Classic Open Air

Spielend einfach – die Wiener Klassik

Ein Galakonzert widmet das Classic-Open-Air-Festival der Wiener Klassik; einer Stilrichtung, die bis heute das öffentliche Musikleben prägt und die man mit drei großen Komponisten gleichsetzt.

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Ein Konzertbetrieb ohne die neun Sinfonien Beethovens, ohne Mozarts Linzer oder „Die kleine Nachtmusik“, ohne Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag? Undenkbar. Das Repertoire berühmter Solisten unter Verzicht auf die großen Klavier- und Violinkonzerte von Mozart und Beethoven? Ernüchternd. Kammermusik ohne die Streichquartette Haydns und Mozarts, ohne Beethovens „Appassionata“? Kümmerlich. Ein Opernspielplan ohne „Don Giovanni“, ohne „Die Zauberflöte“ oder „Fidelio“? Ein kultureller Kahlschlag!

Wissenschaftler streiten um den Begriff

Es gibt kaum eine musikalische Gattung, welche die Wiener Klassik nicht mitgeprägt hat. Selbst die kirchliche Musik, man denke an Haydns „Schöpfung“, an Mozarts Requiem oder die Missa Solemnis von Beethoven, wurde beeinflusst von dieser Stilrichtung. Allein der Begriff Wiener Klassik ist umstritten. Nicht wenigen Musikwissenschaftlern, die eine gemeinsame klassisch-romantische Epoche ausgemacht haben, ist er zu eng gefasst. Gemeint ist zuerst einmal der Zeitraum zwischen 1781, dem Jahr von Mozarts Umzug nach Wien, bis zu Beethovens Tod 1827. In diesen Jahren wurde Instrumentalmusik zur autonomen Kunst erhoben. Es entstand ein öffentliches, sprich bürgerliches Musikleben, das noch heute das Geschehen in unseren Konzertsälen und Musiktheatern prägt.

Haydn, Mozart und Beethoven waren Zuzügler

Spricht man von den Komponisten der Wiener Klassik, meint man eigentlich nur Joseph Haydn (1732-1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und Ludwig van Beethoven (1770-1827). Dabei haben auch andere Tonkünstler an diesem wichtigsten Kapitel der europäischen Kunstmusik mitgeschrieben. Doch ein Antonio Salieri, ein Carl Ditters von Dittersdorf, Georg Christoph Wagenseil oder Georg Mathias Monn tauchen im Vergleich zu den omnipräsenten „Großen Drei“ nur noch sporadisch auf den Spielplänen auf.

Weder Haydn, noch Mozart oder Beethoven stammten aus Wien. Dafür sind sie alle drei in der Donau-Metropole gestorben. Dass Wien gegenüber Paris und London zur tonangebenden Musikstadt wurde, lag an der internationalen Verehrung Mozarts nach dessen Tod, aber auch am Zuzug Beethovens.

Große Musiktradition an der Donau

Der künstlerische Boden, den die Musiker in Wien beackerten, war äußerst fruchtbar. Schon im Mittelalter hatte es in der Stadt, in allen Bevölkerungsschichten, ein reiches Musikleben gegeben. Der Habsburger Monarchie, die weite Teile Europas beherrschte und die sich als Zentrum der europäischen Kunst und Kultur verstand, diente Musik als Ausdruck von Macht und Glanz. Setzte die Konkurrenz an Frankreichs Hof eher auf Architektur zum Repräsentieren, förderte man am Kaiserhof frühzeitig die Musik. Namhafte Sänger, Instrumentalisten und Komponisten aus ganz Europa wurden verpflichtet. Im Lauf des 18. Jahrhunderts ließ das kaiserliche Engagement allmählich nach. Unter Maria Theresia wurde die Repräsentation Angelegenheit des Militärs. Musik galt fortan als reines Vergnügen. Das minderte keineswegs den Enthusiasmus, den man ihr abseits des Hofes entgegenbrachte. Dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum war Mitte des 18. Jahrhunderts die höchste Kunstform, für die man bereitwillig die Schatulle öffnete.

