Classic Open Air

„Es ist ein Geschenk, diesen Beruf ausüben zu dürfen“

Gesangswunder, Weltenbummlerin, Tierfreundin: Die österreichische Sopranistin Eva Lind, die beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt auftritt, wollte immer Sängerin werden. Der Erfolg gab ihr Recht.

Foto: COA

„Als Sänger wächst man mit dem Italienischen auf. Schon meine ersten Gesangsübungen waren italienisch. Die Sprache eignet sich einfach wie keine andere zum Singen, weil sie selbst schon Musik ist“, meint die Koloratursopranistin Eva Lind (48). In ihrem Opernrepertoire spielt Italien eine Hauptrolle. Die Österreicherin hat in Rom, Bologna und an der Mailänder Scala gesungen, privat macht sie gern Urlaub auf Sizilien. „Die schönsten Melodien haben Komponisten wie Verdi, Puccini, Bellini oder Donizetti erfunden. Das hat mit der Sprachmelodie zu tun.“ Für die Sängerin ist es kein Wunder, dass Italien das Geburtsland der Oper ist.

„Bella Italia“ darf auch auf dem Gendarmenmarkt nie fehlen. Eva Lind singt Arien und Duette aus Verdis „Rigoletto“, Catalanis „La Wally“, Werke von Vivaldi und Toselli. Sie gehört zu den Stammgästen bei Classic Open Air: „Es gibt nichts Schöneres, als an einem lauen Sommerabend vor dieser Kulisse auf dem herrlichsten Platz Europas zu singen.“

Singen wollte sie immer. Mit drei Jahren erlebte Eva Lind ihre erste Oper. Sie lag schon im Bett, als sie sich von der Musik im Wohnzimmer magisch angezogen fühlte. Sie setzte sich vor den Fernseher und sah sich völlig fasziniert Bizets „Carmen“ an. Danach verkündete sie, dass sie Opernsängerin werden wollte.

Glücklicherweise ist sie dabei geblieben, obwohl es vorher keine Musiker in ihrer Familie gab. Als sie 13 war, meldete sie sich heimlich im Konservatorium an. „Ich wollte erst einmal schauen, ob es auch funktioniert“, erinnert sie sich. „Nach einem halben Jahr habe ich mich dann bei meinen Eltern geoutet. Sie waren froh, dass ich nicht in die Disco ging oder Drogen nahm.“

Sie feierte große Erfolge, nahm jedes Angebot an

In Tirol wuchs Eva Lind vor allem mit klassischer Musik, aber auch mit alpenländischer Volksmusik auf. Jodeln hat sie nie gelernt, obwohl sie das interessieren würde. Sie befürchtet, dass der schnelle Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme ihrer Stimme schaden könnte. „Ich übe das später mal“, meint sie. Im österreichischen Fernsehen nahm sie am Talentwettbewerb „Die große Chance“ teil. Klassische Musik war dort eigentlich nicht vorgesehen. Trotzdem überzeugte sie gemeinsam mit einem Kommilitonen vom Konservatorium mit einem Duett aus „Don Pasquale“. Die Show hat der telegenen blonden Sängerin früh Türen geöffnet. Seitdem bekommt sie regelmäßige TV-Angebote.

In der Presse nannte man sie „jüngste Operndiva der Welt“, „Gesangswunder“ und „österreichische Nachtigall“ in Anlehnung an die schwedische Nachtigall Jenny Lind. Ihre Bühnenkarriere begann mit 16 Jahren. Am Opernhaus ihrer Heimatstadt Innsbruck durfte sie in Wagners „Parsifal“ für ein erkranktes Blumenmädchen einspringen. Drei Jahre später erregte sie Aufsehen als Königin der Nacht an der Wiener Staatsoper. Als 20-Jährige debütierte sie bereits als Lucia di Lammermoor in Basel. Drei Jahre lang lernte sie als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper das große Repertoire kennen. Nebenbei studierte sie noch drei Semester Philosophie. Die großen Fragen nach dem Warum, Woher und Wohin haben sie immer interessiert. „Außerdem wollten meine Eltern gern, dass ich studiere. Sie hatten sich dabei allerdings eher einen Brotberuf vorgestellt.“

Keine Freundin von Shows, in denen Menschen vorgeführt werden

Eva Lind feierte große Erfolge, nahm jedes Angebot an. Anfang der 90er-Jahre dann die Krise: „Es war eine Art Burnout. Ich hatte mit 25 Jahren alles erreicht, was ich wollte. Plötzlich dachte ich: Was soll jetzt eigentlich noch kommen? Und ist es das alles wert?“ Die Sopranistin hörte auf zu singen. Drei Jahre lang reiste sie um die Welt, sah sich von den tiefsten Slums in Indien bis zur Glitzerwelt in Las Vegas alles an und kehrte demütig zurück: „Auf der Reise erkannte ich, was für ein Geschenk es ist, diesen Beruf auszuüben.“

Sie begann langsam wieder zu singen, musste die Veranstalter aber erst einmal davon überzeugen, dass sie es nun doch ernst meinte. Im Crossover-Bereich fand sie neue Betätigungsfelder, und auch die Fernsehkarriere nahm Fahrt auf. Immer öfter wurde sie in Volksmusiksendungen eingeladen. Nicht nur als Sängerin, auch als charmante Moderatorin machte sie sich einen Namen.

Von 2003 bis 2007 moderierte sie die Sendung „Straße der Lieder“. „Das ist eine ganz andere Welt als die Oper. Volksmusiker sind entspannter und lässiger, weil sie ihr Instrument nicht so pflegen müssen. Wenn beim Opernsänger nur eine Kleinigkeit an der Stimme nicht funktioniert, ist gleich die ganze Existenz bedroht.“ Eva Lind hat es genossen, mit Udo Jürgens aufzutreten. Jedes Jahr präsentiert sie die „Chorfeste“ im Hessischen Rundfunk. Schade findet sie es, dass die Sender in den letzten zehn Jahren viele Musiksendungen abgeschafft haben und die Castingshows dafür auf dem Vormarsch sind. „Ich bin keine Freundin von Shows, in denen Menschen vorgeführt werden.“

Urlaub macht Eva Lind in exotischen Ländern

„Bijoux“ heißt ihre neue CD mit französischen Liedern von Massenet, Fauré, Debussy und Satie. Eva Lind mag jede Art von Musik, wenn sie gut gemacht ist – egal, ob Klassik, Jazz, Schlager oder Volksmusik. Privat legt sie allerdings kaum Platten auf. Wenn, dann am liebsten mit Instrumentalmusik. Wenn sie Gesang hört, kann sie nicht richtig abschalten.

Wenn sie gerade nicht arbeitet, kümmert sich Eva Lind um ihre Hunde und ihr Pferd. Sie liebt Tiere seit ihrer Kindheit, engagiert sich im Tierschutzverein und würde gern später einmal einen Bauernhof als Gnadenhof für ungewollte Tiere eröffnen. In ihrem Buch „Meine schönsten Hundegeschichten“ hat sie die kuriosesten Erlebnisse mit Vierbeinern festgehalten. Etwa, wie sie beinahe Giorgio Armanis Hund entführt hätte oder wie Luciano Pavarotti ihren Schäferhund Tristan mit Nudeln fütterte. Auch ihre Reiselust ist nicht verflogen. „Urlaub mache ich gern in ausgefallenen Ländern. Dieses Jahr fliege ich nach Burundi.“