Schiller-Theater

Halbseidene Langeweile bei Kurt Weills Oper „Mahagonny“

Der „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist eine Satire aus der Feder von Bertolt Brecht. Kurt Weill vertonte sie als Oper. Im Schiller-Theater wird sie zum Laufsteg - und braucht doch mehr Biss.

„Du darfst!“ lautet die oberste Maxime in jener verdorbenen Fantasiestadt namens Mahagonny. Die war eine dialektische Kopfgeburt des Dramatikers Bertolt Brecht. Die eingängige Musik, dazu komponierte Kurt Weill. Bei der Uraufführung in Leipzig 1930 versuchten Nazi-Anhänger, das Ganze zu verhindern. Es ging um etwas.

Wer heute „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ auf die Bühne bringen will, der darf nicht nur, sondern muss sich mit dem linken Brecht, dem epischen Theatermodell, mit biblischen Bildern und den gar nicht so goldigen Zwanziger Jahren auseinandersetzen. Regisseur Vincent Boussard hat in der Staatsoper gegen die oberste Mahagonny-Maxime verstoßen, sich in ebenso belanglose wie wunderschöne Bilder gehüllt und ist dafür am Ende ausgebuht worden.

Es reicht eben nicht, die Sänger in adrette Kleider, selbst wenn sie von Christian Lacroix stammen, zu stecken und einen Abend lang dahin glitzern zu lassen. Wahrscheinlich hätte sich Brecht sogar über die Geschäftstüchtigkeit des Modemachers gefreut, frei nach dem Motto: Erst kommt die Mode, dann die Moral. Elegante, gut sitzende Anzüge werden immer wieder in Gruppenbildern auf der Bühne drapiert, die Damen tragen eine Art Cyndi-Lauper-Look aus längst vergangenen Disco-Zeiten, bunte Kleider mit barock anmutenden Frisuren. Darüber hinaus weiß Boussard nicht viel mit seinen Darstellerinnen anzufangen. Überhaupt scheint ihm das Stück wesensfremd zu sein.

Es gibt keine Sünde, nur Show

Darin gründet ein flüchtiges Verbrechertrio in der amerikanischen Wüste eine Stadt. Dorthin zieht es die Männer, das Geld und die dazu passenden Frauen. Die Freiheit, alles tun zu dürfen, führt schließlich wieder zu Überdruss und in neue Repressionen. Der seine Rechnung nicht zahlende Jim Mahoney wird schließlich hingerichtet.

Das Problem dieser Inszenierung ist, dass es keine Sünde gibt, sondern nur Show. Die Prüderie liegt irgendwo zwischen „Vom Winde verweht“ und „Cabaret“. Dabei sind bei Brecht die vier Bedürfnisse vorgegeben: Fressen, Liebesakt, Boxen und Saufen.

Das war vor unserer Wohlstandsgesellschaft: Boussard deutet Hunger und damit die Angstvöllerei ins Sexuelle um. Auf dem Tisch tanzt eine Ballerina als Goldenes Kalb auf Spitze zwischen den Beinen des unersättlichen Mannes, danach lassen alle Männer ihre schicken Hosen runter, nehmen die Hüte ab und warten darauf, nacheinander bei den drei freien Damen eingelassen zu werden. Das Boxen wird zum Schattenkampf, wie überhaupt die ganze Szene mit Spiegeln, wechselndem Mondlicht und einer gewissen Surrealität spielt.

Die Oper braucht mehr Biss. Die Staatskapelle müht sich redlich gegen die halbseidene Langeweile anzuspielen. Aber Dirigent Wayne Marshall möchte zuerst eine artifizielle Sängeroper zelebrieren, die sie gar nicht ist, und die Sänger sollen schön singen, was sie überwiegend auch tun. Das Orchester treibt sie nicht voran.

Es bleibt ein gefühlsarmer Abend. Am Ende sieht sich überraschend die junge Sopranistin Evelin Novak gefeiert, deren Jenny viel Sinnlichkeit ausstrahlt. Davon zehrt auch ihr „Partner“ Jim, den Michael König sehr bodenständig aussingt. Im Glitzerkostüm einer Entertainerin versucht Gabriele Schnaut, die einstige Wagner-Heroine, der Stadtgründerin Begbick diabolische Größe einzuhauchen. Zumindest szenisch gelingt es.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110. Termine: 8., 12., 15., 20. Juni