Für diese Art von Kultur fehlt mir irgendwie das Durchsetzungsvermögen. Für mein Fahrrad habe ich noch den gefühlt letzten halben Stellplatz zwischen Humboldt-Uni und Konzerthaus an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ergattert. Ich selbst finde einen solchen Platz nicht, jedenfalls nicht da, wo ich hin will: in jenen Radius mitten auf dem Bebelplatz, in dem man die Staatskapelle und Daniel Barenboim in ihrer Muschel vor der Universität nicht nur aus Lautsprechern hören, sondern auch sehen kann.„Vermutlich über 49.900 Personen“, so wird Barenboim persönlich nach Ende des Konzerts den Andrang einschätzen.
An den schwitzenden Ordnern vom Service-Team komme ich irgendwie vorbei, obwohl ich mich im Gegensatz zu den französischen Touristen vor mir nicht mit mangelnden Sprachkenntnissen herausreden kann. Den Rentnern mit Klappstuhl dagegen bin ich nicht gewachsen. Großes Hallo, ich versperre schließlich die Sicht. Die Abfuhr sämtlicher Aggressionen, jener sehr berlinischen Angst, man könnte etwas verpassen oder sonst irgendwie zu kurz kommen, findet glücklicherweise allseitig vor dem Platzkonzert der „Staatsoper für alle“ statt. Der Sponsor BMW, der sich in Gestalt einer verkaufsorientierten blonden Moderatorin und eines Vorstandsmitglieds einleitend zu Wort meldet, wird auf dem vollbesetzten Bebelplatz mit Murren bedacht.
Ein echtes, strenges Barenboim-Programm
Von dieser Seite allerdings könnte es auch ganz anders laufen, offensiver kommerziell. Doch es gelten die Gesetze des Opernhauses, nicht die des Geldes: Der Rahmen darf massentauglich sein, die Musik dagegen gibt sich unbestechlich anspruchsvoll. Es gibt kein Potpourri im Sinne von „Klassikmelodien für Millionen“, sondern ein echtes, strenges Barenboim-Programm: Dazu zählt zunächst, gemäßigt opernhaft und mit eher sittlichem Glamour, der „Einzug der Gäste“ aus Tannhäusers Sängerkrieg, aber danach gibt es gleich Beethovens Violinkonzert.
Und dieser wird von einem eher unauffällig auftretenden Geigen-Star präsentiert. Lisa Batiashvili wird zur Zeit in der Klassikszene hoch gehandelt, aber offensichtlich nicht wegen einer spektakulär auftrumpfenden Tongebung, sondern aufgrund eines feinen musikalischen Gespürs für das Changieren von Beethovens Werk zwischen klassischer Formstrenge und romantischer Lieblichkeit. Batiashvili nimmt die vorgegebenen Tempi des Orchesters völlig selbstverständlich auf und erweckt ihre eigene Linie dann mit kunstvollem, feingliedrigen Vor und Zurück der Geschwindigkeit zum Leben.
Nicht nur Beethoven, auch die Sonne brennt
Ich tauche unter und setze mich im Schneidersitz aufs Pflaster. Obwohl das Wetter ideal ist und eine Art Ostseewind über den Bebelplatz weht, brennt nicht nur Beethoven, sondern auch die Sonne auf unserer Haut. Unten angekommen, merke ich, dass es mehrere Ebenen der Zuhörerschaft gibt. Als hochgewachsener Steher habe ich vielleicht das präziseste, aber nicht das gemeinschaftlichste Hörerlebnis. Auf der mittleren Ebene harren die Menschen im Klappstuhl aus, auf dem Boden sitzen die Teenager.
Es scheint zunächst ein bisschen wuselig da unten, aber spätestens im langsamen Beethoven-Satz sind alle Ohren auf die Bühne gerichtet. Nach einem recht zügig absolvierten Rondo folgt sofort Strawinskis Skandalballett „Le Sacre du Printemps“. Der epochale Lärm, den diese Musik macht, er wirkt trotz fortwährender gespannter Stille auf dem Bebelplatz ein wenig eindimensional. Die Grundstimmung hier ist eigentlich leise, die Begeisterung am Ende ungeteilt, aber eher innerlich. Es gibt keinen Grund, sofort davonzustürzen und das Fahrrad zu retten.