Aus Dienstleistern werden Künstler

Verlockende Bedingungen auch für einen Komponisten wie Mozart, der im Juni 1781 vom Erzbischof von Salzburg vor die Tür gesetzt worden war. Dass der kirchliche Arbeitgeber Mozart die Mitwirkung bei lukrativen Konzerten in Wien untersagt hatte, war ein Grund für die Streitigkeiten gewesen. Aus dem Dienstleister wurde nun der freischaffende Künstler, der in Wien in zehn Jahren seine großen Opern komponierte und auch die Klavierkonzerte, die er, immer auf neue Auftraggeber erpicht, meist selber vortrug. Hatte Haydns Werk Mozart zuvor bereits lange beeinflusst, so entwickelte sich seit 1781 zwischen beiden Komponisten eine enge Freundschaft. Gegenseitig inspirierte man sich zu neuen Formen der Komposition, vor allem beim Streichquartett und der Sinfonie, die so zur publikumswirksamsten Gattung wurde. Dass beide Künstler der Wiener Freimaurerloge angehörten, verleiht der Freundschaft eine weltanschauliche Facette.

Endgültig nach Wien übersiedelte „Papa Haydn“ erst nach Mozarts Tod. 1790 war er vom unmusikalischen Erben des ungarischen Fürsten Esterhazy, für dessen Familie er fast drei Jahrzehnte gearbeitet hatte, zwangspensioniert worden. Der Musiker nutzte den Unruhestand, um in England mit riesigem Erfolg seine Sinfonien aufzuführen. Haydn überlegte gar, ob er nicht Bürger Englands werden sollte. Doch dann zog es ihn nach Wien.

Verschmelzung vieler Musikrichtungen

Wie Haydn hatte auch Mozart auf seinen Reisen zahlreiche Musiker und unterschiedlichste Musik kennengelernt. Ob Volkslied oder empfindsamer Stil, ob barocke Polyphonie oder italienische und französische Oper, ob die Meister der Mannheimer Schule oder Händels geistliche Vokalwerke: Die Offenheit und die Fähigkeit beider Tonkünstler, aus diesen zahlreichen Einflüssen einen neuen Stil zu formen, macht ihre eigentliche kompositorische Leistung aus.

Gleiches gilt für Beethoven, der Haydn als 21-Jähriger erstmals in Godesberg bei Bonn vorgespielt hatte und der anschließend nach Wien reiste, um bei Haydn Klavierunterricht zu nehmen. Sein Förderer Graf von Waldstein formulierte den berühmt gewordenen Satz: „Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie Mozarts Geist aus Haydns Händen.“ Beethovens Karriere begann vor allem durch seine Fähigkeiten als Piano-Virtuose. Seine Wiener Jahre 1802 bis 1812, die „heroische Periode“, gelten als die fruchtbarste Schaffenszeit.

Erfolgsgeheimnis Sonatensatz

Ob Schubert, Brahms oder Mahler: All die nachfolgenden Komponisten mussten sich an einem gewaltigen Erbe messen lassen. Bis heute stehen die Wiener Klassiker in der Gunst des Publikums ganz oben. Warum das so ist? Vielleicht nur so viel: Diese Kunst klingt erst einmal spielend einfach! Gern werden singbare, klar ersichtliche Motive verwendet, viele Werke besitzen ein Grundmuster aus acht Takten. Die Sonatenhauptsatzform (Exposition, Durchführung, Reprise) dient dem Hörer als eine Art Leitfaden. Umso auffälliger und meist auch aufregender erklingt dann das Abweichen von der Norm, wenn das Empfinden sich über das Formale hinwegsetzt und man den Komponisten als Künstler und Menschen wahrnimmt. Das ist das Neue in der Musikgeschichte und begeistert den Hörer bis heute.

Sonnabend, 5. Juli, 19.30 Uhr, bei Classic Open Air