 gegründet wurde. Der „World Press Photo Award“ wurde in diesem Jahr zum 57. Mal vergeben.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Kreuzberg. Di - So 12-20 Uhr. Eintritt frei, Personalausweis erforderlich