Am nächsten Wochenende findet – erstmalig – auf dem Kulturforum zwei Tage lang ein großes Fest statt. Die Institutionen am Ort wie die Neue Nationalgalerie, die Gemäldegalerie und die Philharmonie werden zwar geschätzt, der Platz an sich wirkt insgesamt stets arg verlassen. Die Neugestaltung des Kulturforums, ein städtebaulicher Evergreen, wird in diesen Wochen wieder intensiver diskutiert. Das ist auch ganz nach dem Geschmack von Martin Hoffmann, dem Intendant der Berliner Philharmoniker.

Berliner Morgenpost: Wie soll man sich das neue Fest am Kulturforum vorstellen: Vorne spielen die Philharmoniker, hinten essen die Besucher Currywurst?

Martin Hoffmann: Alle Institutionen, die am Kulturforum ansässig sind, haben verabredet, ein zweitägiges Fest zu veranstalten. Jedes Haus bietet Besonderheiten, das Zentrum ist eine eigens dafür errichtete Open-Air-Bühne vor dem Kammermusiksaal der Philharmonie. Die Berliner Philharmoniker spielen dort am Sonntag „Carmina Burana“ und treten erstmals im Freien vor ihrem Haus auf. Am Abend davor können die Berliner auf dieser Bühne die legendäre Jazzformation Klaus Doldingers Passport erleben. Und natürlich haben wir dafür gesorgt, dass unsere Gäste etwas zu Essen und zu Trinken bekommen.

Es wird eine andere Atmosphäre sein als etwa in der Waldbühne, wo die Philharmoniker traditionell ihre Saison mit einem Klassik-Picknick beenden.

Ich hoffe, dass die Berliner auf den Platz strömen. Das Kulturforum wird jeder für sich individuell entdecken. Es ist natürlich keine Konzertsaal-Atmosphäre, aber vielleicht lässt sich das Waldbühnen-Gefühl auf einen innerstädtischen Platz ein wenig übertragen. In jedem Fall wird eine besondere Atmosphäre zu spüren sein.

So richtig klar ist uns die Motivation für dieses Fest nicht. Für die Gemäldegalerie, die weitgehend ignoriert wird, mag die Veranstaltung ja vernünftig sein, aber der große Saal der Philharmonie ist doch ohnehin immer ausverkauft.

Wir wollen den Platz gemeinsam wiederbeleben. Er ist ein kulturelles Zentrum der Stadt und wird zu wenig wahrgenommen. Wenige Meter weiter tobt jetzt am Nachmittag das Leben am Potsdamer Platz, aber von diese Lebendigkeit ist hier nichts zu bemerken. Mit unserem Fest wollen wir an dieser misslichen Situation, die der Bedeutung dieses Ortes nicht gerecht wird, etwas ändern.

Woran liegt das?

Als 1963 hier die Philharmonie eröffnet wurde, war sie ein Solitär. Dann wurde die neue Nationalgalerie gebaut, ein weiterer Solitär. Schließlich kam mit der Staatsbibliothek ein weiterer hinzu, und so ist das Kulturforum heute eine Aneinanderreihungen an unverbundenen Solitären. Diese städtebauliche Leere wird ja gerade gerade diskutiert, und wir – die ansässigen Institutionen – wollen einen inhaltlichen Beitrag beisteuern.

Wie nehmen Sie das Kulturforum in seiner Architektur heute wahr?

Der Platz steht heute für ein städtebauliches Provisorium, was über Jahre hinweg nicht als Ensemble gedacht wurde. Jedes einzelne Haus macht hervorragende Programme, aber architektonisch ist in seiner Gesamtheit nicht überzeugend. Das Fest soll auch auf diesen architektonischen Missstand hinweisen.

Es gibt ja keinen, der das Kulturforum Klasse findet, und trotzdem verharrt man seit Jahren im Status Quo.

Ja, das war so in den vergangenen Jahren und das ist sehr zu bedauern. Aber aktuell sind doch vielfältige Impulse spürbar. Die Institution selbst und die Öffentlichkeit diskutieren intensiv über die zukünftige Nutzung. Und unsere Kulturstaatssekretärin, Frau Grütters, hat von Seiten des Bundes die Initiative ergriffen. Das halte ich für sehr positiv. Die Frage, was auf den zentralen Platz gebaut werden soll, ist allerdings wirklich noch offen.

Kommen wir zurück zum Fest: Wie weit wird der Platz abgesperrt?

Es war eine komplexe Unternehmung, alle Genehmigungen zu bekommen. Die Stadt und ihre Behörden machen es einem da nicht immer leicht. Abgesperrt werden die Karajan- und die Sigismund-Straße. Das betrifft die Bühne. Die Potsdamer Straße wird verkehrsberuhigt sein. Nach unseren Geräuschmessungen hat der Verkehrslärm keinen akustischen Einfluss auf die Konzerte.

