Während die Geigerin Lisa Batiashvili vorn in die Kamera lächelt, wird im Hintergrund noch die Open-Air-Bühne aufgebaut. Die Bühne für das große Orchester steht wieder mitten auf dem Boulevard Unter den Linden. Auf der einen Seite des Bebelplatzes dämmert die eingerüstete Staatsoper vor sich hin, auf der Freifläche davor schlendern Touristengruppen durch die Sonne. Mit der Ruhe wird es am heutigen Sonntag vorbei sein, denn an dieser Stelle findet das allsommerliche Ritual namens „Staatsoper für alle“ statt. Am späten Vormittag kommen die ersten Besucher mit Klapp- oder gar Liegestühlen und lassen sich vor der Bühne nieder. Wenn um 13 Uhr das Konzert beginnt, werden sich mehrere Zehntausend eingefunden haben, um Stardirigent Daniel Barenboim, seine Staatskapelle und Lisa Batiashvili zu erleben.
Sie habe sich gewundert und sehr darüber gefreut, dass Daniel Barenboim sie ein zweites Mal dabei haben will, sagt die Münchner Geigerin. Im letzten Sommer hat sie Johannes Brahms’ Violinkonzert gespielt und das Publikum entzückt. 38.000 Besucher waren auf den Bebelplatz gekommen, hieß es damals. Mag sein, dass es tausend weniger oder fünf mehr waren. Wer kann die Leute im dichten Gedrängel des für den Autoverkehr gesperrten Boulevards schon zählen. Auf jeden Fall herrschte eine überraschend andächtige Stimmung.
Für die Geigerin ist die Ernsthaftigkeit auch bei Open-Air-Konzerten wichtig. Diesen Ernst bewundert sie auch an Barenboim, der auf dem Bebelplatz nichts anderes macht als im Konzertsaal: nämlich Musik in bester Qualität. Das hält Lisa Batiashvili auch für wichtiger, als immer neuen Marketing-Ideen nachzujagen. Ja, man müsse mit der Zeit mitgehen, sagt sie. Aber Spaßunternehmungen oder Crossover-Projekte, nur um mehr CDs zu verkaufen, das ist nicht ihre Sache.
Wenn sie spielt, dirigieren die Chefs
Über Musik geht es in unserem Gespräch merkwürdigerweise kaum. Dabei ist Lisa Batiashvili jetzt gleich mehrfach in Berlin zu erleben. Auf dem Bebelplatz spielt sie mit der Staatskapelle Beethovens Violinkonzert, beim Deutschen Symphonie-Orchester stellt sie am 20. und 21. Juni Schostakowitschs erstes Violinkonzert in der Philharmonie vor. Chefdirigent Tugan Sokhiev steht dann am Pult. Wenn die Batiashvili spielt, ist das längst Chefsache.
Sie ist das, was man heute gern eine Stargeigerin nennt. Zu denen zählen im Klassikbetrieb auch Julia Fischer, Arabella Steinbacher oder Susanna Yoko Henkel. Sie alle verbindet einiges, denn die Vier stammen aus der Talenteschmiede der Münchner Geigenlehrerin Ana Chumachenko. Was bemerkenswert ist. „Sie ist eine Lehrerin, die weiß, was in einem steckt und es Stück für Stück herausholt“, sagt Lisa Batiashvili. „Auf diese Weise kann jeder seinen eigenen Stil finden und wird in kein Korsett gesteckt.“ Das ist also das ganze Geheimnis. Dann muss sie lachen: Zu seiner Lehrerin gehe man auch wie „ein Kranker zu seinem Arzt“. Dann liegt nicht nur das Ästhetische auf dem Behandlungstisch. Sie dreht ihr schlankes Handgelenk und wippt mit den Fingern, und es wird klar, wie körperlich doch das Geigenspiel ist.
Zum Accessoire einer Star-Geigerin gehört irgendwie immer auch eine Stradivari. Lisa Batiashvili hat ihre „ex Joachim“ von 1714, eine Leihgabe der „Nippon Music Foundation“, jetzt durch eine Guarneri von 1739 ersetzt. Das ist eines der letzten Instrumente des italienischen Geigenbauers Guarneri del Gesu und mindestens genau so wertvoll wie eine „Strad“, auch weil es weniger davon gibt. Lisa Batiashvili lobt ihr Volumen, die Wärme, vor allem sei sie weniger prätentiös. Stradivaris sind meist launischer und kämpfen gern mit ihren Virtuosen. Die Geigerin genießt ihr neues Instrument. Dass sie es auch auf der Open-Air-Bühne spielen wird, zeigt, wie wichtig ihr das Konzert mit Barenboim ist.
Klare Worte gegen Russland
Richtig leidenschaftlich wird sie im Gespräch, als es um ihre Heimat Georgien und aktuell um Russland und die Ukraine geht. Jetzt sei doch allen erst wirklich bewusst geworden, sagt die Georgierin, wie aggressiv Russland werden kann, wenn es seine Interessen erzwingen will. Kürzlich hat sie ein Konzert in Russland abgesagt. „Es ist doch keine Zeit zum Feiern“, sagt sie mit Blick auf die blutende Ukraine. Punkt. Die Musikerin, die mit einem französischen Oboisten verheiratet ist und inzwischen zwei Kinder hat, die – wie sie lächelnd sagt – Georgisch mit leicht französischem Akzent sprechen, versteht sich selbst durch und durch als Pro-Europäerin.
Dabei ist Lisa Batiashvili selbst noch ein Kind aus Sowjetzeiten. 1979 wurde sie in der georgischen Hauptstadt Tiflis als Tochter eines Pianisten und einer Geigerin geboren. Sie kann sich noch an die Pionierkleidung erinnern. Russland hatte in ihrer Erinnerung immer etwas Bedrohliches. Sie war 12, als ihre Eltern vor dem drohenden Bürgerkrieg nach Deutschland zogen. Zunächst studierte sie an der Hamburger Musikhochschule, 1993 wechselte sie nach München. Ihre internationale Karriere begann früh.
Einsatz für ihre alte Schule in Tiflis
Vor einigen Jahren hat sie ein Filmteam nach Tiflis begleitet, wo sie ihre frühere inzwischen herunter gekommene Musikschule besuchte. Im Film waren hochtalentierte Kinder in einem zerbröckelnden Haus zu sehen. Sie versprach zu helfen. Alle hochfahrenden Pläne etwa eines neuen Gebäudes sind inzwischen einem Pragmatismus gewichen, erklärt sie. Es gibt Benefizkonzerte. Kürzlich hat sie mithilfe eines Sponsors fünf gute Geigen in Paris gekauft, die der Schule übergeben werden.
Ihr Engagement für den Musikernachwuchs wird auch bei „Metropolis“ auf Arte gezeigt. Dass die georgische Musiktradition immer auch stark an die kraftstrotzende russische Schule gebunden war, will sie so nicht stehen lassen. Heute hat sich vieles vermischt. Und außerdem spiele in Georgien die Folklore eine starke Rolle, sagt sie: „Die Musiker sind dadurch sehr intuitiv“.





