Classic Open Air

Musik ohne Grenzen auf dem Berliner Gendarmenmarkt

Von Wiener Klassik bis Elektropop: Auch das 23. Festival Classic Open Air vereint auf Berlins schönstem Platz mit vielen prominenten Künstlern die unterschiedlichsten Musikrichtungen.

Foto: DAVIDS/Darmer / Davids/Darmer

„Alles hat seine Zeit“: Unter diesem Motto wird Unheilig, eine der aktuell erfolgreichsten deutschen Popgruppen, am 7. Juli auf dem Gendarmenmarkt beim Classic Open Air-Festival gastieren. Eigentlich wollte die Band 2014 eine Pause einlegen. Doch nun führt Der Graf, Frontmann und Spiritus rector von Unheilig, seine Mannen auf einer kleinen Tournee auf einen der schönsten Plätze Europas in Berlins historischer Mitte.

Top-Termine des Berliner Sommers

„Alles hat seine Zeit“ könnte aber auch über der 23. Ausgabe des Festivals selber stehen, das vom 3. bis 8. Juli zu sechs Veranstaltungen lädt. Denn längst gehört Classic Open Air zu den Top-Terminen des sommerlichen Kulturkalenders in Berlin. 25.000 Menschen besuchten im vergangenen Jahr die fünf Konzertabende, als das Festival im wahrsten Sinne des Wortes von der Sonne geküsst war. In den Jahren davor musste man sich des Öfteren mit Schirm oder Regencape gegen meteorologische Kapriolen rüsten. Trotzdem wurde das Festival, um bösartigen Gerüchten entgegen zu treten, in seiner Geschichte vom Wettergott nicht schlechter behandelt als andere Open-Air-Veranstaltungen.

Fast 700.000 Zuhörer seit 1992

Der Gendarmenmarkt, einer der wichtigsten touristischen Anlaufpunkte der Hauptstadt, ist eben kein Konzertsaal. Dessen war sich Gerhard Kämpfe bewusst, als er 1991 die Idee hatte, auf dem Areal zwischen dem Deutschen Dom, dem Konzerthaus und dem Französischen Dom ein Musikfestival zu organisieren. Ein Jahr später ging das erste Konzert mit Opernstar José Carreras über die Bühne. Bis heute leitet Kämpfe die Geschicke des Festivals, seit 1998 mit Mario Hempel, der als Geschäftsführender Gesellschafter einstieg. Mehr als 690.000 Zuschauer kamen zu den bislang insgesamt 122 Veranstaltungen von Classic Open Air seit der Gründung.

Kein Platz für Puristen

Dem Konzept, mit klassischen Konzerten vor der beeindruckenden Kulisse des Gendarmenmarkts ein breites Publikum anzusprechen, ist man bis heute treu geblieben. Bei allem Anspruch an den hohen künstlerischen Wert der Darbietungen setzt man immer wieder auf populäres Repertoire. Doch schon die Schreibweise „Classic“ deutet darauf hin, dass diese Veranstaltung nicht unbedingt ein Fall für Klassik-Puristen ist. Und bereits ein flüchtiger Blick auf die umfangreiche Liste der Stars, die hier schon auftraten, macht die enorme künstlerische Bandbreite deutlich. Sie reicht von Prominenz aus Oper und Konzert wie Monserrat Caballé, José Cura oder Thomas Quasthoff, über Größen aus Jazz und Weltmusik wie Paul Kuhn, Al Jarreau oder Buena Vista Social Club, bis zu Rock- und Pop-Idolen wie Chris de Burgh, den Scorpions, Udo Jürgens oder den Söhnen Mannheims.

Schwellenängste werden abgebaut

Doch es geht um mehr als nur Vielfalt, es geht um das Miteinander der Musikstile. Sehr oft erklingen Jazz, Rock und Pop in Begleitung klassischer Orchester, wobei vor allem das Deutsche Filmorchester Babelsberg auch dieses Jahr wieder ein brillanter Partner ist. Eine Publikumsbefragung vor einigen Jahren ergab, dass etwa 70 Prozent der Festivalbesucher selten klassischen Konzerten beiwohnen. In dieser Hinsicht hilft Classic Open Air, Schwellenängste abzubauen.

