Classic Open Air

Land der Sehnsucht – „Bella Italia“

Vielen Komponisten ging zwischen Venedig und Neapel das Herz auf. Deshalb lädt das Festival Classic Open Air auch diesmal einen Abend lang zu einer musikalischen Reise, mit Musik aus Italien sowie Werken, in denen dieses Land besungen wird.

Wie wäre es gewesen, wenn Sie vor 150 Jahren Urlaub in Italien gemacht hätten? Sie hätten sich eine nagelneuen Baedeker gekauft, sie hätten die Eisenbahn bestiegen – und dann nichts wie hin nach Venedig oder Florenz, Rom oder Neapel. Sie hätten die Rialtobrücke, den Dom zu Florenz oder das Kolosseum besucht. Und hätten voller Enthusiasmus über die wunderschönen Städte, die großartigen Kunstschätze und die traumhafte Landschaft jede Menge Souvenirs mit nach Hause gebracht.

Schon die Sprache ist musikalisch

Nicht anders ist es all den Komponisten aus Deutschland, Österreich oder anderen nördlichen Gefilden ergangen, die im 19. Jahrhundert die Alpen überquerten, um dort – fern des heimatlichen Alltags – das Dolce Vita zu genießen. Auch sie haben eine Vielzahl von Souvenirs mitgebracht, klingende Souvenirs natürlich. Wie muss es die empfindsamen Seelen dieser Künstler gepackt haben, dass sie umgehend zu Papier und Tinte griffen, um ihre Eindrücke in Noten festzuhalten! Schon die italienische Sprache dürfte sie verzückt haben, diese Musik mit eingefügten Buchstaben, bei der die Wörter viel mehr Vokale als Konsonanten haben und ein Satz sich förmlich wie eine Melodie aus dem Mund herausschlängelt. Nur im Italienischen erinnern sogar Wörter wie „prego“ und „grazie“, „buon appetito“ und „arrivederci“ an große Oper, Leidenschaft und Tragödie – ganz zu schweigen von den Operntexten selbst.

Rasante Rhythmen verzückten die Nordländer

Und dann waren da noch die Lieder und Tänze selbst, die jeder Reisende auf den Plätzen oder in der Taverne miterleben konnte: die Canzonen, die Tarantellen und Saltarellos, bei denen die rasanten Rhythmen auch dem kühlsten Nordländer in die Beine fahren mussten! Wen es bis nach Neapel hinunter verschlagen hatte, der geriet nicht nur beim Anblick des leise vor sich hinrauchenden Vesuvs in Verzückung. Da sangen die Männer aus dem Volke den Ohrwurm von „Santa Lucia“ und ergötzten sich an „Funiculì, Funiculà“. Nur von dem Hits aller Hits, „O sole mio“, konnten die damaligen neapolitanischen Westentaschen-Pavarottis noch nichts ahnen: Das Lied erblickte erst 1898 das Licht der Musikwelt.

Sangeskunst in Venedigs Gondeln

Wo hätte man schon in kühlen deutschen Landen der Musik im Freien lauschen können? Oder gar auf dem Wasser, wie bei den Gondolieri in Venedig, die im unverständlichsten venezianischen Dialekt ihre Sangeskünste auf schwankendem Grund zum Besten gaben – und dies noch heute tun? Da musste den Komponisten das Herz aufgehen, das mussten sie als Erinnerung mit nach Hause nehmen. Und so kam es, dass nicht nur der Berliner Felix Mendelssohn Bartholdy in seiner Italienischen Symphonie dem Süden huldigte – genau wie Peter Tschaikowsky, der mit dem Streichsextett „Souvenir de Florence“ einen Aufenthalt in der Stadt am Arno nachklingen ließ.

Weit weg war der russische Winter

Schon vorher war der Russe in der Hauptstadt Rom gewesen, wo er sich prompt zu seinem berühmten „Capriccio italien“ inspirieren ließ. Mit jedem Takt lässt dieses hinreißende Orchesterstück spüren, wie weit weg in jenem Moment der russische Winter mit Eis und Kälte war. Dementsprechend enthusiastisch schrieb er von dort an seine gute Freundin Nadeschda von Meck: „Augenblicklich leben wir hier im Zeichen des Carnevals. Die Lustigkeit des hiesigen Volkes ist eine aufrichtige und ungezwungene; sie wird mit der warmen schönen Luft eingeatmet.“

Tod in Venedig

Apropos schönes warmes Wetter: Das trieb auch den von seiner Angina Pectoris geplagten Richard Wagner immer wieder nach Italien, dorthin, wo es noch im Winter angenehm mild war. Seiner künstlerischen Inspiration kam das nur zugute: In Ravello, an einem der schönsten Abschnitte der Amalfi-Küste, lieferte ihm die magische Umgebung die Eingebung für Klingsors Zaubergarten im „Parsifal“. Und hätte der Bayreuther Meister nicht im Winter 1881/82 mehrere Monate in Palermo verbracht – wer weiß, ob er seine letzte Oper so zügig zu Ende komponiert hätte? Weniger angenehm war da schon die feuchtkalte Witterung in Venedig im folgenden Winter. Sie sollte für Wagner zur letzten Station seines Lebens werden; denn er starb im Februar 1883 in der Lagunenstadt.

Italien im Wiener Walzertakt

Werfen wir noch einen Blick auf die Österreicher, die ja schon immer gern auf ihr südländisches Temperament verwiesen haben (und bis 1918 mit Triest auf einen veritablen Adria-Hafen verweisen konnten!). Franz von Suppé, der erste Großmeister der Wiener Operette, konnte neben einer Fülle italienischer Vornamen – Francesco Ermenegildo Ezechiele!! – auch auf ein Jurastudium im norditalienischen Padua verweisen, bevor es ihn zum Komponieren endgültig nach Wien verschlug. Die Italienbegeisterung hat ihn nie verlassen, und mit seiner Operette „Boccaccio“ setzte er dem Schöpfer der schönsten italienischen Liebesnovellen ein schmissiges Denkmal.

Auch sein berühmter Kollege, der Walzerkönig Johann Strauss Sohn, war vom Italien-Virus infiziert. Seine Operette „Eine Nacht in Venedig“ verwöhnte das nördliche Publikum mit so appetitanregenden Rollennamen wie Ciboletta, Carammello und Pappacoda. Und als Strauss 1874 mit seinem Orchester auf eine Tournee durch Italien reiste, brachte er ein besonderes Präsent mit: den funkelnagelneuen Walzer „Bella Italia“. So schön kann Völkerverständigung sein, wenn sich zum Takt des Wiener Walzers die prickelnden Melodien Italiens gesellen. Darauf ein Glas Prosecco!

Sonntag, 6. Juli, 19.30 Uhr, Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt