Global Pop

Dieser Schiller sorgt beim Classic Open Air für Klangwelten

Im richtigen Leben heißt der Musiker Christopher von Deylen. Elektro-Pop mit richtig viel Pathos ist sein Markenzeichen. Privat mag es der Wahlberliner schlicht und frei und gab seinen Besitz weg.

Vorm Konzerthaus am Gendarmenmarkt steht eine an den deutschen Dichter, Historiker und Philosophen Friedrich Schiller erinnernde Statue. Sein Leben hatte er Kunst und Erkenntnisgewinn gewidmet. Mehr als zwei Jahrhunderte später steht auch lebendiger Schiller hier und überlegt, wie er seine Kunst auf dem Gendarmenmarkt präsentieren kann. Christopher von Deylen heißt der moderne Schiller mit bürgerlichem Namen. Er ist Musiker und irgendwie auch Philosoph.

Spontane Namensfindung

Seit nunmehr 16 Jahren währt sein Schiller-Dasein. Die Namensgebung war Zufall, denn von Deylen arbeitete 1998 mit einem weiteren Musiker an einem Beats- und Clubmusik-orientierten Projekt. „Glockenspiel“ hieß die erste Single – und „mit mittelmäßiger Motivation kam ich auf ‚Schiller‘. Hätte ich gewusst, dass der Name solange hält, hätte ich wahrscheinlich etwas länger nachgedacht“, sagt er. Doch wirklich unglücklich ist er mit seinem Spontaneinfall nicht, ermöglicht ihm doch „Schiller“ die Konzentration auf das Wesentliche – auf die Musik. „Das Publikum interessiert sich nicht für Christopher von Deylen. Was ich sehr angenehm finde, denn so muss ich mich nicht ständig als Person präsentieren. Doch der Druck, den ich mir selbst mache, ist stärker als irgendwelcher Druck, der von außen kommen könnte.“

Elektronische Klangwelten mit viel Pathos

Nach dem Glockenspiel-Projekt verließ von Deylen die Tanzflächen, schaltete um auf Sanfteres und Melodiebetonteres und wandte sich seiner eigentlichen Klangleidenschaft zu, der elektronischen Musik. Schon ein Jahr später erschien das Debütalbum „Zeitgeist“, und seit 2003 ist „Schiller“ schließlich sein erfolgreiches Solo-Projekt. „Weltreise“, „Leben“, „Tag und Nacht“, „Sehnsucht“, „Atemlos“, „Sonne“ und zuletzt „Opus“ heißen die Arbeitsnachweise des Niedersachsen, der seit 2002 in Berlin lebt. Sowohl in den Titeln als auch in seinen beeindruckenden elektronischen Klangwelten ist viel Pathos enthalten, doch das ist durchaus gewollt: „Pathos ist großartig. Für mich kann Musik gar nicht pathetisch genug sein“, sagt der 43-Jährige.

Arktische Auszeit

Privat dagegen spielt Theatralik keine Rolle, ganz im Gegenteil: Der Mensch Christoph von Deylen will und wollte nie im Vordergrund stehen. Stattdessen ist der Musiker an Hinter- und Tiefgründigem interessiert und sucht Antworten auf für ihn wichtige Fragen. 2000 nahm sich von Deylen eine Auszeit und reiste mit seinem Vater von London nach Peking. Die gewonnen Eindrücke verarbeite er im Album „Weltreise“. Artverwandt war im 2009 eine Fahrt mit dem deutschen Forschungsschiff „Polarstern“ ins Nordmeer. „Ich wollte etwas völlig anderes machen. Ein Monat kein Land, nur Eis, das war eine mentale Mutation. Ich habe richtig im Schichtdienst mitgearbeitet, unter anderem Tauchroboter gesteuert. Im Juli ist es dort taghell – da bekommt das Wort ‚Nachtarbeit’ eine ganz andere Bedeutung.“ Die arktischen Erfahrungen prägten das 2010 veröffentlichte Album „Atemlos“, eines der Stücke trägt den Titel seiner vierwöchigen Wahlheimat: „Polarstern“.