Zudem fasziniert viele Zuschauer der Event-Charakter der Konzerte, gerade wenn mit Licht, Laser und Feuerwerk gearbeitet und dabei die klassizistische Kulisse des Platzes einbezogen wird. Dieses Jahr werden die Konzerte auf links und rechts von der Bühne angebrachte LED-Wände übertragen.

Auftakt mit Klassik, Film- und Rockmusik

All diese Elemente, die Auflösung der Genregrenzen wie die spektakuläre Inszenierung mit Feuerwerk, kommen dieses Jahr bereits am ersten Abend am 3. Juli zum Tragen. Die „First Night“ präsentiert mit so unterschiedlichen Künstlern wie Till Brönner, Nora Tschirner und ihrer Band Prag, der Gruppe Silly um Frontfrau Anna Loos sowie mit dem Babelsberger Orchester Höhepunkte aus Klassik, Film und Rockmusik.

Dass Operndiven, weibliche Musicalstars, erfolgreiche Jazz-, Pop- und Chansonsängerinnen gemeinsam einen Abend bestreiten, ist in der nicht gerade ereignisarmen Geschichte des Festivals ein Novum. Neben Star-Sopranistin Anna Maria Kaufmann, die „Classic Ladies“ am 4. Juli auch moderiert, sind unter anderem Adriane Queiroz, Yma America und Katherine Mehrling zu erleben. Für feurige Einlagen sorgen die Musik-Artistinnen Some Handsome Hands, Azabache Flamenco sowie die weibliche Marching-Actionband Venusbrass. Frauenpower, selten trifft dieser Begriff so zu wie an diesem Freitagabend!

Galakonzert der Wiener Klassik

Szenen und Arien aus Opern sowie Orchesterwerke von Haydn, Mozart und Beethoven sind am Abend darauf zu hören. Das „Galakonzert der Wiener Klassik in Licht und Feuer“ bestreiten Gesangs- und Instrumentalsolisten und die Anhaltinische Philharmonie Dessau. Als Special Guest tritt Giora Feidman auf. Der Weltstar an der Klarinette überwindet seit vielen Jahren im wörtlichen Sinne spielend die Grenzen zwischen Religionen und Kulturen.

„Bella Italia“ ist das Sonntagskonzert am 6. Juli übertitelt. Neben neapolitanischer und sizilianischer Volksmusik, Opern- und Operettenmelodien sowie Serenaden bringen die Jenaer Philharmonie und die Gesangssolisten auch Werke von Pjotr Tschaikowsky, Johann Strauss und Franz von Suppé zu Gehör, von Komponisten also, die sich für Italien begeisterten und inspirieren ließen.

Auftritte von Unheilig und Schiller

Am 7. Juli dann gibt sich wie erwähnt Der Graf vor dem Konzerthaus die Ehre: ein „Best of“-Konzert von Unheilig, bei dem aber auch einige neue Songs vorgestellt werden sollen. Schillernd geht es zum Abschluss des Festivals zu. Auf der Bühne vor dem Schiller-Denkmal wird am 8. Juli der Elektro-Klangkünstler Christopher von Deylen a.k.a. Schiller erstmals live von einem klassischen Ensemble, dem Symphonic Pop Orchestra, und namhaften Gästen unterstützt Titel aus einer 15-jährigen Erfolgsgeschichte spielen.

Das Finale bietet noch eine weitere Premiere: Zum ersten Mal bei Classic Open Air tritt ein Künstler an zwei verschiedenen Abenden auf. Denn Der Graf spielt nicht nur sein Konzert am Tag zuvor, er wird mit Schiller zudem einen gemeinsamen Song performen. Titel: „Sonne“. Vielleicht ein dezenter Wink an den Wettergott?!

Classic Open Air, 3.-8. Juli, Gendarmenmarkt Berlin

Foto: Christian Kielmann