Jubiläum

Wenn Daniel Barenboim auf Simon Rattle trifft

Als Pianist hat Daniel Barenboim am 12. Juni 1964 bei den Berliner Philharmonikern debütiert. Es wurde eine Langzeit-Beziehung. Am kommenden Mittwoch findet sein 260. Konzert mit dem Orchester statt.

Foto: / Monika Rittershaus / Berliner Philhamoniker

Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle geben am Mittwoch gemeinsam ein Konzert. Das ist – wie in Berlin üblich – ziemlich beiläufig unter Tausend anderen großen und kleinen Ereignissen angekündigt. Dabei ist das Abschlusskonzert der Philharmoniker-Saison etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil Daniel Barenboim als Pianist damit sein 50-jähriges Bühnenjubiläum bei den Berliner Philharmonikern feiert. Das Konzert selbst ist ein Gipfeltreffen. Das US-Magazin „The New Yorker“ schrieb einmal über Barenboim, dass er der wichtigste lebende Klassikmusiker der Welt sei.

Er ist Stardirigent, Starpianist, er ist Chef eines der größten Opernhäuser, der Staatsoper, und obendrein politisch engagiert als Gründer des West-Eastern Divan Orchestra. In zwei Jahren wird er in Berlin eine eigene Musikakademie für junge Musiker aus dem Nahen Osten eröffnen. Stardirigent Simon Rattle ist Chef eines der bedeutendsten Orchester. Oder anders gesagt: Er verkörpert das renommierteste Chefdirigentenamt in der Musikwelt, das gleichsam für Tradition und für höchste künstlerische Qualität steht.

Schon mehrfach gemeinsam musiziert

Eigentlich müssten die beiden Berliner Dirigenten ja Konkurrenten sein. Aber sie dirigieren gegenseitig ihre Orchester, scheinen sich wirklich zu mögen und haben auch schon gemeinsam musiziert. Erstmals 2004 beim Europa-Konzert der Philharmoniker in Athen, als Barenboim das erste Klavierkonzert von Brahms spielte. Das steht jetzt auch im Jubiläumskonzert auf dem Programm. Als Barenboim am 12. Juni 1964 bei den Philharmonikern debütierte, konnte er sich das Programm noch nicht aussuchen. Intendant Wolfgang Stresemann bot dem Pianisten eigentlich nur ein Stück an, dass der damals 21-Jährige obendrein gar nicht kannte. Und das für ihn auf den ersten Blick unattraktiv war, wie der Künstler heute zugibt. Bartoks erstes Klavierkonzert wurde damals selten gespielt, aber Barenboim kniete sich hinein.

Dauerpräsenz in der Philharmonie

Am Mittwoch steht sein 260. Konzert bei den Philharmonikern bevor. Was eine stattliche Zahl ist und auf eine große Nähe zum Orchester hinweist. 30 Mal war er in den fünf Jahrzehnten als Pianist engagiert, darüber hinaus als Dirigent und oftmals auch als sein eigener Solist am Konzertflügel. Barenboim hat so etwas wie eine Dauerpräsenz in der Philharmonie, als Solist und mit verschiedenen Orchestern. Er ist mit dem Haus und allem rundum bestens vertraut. Und er hat Generationen von Philharmonikern erlebt. Keiner der aktiven Philharmoniker war bei seinem Debüt damals dabei, einfach, weil Orchestermusiker irgendwann in den gesetzlichen Ruhestand gehen müssen. Dirigenten und Solisten machen weiter.

Sein Vater war der erste Lehrer

Die erste Einladung nach Berlin musste Barenboim ablehnen. Sein Vater wollte nicht, dass er in Deutschland spielt. Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires als Sohn russisch-jüdischer Emigranten geboren. Sein Vater war auch sein erster Lehrer. 1949 debütierte das Wunderkind in Argentinien mit Beethoven-Sonaten. In Salzburg trifft der gerade mal Elfjährige 1954 auf sein großes Idol Wilhelm Furtwängler. Der Dirigent ist beeindruckt und lädt den begnadeten Jungpianisten nach Berlin ein. Aber sein Vater erklärt Furtwängler, dass es für eine jüdische Familie neun Jahre nach Kriegsende undenkbar ist, nach Deutschland zu fahren. Zumal die Barenboims gerade erst erst aus Argentinien nach Israel übergesiedelt waren.

Daniel Barenboim konzertiert ab Mitte der 50er-Jahre in aller Welt, aber nicht in Deutschland. Wie sein Vorbild Edwin Fischer betätigt er sich immer stärker als dirigierender Pianist. Ab 1962 kann man Barenboim zuerst als Dirigenten bezeichnen. Im selben Jahr bekommt er eine Einladung vom Rias-Orchester, dem heutigen Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Er spricht mit seinem Vater über das Angebot. Im Mai 1963 gibt Barenboim sein erstes Konzert in Berlin, bei der Gelegenheit kommt der Philharmoniker-Intendant Stresemann auf ihn zu. Der will aber nur den Pianisten engagieren. Stresemann glaubt, dass sich Barenboim irgendwann für das eine oder andere entscheiden muss. Barenboim aber will sich nicht entscheiden – bis heute. Bei den Philharmonikern debütierte er erst im Juni 1969 als Dirigent.

Folgenschwere Begegnung im Debütkonzert

Die Klassikwelt ist viel kleiner als die meisten denken, und die Großen treffen ständig aufeinander. Eine folgenschwere Begegnung fand in jenem Debütkonzert statt. Pierre Boulez, der dirigierende Komponist, stand am Pult und führte Werke von Schönberg, Strawinsky, Bartok und Boulez vor. Seither verbindet Barenboim und Boulez eine enge Musikerfreundschaft.

Der Franzose hat dem jungen Pianisten seinerzeit die Welt der Moderne eröffnet, wohingegen sein eigener Vater in ihm eher den Virtuosen in klassischer Tradition sehen wollte. In Barenboims neuer Berliner Musikakademie wird der Konzertsaal künftig den Namen Pierre Boulez tragen. In seinem zweiten Philharmoniker-Konzert im September 1964 führte Barenboim ein Symphonisches Konzert für Klavier und Orchester von Furtwängler auf, am Pult stand Zubin Mehta. Auch der indische Dirigent ist ein enger Vertrauter, Barenboims Staatskapelle hat ihn kürzlich erst zum Ehrendirigenten ernannt.

Chef wurde immer ein anderer

Barenboim war der erste, der die Philharmoniker nach Herbert von Karajans Tod 1989 dirigierte. Gewählt hat das Orchester dann allerdings einen anderen zum Nachfolger: den Italiener Claudio Abbado. Barenboim trug es mit Fassung. Und auch in der nächsten Endrunde entschieden sich die Philharmoniker für einen anderen, den Briten Simon Rattle. Inzwischen hat wieder die Suche nach einen neuen Chefdirigenten begonnen. Merkwürdigerweise kann sich im Moment kaum einer vorstellen, dass Barenboim, der erfolgsverwöhnt in seinem Imperium Staatsoper thront, überhaupt im Gespräch ist oder es sein will. Aber wer weiß.

Philharmonie Daniel Barenboim und Simon Rattle am 18. Juni um 20 Uhr