So kurz vor Weihnachten im Theater am Schiffbauerdamm nach oben zu schauen, ist wie in den Himmel zu blicken. Die kleinen, feisten Engelchen führen ihren Reigen auf. Barock ist die Weihnachtszeit unter den Epochen. Da passt es gut, dass Katja Riemann mit dem Jazzgitarristen Arne Jansen im Berliner Ensemble „Winter. Ein Roadmovie“ aufführt und auf den Spuren Schuberts („Die Winterreise“) und Heines („Deutschland. Ein Wintermärchen“) wandert.

Die Berliner Gesellschaft tritt also aus der Kälte zu den Engeln in den Saal. Da kommen Jasmin Tabatabai und auch die Nicolette Krebitz und für einen kurzen Moment ist sogar die Reunion der Band Bandits möglich. Tabatabai, Krebitz und Riemann und die Jutta Hoffmann, die ist aber wohl nicht da, die haben nämlich mal eine Gefängnisband gespielt, 1997, und waren irre erfolgreich damit. Gerhard Kämpfe, der Veranstalter vom Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt, kommt auch noch kurz vor Beginn.

Zu Hip-Hop und einer sich drehenden Diskokugel werden Bilder von Heine, Schubert, Wilhelm Müller, Katja Riemann und Arne Jansen an die Leinwand am Ende der Bühne geworfen. Wir sehen zwei Trommeln, drei Gitarren, eine Orgel, ein Melodica. Sie ist sofort da, die große Dame des deutschen Schauspiels im grauen Mantel, darunter ein graues Kleid. Man muss sich in sie verlieben. Auch wenn das ein bisschen wie Kleinkunst wirkt, die Veranstaltung, Katja Riemann hat den nötigen Glanz, um alles groß zu spielen. Wir sind in Caput II von Heines Versepos. Vor uns sehen wir die Theater-Riemann, die muss die Augen viel weiter aufreißen, die Stimme viel mehr erheben als die Film-Riemann.

Ein Klang zwischen Geborgenheit und Unbehagen

Darauf folgt Schuberts „Der Lindenbaum“, zumindest der Text von Wilhelm Müller. Wo Schubert das Klavier einsetze, spielt Jansen eine saitennachhallende Melodie auf seiner Jazz-Gitarre. Ein runder Klang, ganz warm und dunkel. Riemann singt den Schubert, wie eine Jazz-Dame in einer Bar, in der geraucht wird. „Ich muss auch heute wandern/ Vorbei in tiefer Nacht/ Da hab’ ich noch im Dunkeln/ Die Augen zugemacht.“ Töne auf der Schwelle zwischen Geborgenheit und Unbehagen.

Wahrscheinlich haben Heine und Schubert ihre Winterreisen ähnlich empfunden. Einerseits in die Heimat kommend, aber doch auch in die geistige Fremde vordringend, die man eigentlich verabscheut. Wir passieren Aachen, Köln, Hagen, Paderborn.

Was für die Beatniks Kerouac „On The Road“, war für die Popper „Faserland“ von Kracht und für die Romantiker eben „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Das Überraschende ist, dass die Motive immer gleich sind. Die Protagonisten sind berauscht, sie trinken Wein, sie nehmen Drogen, verabscheuen dies und das, bei Kracht eben die „SPD-Nazis“, bei Heine sind es die Soldaten mit ihren Pickelhauben und bei Kerouac waren es die Verkehrspolizisten. Roadmovies sind immer der Dünkel der Jugend, die weiterlebende Pubertät, weil ein Künstler immer pubertär sein muss. Roadmovies sind ein Sich-drüber-lustig-machen hinter dem Fenster eines geschlossenen Vehikels.

Riemann wedelt mit der Europafahne, sie imitiert den Hamburger Schnack, als Heine Hamburg erreicht. Die Pose steht ihr gut, als Schauspielerin steht sie über den Dingen, über Europa, über dem Kram des Kleinbürgers, der sich nach Sauerkraut und Wein sehnt. Nach eineinhalb Stunden sind wir angekommen. Der Roadtrip ist vorbei. Wir sind wieder in Berlin. Und wie zur Bestätigung ruft Riemann in den Applaus des Abends „Danke an Claus Peymann und Happy Birthday, Brad Pitt.“