Gibt es nun ein Lärmschutzproblem?

Nein, die Kooperation mit der BVG, der Feuerwehr und der Polizei verlief wunderbar. Aber die vollständige Sperrung der Potsdamer Straße war offenbar wegen der gleichzeitig stattfindenden Fanmeile zur Fußball-WM nicht möglich.

Aber für den traditionellen Philharmonie-Besucher ist die Fest nichts?

Ich hoffe, dass der auch kommt. Auch in der Waldbühne ist unser treues Stammpublikum anzutreffen. Aber ich möchte eigentlich keine Zielgruppe konkret ansprechen. Alle sind willkommen, es soll eher eine Stimmung sein wie beim „Tag der offenen Tür“. Auch da haben wir ein generationsübergreifendes Publikum. Darauf ist auch das Programm ausgerichtet, es gibt beispielsweise das Experiment auf der Piazzetta: „Crowd Out“ heißt das Werk des New Yorker Komponisten David Lang für 1000 sprechende, singende, raunende Stimmen. Da geht es vor allem ums Mitmachen, gerade auch für ein jüngeres Publikum.

Wie haben die Philharmoniker auf die Popularisierung reagiert?

Das Fest ist nicht nur eine Veranstaltung der Philharmoniker, sondern alle beteiligten Institutionen bieten besondere Programme und Ausstellungen. Das Orchester hat ebenso wie Simon Rattle gesagt, es sei eine prima Idee. Dazu passt auch „Carmina Burana“, weil es die Möglichkeit gibt, das neue, von der Deutschen Bank finanzierte Education-Programm mit unseren „Vokalhelden“ vorzustellen.

Aber es kann doch nicht jeder machen, was er will?

Natürlich nicht wir haben gemeinsam überlegt, was jedes Haus dazu beitragen kann und uns dann schnell geeinigt. Inspiration war für uns Ludwig Kirchners Gemälde „Potsdamer Platz“ von 1914. Es zeigt die besondere Atmosphäre des Platzes bereits vor 100 Jahren. Das Bild wird aus dem Depot der Neuen Nationalgalerie geholt und speziell aus Anlass unseres Festes gezeigt. Dann haben wir uns gefragt, wie bekommen wir die ganze Fläche bespielt und die Häuser miteinander verknüpft. So gibt es eine Orgelwanderung mit Cameron Carpenter, die auf der Mighty Wurlitzer im Musikinstrumenten-Museum beginnt, über die Schuke-Orgel in der Philharmonie in die St. Matthäus-Kirche führt und schließlich mit seiner Touring-Orgel auf der Open-Air-Bühne endet. Das ist eines dieser einmaligen Projekte.

Hat Ihr Engagement damit zu tun, dass sich vieles in Richtung Mitte verschiebt. Die Museumsinsel wird attraktiver, 2018 soll das Humboldtforum eröffnen, die Staatsoper Unter den Linden wird ein neuer Repräsentationsbau und Daniel Barenboims Bebelplatz-Konzerte sind Publikumsmagnete.

Es war kein initialer Gedanke, dass wir uns in Konkurrenz zu anderen Plätzen der Stadt oder zu Daniel Barenboim befinden. Aber es ist uns allen ein echtes Anliegen, diesen auch historisch so besonderen Platz einmal gemeinsam auszuloten. Und das machen wir jetzt.

Beim Open-Air auf dem Bebelplatz ist der Eintritt frei, beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt beginnen die Kartenpreise bei 45 Euro. Sie liegen mit 24 Euro so in der Mitte.

Glauben sie mir, wir hätten auch sehr gerne keinen Eintritt erhoben. Aber dieses Fest ist mit dem bestehenden Budget nicht zu bestreiten, da die Produktionskosten für die Bühne und die aufwändige technische Infrastruktur beträchtlich sind. Wir haben für diese Veranstaltung keinen Euro zusätzliche öffentliche Mittel erhalten und sind der Deutschen Bank daher sehr dankbar, dass sie sich für dieses Fest auch finanziell nachhaltig engagiert. Und für uns ist es auch eine prima Gelegenheit, die 25-jährige Partnerschaft mit der Deutschen Bank zu feiern.

Und warum machen Sie das Fest genau dann, wenn die Fußball-WM beginnt?

Das haben wir mit berücksichtigt. In Brasilien ist Vorrunde und ein Spiel der deutschen Mannschaft findet auch nicht statt. Außerdem ist es eine schöne Alternative zum Fußball.