Classic Open Air

Unheilig – „Wir werden immer ein Teil der Gothic-Szene sein“

„Unheilig“ haben die Charts erobert, ohne ihrer Gothic-Herkunft untreu zu werden. Die laufende Tour führt „Den Grafen“ auch auf den Gendarmenmarkt. Angekündigt sind Hits, aber auch ganz neue Songs.

Ob sich Aachener Gothic jemals als Marken-, Stil- oder Epochenbezeichnung etablieren wird, sei dahingestellt. In jedem Fall schreibt derzeit eine kaiserstädtische Combo an ihrem düster-schönen Erfolgskapitel im Buch der deutschen Rockmusik, eine Band, die den langen Weg aus der Nische der Weißgesichtigen und Schwarzgewandeten an die Spitze der Charts bewältigt hat.

Von Unheilig ist die Rede und vom „Grafen“, ihrem charismatischen Sänger, Komponisten, Texter und Mastermind. Bis 2010 bewegten sich Unheilig fast völlig unter dem Radar der breiten musikalischen Öffentlichkeit, ihre frühen Alben – immerhin fünf an der Zahl – waren nur in der Gothic-Szene bekannt. Doch die Grabesruhe endete sozusagen über Nacht. Anfang 2010 schoss die Single „Geboren um zu leben“ auf die vorderen Plätze der Hitparaden in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Unheilig waren gekommen, um zu bleiben: Allein in der Bundesrepublik tummelte sich der Song 94 Wochen am Stück in den Single-Charts. Das dazugehörige Album begeisterte ebenso, bis heute erwarben mehr als 1,5 Millionen Käufer die „Große Freiheit“. Auf dieser Erfolgswelle schwimmt auch der Nachfolger „Lichter der Stadt“ (2012).

Etwas weniger Vampir-Image und Nagellack

Doch was war geschehen? „Der Graf“ – stets im schwarzen Frack gekleidet und Zeremonienmeister ohne bekannte bürgerliche Identität – hatte seine Zutaten neu sortiert und dabei das scheinbar perfekte Mischungsverhältnis gefunden: Hier etwas weniger Vampir-Image durch den Verzicht auf schwarzen Nagellack und weiße Kontaktlinsen, dort ein hitparadentauglicher Sound mit Raum für opulente Balladen – alles bekömmlich abgeschmeckt mit Texten einer etwas anderen Art, die vielen Menschen, das Herz aufgehen lassen und große Gefühle wecken.

Und das in einem Maße, dass sich viele selbst auf ihrem letzten Weg Unheilig als Begleiter wünschen: In der von der Branche jährlich ermittelten Top-Ten der „Bestattungshits“ sind Unheilig regelmäßig mit mindestens einem Song vertreten.

Die Konzertarenen im deutschsprachigen Raum sind der Band vertraut, der Gendarmenmarkt mit seinen klassizistischen Prachtbauwerken aber ist Neuland, auf das sich der „Der Graf“ schon ungemein freut: „Ich habe mir im Internet alles zum Gendarmenmarkt herausgesucht.“

Ungewohnt wird auch die beim Classic Open Air obligatorische Bestuhlung sein. „Das wird wohl tatsächlich mein erstes bestuhltes Konzert, aber ich denke, die Fans werden spätestens nach 20 Minuten stehen. Auf die Atmosphäre bin ich gespannt, manchmal entfaltet sich ein ganz besonderer Zauber. Ich vermute, auf dem Gendarmenmarkt werden vor allem die ruhigeren Lieder funktionieren.“

Durch die Transitzone

Freuen können sich die Fans auf die Songs des im März erschienenen Best-of-Albums „Alles hat seine Zeit“ einschließlich der neuen Single „Als wär’s das erste Mal“. Beide verkaufen sich gut. „Die Single läuft viel im Radio, sie ist von den Sendern gut angenommen worden – ohne dass wir Promotion gemacht hätten.“ Doch nur Best-of soll es an diesem Abend nicht sein, verspricht der Graf, weshalb Unheilig sowohl auf dem Gendarmenmarkt als auch auf der laufenden „Alles hat seine Zeit“-Tournee einige ganz neue Songs reichen wollen, um sie auf ihre Live-Tauglichkeit zu testen.

Dargeboten werden auch zwei Songs des Gitarristen Christoph Termühlen, „Licky“ genannt. Einen wird dieser im Alleingang singen, beim anderen duettiert er sich mit dem Grafen. Beide Songs finden sich auch auf dem in Kürze erscheinenden Solo-Album, das übrigens per „Crowd-Funding“ zustande kam. Individuelle Exemplare erhalten all diejenigen, die in Lickys Projekt investiert haben, ansonsten wird sein Debüt-Werk nur bei Konzerten, nicht aber im herkömmlichen Handel erhältlich sein.

Für Unheilig ist die aktuelle Tour eine Transitzone. In der Vergangenheit liegt die Enttäuschung über den zweiten Platz bei der nationalen Ausscheidung für den Eurovision Song Contest (und damit das Aus für die Teilnahme in Dänemark), in der Zukunft liegt das nächste Studioalbum. „Wir mussten damit rechnen. Es war ein Traum, beim ESC für das eigene Land anzutreten. Ich werde es aber nicht noch einmal machen“, so „Der Graf“. Wenn das Publikum ‚nein’ sage, müsse man das akzeptieren.

