Das Haus voll bis unters Dach. Nur in der Parkett-Mitte eine größere Leerstelle: für Regiepult und Regieteam. BE-Chef Claus Peymann tritt nach vorn an die Rampe und begrüßt zur „Ersten Öffentlichen Probe“ von „Kafkas Prozeßs“; zwei weitere Proben sind geplant (man macht das gern am BE: Zuschauerwirkungen ausprobieren und dabei noch was dazu verdienen, die Karte pauschal für die allseits beliebten 7 Euro).

Dann erklärt er kurz und eindringlich (Peymann ist ein begnadeter Erklärer), warum er ausnahmsweise einen Roman auf die Bühne bringt, er sei schließlich bekannt dafür, dass Roman- und Filmadaptionen führ ihn tabu seien im Theater. Doch Kafka passe halt so einzigartig auf seine immer stärker werdende Angst vor einem totalitären Überwachungsstaat, der mit ungeheuerlicher Hochtechnologie wie ein Krake in all unsere Lebensbereiche dringe.

Dann sagt er noch grinsend, man sein noch nicht fertig, der letzte Pfiff fehle, aber man wolle neugierig machen, was immer gut sei fürs Geschäft. Und außerdem: Als Regisseur müsse er die Probe stoppen, falls etwas ganz schief laufe… ‑ Lacher, Beifall, die Menschen lieben ihren Peymann, sehen sich eins mit ihm.

Leiser Aufschrei im Publikum

Dann geht das Saallicht aus, und eine schwarze Bühne voller Stühle und Tische erscheint in kalter Düsternis; ein apokalyptisches Großraumbüro könnte man sagen.

Und dann, etwa in der 40. Minute, da passiert es. Da läuft es ganz, ganz schief: Hauptdarsteller Veit Schubert als Josef K., sonderlich gestresst von den gespenstischen Unheimlichkeiten um ihn herum, springt wütend auf und über einen Tisch - und stürzt krachend zu Boden. Leiser Aufschrei im Publikum. Einen Moment lang dachte man noch, Junge, Junge, wie gekonnt der das Stürzen hinkriegt. Doch Schubert bleibt am Boden, krümmt sich, ruft schließlich ächzend „Geht nicht, muss aufhören“.

Sofort springt Peymann auf die Bühne, kümmert sich, zusammen mit den Schauspielern, um den Verletzten. Sagt zum Publikum: „Sieht nicht gut aus, ich kenne Schubert, der hält viel aus. Aber wenn er aufhört, ist es ernst.“

„Wir müssen Sie nach Hause schicken, ohne Schubert keine Aufführung“

Peymann ruft nach einem Arzt, ein älterer Herr im grauen Anzug kommt aus den hinteren Reihen, aber da hat auch schon die Inspizientin nach der Nothilfe telefoniert. Peymann zum Publikum: „Wir müssen Sie nach Hause schicken, ohne Schubert keine Aufführung. Bitte wenden Sie sich an unseren Service, damit wir Ihnen Ersatzkarten anbieten können. Danke. “ Verhaltener Beifall, sozusagen als Gruß an Schubert.

Im Foyer steht schon das gesamte Abendpersonal stramm mit Papier und Kugelschreiber, um Adressen und Telefonnummern aufzunehmen. Damit man sich wegen einer Ersatzveranstaltung kontaktieren kann. Es läuft still und reibungslos; kein Unmut, völliges Verständnis für die Situation. Dabei perfekter Service, optimale Katastrophenverwaltung. Gute Besserung Veit Schubert!

Wir wissen jetzt: Sein Handgelenk zerbrach. Und wir wissen: Die Ersatzvorstellungen sind Taboris „Kannibalen“ und Shakespeares „Hamlet“. Und. Die Premiere, die für diesen Freitag geplant war, wird verschoben. Termin noch nicht bekannt.