Besitzlos und frei

Seit einiger Zeit befindet sich Christopher von Deylen wieder auf einer Erfahrungsreise mit durchaus spirituellem Hintergrund: „Ich besitze nichts mehr, habe meinen gesamten Besitz weggegeben – bis auf mein Instrumentarium und zwei kleine Koffer mit Kleidung. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn man nichts mehr hat. Es ist super! Wenn ich zwischen materieller Sicherheit und Freiheit zu entscheiden hätte, würde ich immer Freiheit wählen.“ Selbst Musik ist nur noch in Form von Dateien vorhanden. Die guten alten physischen Tonträger, mit denen van Deylen aufgewachsen ist, sind Vergangenheit, aber dennoch präsent. „Meine ersten Platten waren von Tangerine Dream. Als Teenager habe ich stundenlang die Endlos-Sequenzen der Berliner Elektronik-Pioniere inhaliert. Sie haben mich zur elektronischen Musik gebracht. Danach habe ich angefangen, selbst zu experimentieren. Es war eine Leidenschaft, ein Beruf sollte es nie werden.“ Auch Krautrock wie Can stand auf dem musikalischen Speisezettel und natürlich Kraftwerk. „Ich bin ein großer Bewunderer der kraftwerkschen Klang-Ökonomie. Mit derart minimalistischen Sounds und Sequenzen so einen maximalen Effekt und Eindruck zu erzielen – das ist schon fast deutsche Ingenieurs-Kunst. Was aber auch genau der Grund dafür ist, dass ich mich von Kraftwerk nicht immer innerlich berührt fühle. Man bleibt doch eher distanzierter Beobachter.“ was aber wahrscheinlich auch genauso gewollt sei, sagt er mit einem Lachen.

Künstlerisch ausliefern

Im Laufe seiner fast 16jährigen musikalischen Reise haben sich zahlreiche Kooperationen mit anderen Musikern ergeben, darunter Sarah Brightman, Xavier Naidoo, Klaus Schulze, Anna Maria Mühe, Midge Ure, Anna Netrebko und Jaki Liebezeit, dem Schlagzeuger der Krautrock-Legende Can. „Jede Zusammenarbeit hat ihre Besonderheiten, jede neue Begegnung ist spannend und aufregend. Ich mag es sehr, wenn man sich dem jeweils anderen Partner künstlerisch komplett ausliefert und dabei nur eins im Sinn hat: ein möglichst einmaliges Werk zu erschaffen. Wenn es dann einen dieser raren magischen Moment gibt, dann ist das sehr kostbar.“

Gemeinsam mit Unheilig auf der Bühne

Die Begegnung mit Liebezeit sei hervorhebenswert – „beeindruckend und unvergesslich“, so von Deylen. „Zum Glück konnte ich ihn ausfindig machen, und er hat auch sofort zugesagt. Wir haben uns für zwei Tage in einem Tonstudio in Kreuzberg getroffen und einfach Musik gemacht. Im Gegensatz zu mir ist Jaki eher wortkarg. Als wir dann aber gemeinsam im Aufnahmeraum waren, sprudelten die Ideen nur so aus ihm heraus.“ Zu hören ist das auf den Tracks „Leidenschaft“ und „Opium“ des Albums „Atemlos“. Eine weitere erwähnenswerte Zusammenarbeit ist die mit Unheilig. Beim Classic Open Air wird sie ihre Fortsetzung finden, denn „Der Graf“, der mit seiner Band einen Abend zuvor auftritt, ist einer der beim Schiller-Abend angekündigten Gäste. „Ich bin sehr froh, dass wir unseren Titel ‚Sonne’ endlich einmal gemeinsam aufführen können. Das wird dann eine Live-Weltpremiere – und dann auch noch gleich mit einem Symphonie-Orchester. Sehr aufregend.“

Instrumentale Schiller-Welt

Der COA-Abend ist eines der Projekte, die Schiller derzeit elektrisieren: „Ich würde gern etwas Besonderes machen – die Highlights aus all den Jahren neu zusammenstellen, mit dem Orchester neu arrangieren – vielleicht auch Songs, die ich noch niemals live gespielt habe – und jedes einzelne Stück in ein neues akustisches Gewand kleiden.“ Möglicherweise wird das Konzert aufgezeichnet und später als Album veröffentlicht. Gleichzeitig arbeitet von Deylen auch am Nachfolger seines bislang letzten Studioalbums „Opus“ von 2013. „Ich bin zur Zeit jeden Tag im Studio und arbeite an neuen Stücken. Wann diese jedoch zu einem neuen Album reifen werden, ist noch unklar. Ich denke, dass frühestens 2015 ein neues Studioalbum erscheinen wird.“ Vielleicht auch wieder mit Gästen? „Noch bin ich zu sehr mit der instrumentalen Schiller-Welt beschäftigt. Deswegen ist es noch nicht an der Zeit, sich konkret mit musikalischen Gästen zu beschäftigen. Das kommt dann irgendwann - meistens, wenn man gar nicht damit rechnet.“ Die Reise mit Schiller und Schillers Reise mit sich selbst ist noch lange nicht zu Ende. „Ich fühle mich immer noch am Anfang und wie ein Anfänger. Der Sturm und Drang hält an“, verspricht er.