Berliner Ensemble

Peymanns „Prozeß“ zeigt ein groteskes Paralleluniversum

Hübsch bebildert: Claus Peymann inszeniert „Kafkas Prozeß“ am Berliner Ensemble. Das Empörende, Unfassbare, Absurde wird der Geschichte allerdings genommen.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Die Zeichen sind deutlich. Dechiffrierbar sind sie nicht: Eine 7 am rechten Schulterblatt, ein „S“ am Rocksaum, eine Fabrikuhr läuft mal vor-, mal rückwärts, Tische und Stühle sind mit Teilen von mathematischen Formeln markiert. Doch die geheime Gleichung, die für Josef K. an seinem 30. Geburtstag, dem Tag, an dem er von seiner Verhaftung erfährt und sich keiner Schuld bewusst ist, zu seiner Weltformel wird, wird nicht lösbar sein, niemals. Zu viele Unbekannte, Franz Kafkas Lieblingsprotagonisten.

Am Berliner Ensemble hat sich Hausherr Claus Peymann Kafkas Romanfragment „Der Prozeß“ vorgenommen und zusammen mit Jutta Ferbers und Hermann Beil eine sehr komprimierte Spielfassung erarbeitet. Nur knapp ein Viertel des Originaltextes hat Eingang in den Abend gefunden, es fügt sich zu einer Szenenfolge, bei der die einzelnen Stationen der unerhörten Verhaftung des Bankprokuristen Josef K. und des folgenden Prozesses sehr geschmeidig ineinander greifen.

Bei Veit Schubert ist dieser K. von Anfang an ein armes Würstchen im Psycho-Fleischwolf einer undurchschaubaren Maschinerie. Mit seinen offenen Hemdsärmeln, der weiten Hose und dem dunkel gescheitelten Haar kommt er selbst wie ein chaplinesker Franz Kafka daher, der allerdings bei jedem zaghaften Aufbäumen den Rückzieher schon im Rockärmel trägt. Kein Wunder, auf der von Achim Freyer ganz in schwarz-weiß gestalteten Bühne, auf der sich unter weißen Neonröhren Tische und Stühle reihen, steht Josef K. unter Dauerbeobachtung. Immer sind die 15 anderen des Ensembles parat, gruppenweise zwingen sie ihn mit wedelnden Formularblättern in die Knie, luderhafte Weiber verführen ihn.

Das bürokratische, groteske Paralleluniversum von Franz und Josef K.

Sie alle tragen die BE-typischen weiß geschminkten Gesichter mit den geschwärzten Augen, was hier wirklich mal seinen Sinn hat, denn Peymann zeigt das taumelnde Individuum explizit nicht als konkreten Einzelfall, sondern parabelhaft, weshalb er sich auch jedwede Aktualisierung versagt, obwohl die in Zeiten undurchschaubarer Internet-Überwachungsmächte ja nahe gelegen hätte. Soweit funktioniert das auch, das Staubige, das Künstliche, das Typenhafte, das den BE-Inszenierungen oft genug zum Nachteil gereichte, im bürokratischen, grotesken Paralleluniversum von Franz und Josef K. hat es eine Heimat gefunden.

Und dennoch, einige schöne Einzelszenen, wie die von Jürgen Holtz pointiert-distanziert dargebrachte Torhüter-Parabel, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Abend Kafkas Text zwar hübsch bebildert, aber insgesamt doch sehr artig nacherzählend daher kommt. Das Empörende, Unfassbare, Absurde wird der Geschichte dadurch genommen, dass dieser K. nicht von innen heraus immer tiefer sich selbst in sein Schicksal verstrickt, sondern es von Anfang an als gegeben hinnimmt. „Jemand“, so stand es zu Beginn auf dem Vorhang, „musste Josef K. verleumdet haben“. Wenn er irgendeine Schuld trägt, dann die, sich kein bisschen dagegen gewehrt zu haben.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1. Termin: 9. Juli, 28 40 81 55