Der Kopf der Band hatte den ESC vor allem als Chance gesehen, das Gesamtkunstwerk Unheilig einem internationalen Publikum vorstellen zu können: „Auch wenn der musikalische Gehalt des ESC immer wieder kritisiert und in Frage gestellt wird, ist dies doch eine einmalige Veranstaltung. Auf welchen anderen musikalischen Event fokussiert sich denn die gesamte europäische Presse so wie auf den ESC?“

30 neue Songs stehen zur Auswahl

Zumindest die Fans müssen sich nicht grämen, denn so „konnten wir uns voll auf das neue Album konzentrieren. Ich bin fast jeden Tag im Studio, habe sehr viele Lieder zur Auswahl, um das Album richtig stark zu machen.“ Mehr als 30 seien es, so „Der Graf“. Bis zu 16 werden auf den verschiedenen Formaten des noch unbetitelten Werkes enthalten sein, das irgendwann 2015 erscheinen soll. Eines der Formate könnte eine Vinyl-Edition sein, denn „Der Graf“ outet sich als Liebhaber der schwarzen Scheiben: „Ich würde das neue Album sehr gern auch als Vinyl-Version herausbringen.“

Was können die Fans musikalisch erwarten? Das neue Album werde in jedem Fall anders klingen als die Vorgänger. „Ich versuche immer, eine Entwicklung aufzuzeigen. Wir sind mit dem Bisherigen an gewisse Grenzen gestoßen und werden jetzt ein paar neue Wege gehen.“ Natürlich sei auch Poppiges dabei wie „Geboren um zu leben“ oder „So wie du warst“, aber der Gesamtklang werde „wesentlich härter“ ausfallen – „so wie in den Anfangsjahren“.

Wie entsteht Unheilig-Musik? „Ich schreibe eigentlich immer, selbst beim Rasenmähen oder anderen Tätigkeiten. Manchmal habe ich plötzlich einen kompletten Text im Kopf und höre auch die Musik dazu – bis hin zur Orchestrierung. Ich bin dann in meiner eigenen Welt. Zugegeben, das kann manchmal etwas anstrengend für die Menschen in meinem direkten Umfeld sein.“ Um nichts zu vergessen, bannt „Der Graf“ spontane Inspirationen aufs Handy. „Da sind zahllose Ideen drauf.“

Job und Privatleben bleiben strikt getrennt

Verarbeitet werden sie schnellstmöglich im hauseigenen Studio: „Habe ich mitten in der Nacht eine Idee, stehe ich auf und gehe ins Studio.“ Zur Seite steht ihm sowohl bei Aufnahmen als auch live eine eingespielte Truppe. „Im Laufe der Jahre hat sich ein Team zusammengefunden, auf das ich mich 100prozentig verlassen kann – von den Lichtshow-Verantwortlichen über die Roadies bis hin zu den Musikern.“

Job und Privatleben sind und bleiben für Unheilig getrennt, und so hat er bis heute weder seinen bürgerlichen Namen noch sein Geburtsdatum öffentlich Kund getan. Zwar will ihn eine großformatige deutsche Boulevard-Zeitung enttarnt haben, doch deren Erkenntnisse „habe ich nie bestätigt“, sagt er mit einem hörbaren Lächeln in der Stimme. „Privates bleibt bei mir privat. Ich würde auch niemals mit jemandem aus meiner Familie über irgendeinen roten Teppich gehen, und eine Home-Story wird es mit mir auch nicht geben.“

Die Fans akzeptieren das. „Letztendlich ist es doch auch uninteressant, ob ich lieber Spaghetti- oder Vanilleeis mag. Es geht doch um die Musik!“ Obwohl die Fans sicherlich wüssten, wo er wohne, würde seine Gartentür nicht belagert. „Dass ich privat meine Ruhe haben will, wird von allen respektiert.“ Bei privaten Begegnungen auf der Straße ist er aber durchaus ansprechbar: „Wer ein Autogramm möchte, bekommt auch eins.“ Nur Erinnerungsfotos sind nicht drin: „Keine Fotos, wenn ich meinen Anzug nicht trage.“

Dönerpizza mit Gothic-Geschmack

Musikalisch sieht sich der Unheilig-Frontmann als Kind der 80er-Jahre. „Bauhaus, Joy Division, Sisters of Mercy oder auch Damned“ waren prägende Einflüsse, später auch Depeche Mode. „Rammstein mag ich auch, selbst an einem deutschen Schlager kann ich mal Gefallen finden. Ich höre eigentlich alles außer Marschmusik. Musik schafft Brücken und die unterschiedlichen Stile können neue Inspiration bringen.“

Weshalb seine Band auch nicht in eine Schublade zu stecken sei. „Unheilig ist wie eine Dönerpizza – für jeden ist etwas Leckeres dabei.“ Der schon immer hohe Gothic-Geschmacksanteil werde auch bleiben. „Da kommen wir her. Die ersten Reihen bei Unheilig-Konzerten sind noch immer ganz in schwarz gekleidet. Unsere Musik ist viel facettenreicher geworden, aber wir werden immer ein Teil der Gothic-Szene bleiben.“

Die Vorliebe der Band für dunklere musikalische Seiten bot dem Grafen eine perfekte Möglichkeit, den schüchternen, scheuen Privat-Graf auszublenden – den, der stotterte, der dafür in der Schule gehänselt wurde und dem Lehrer rieten, einen Job zu ergreifen, bei dem er mit niemandem kommunizieren müsse. Im Vampir-Look stotterte er nicht. „Ich habe mal eine Studie gelesen, die besagt, dass Menschen weniger stottern, wenn sie sich verkleiden.“

Inzwischen ist er viel selbstsicherer, stottert kaum noch: „Heute kann ich damit ganz offen umgehen“, sagt der Sänger. Proportional zum Anstieg des Selbstbewusstsein bröckelte die Bühnenfassade. „Eigentlich ist die Maske heute komplett verschwunden.“ Bis auf den Frack natürlich. Der bleibt.