Der „Prince of Darkness“ hat zur vorsommerlichen Metalparty in seine Rockhölle geladen. Im knöchellangen Mantel tappst Ozzy Osbourne über die düster blau und blutrot illuminierte Bühne, reißt die Arme in die Höhe, ruft „Let me hear you!“ und „Clap you're fucking hands!“ ins ausverkaufte Freilichtheater an der Wuhlheide. Und er hat die 17.000 Fans vom ersten Song an auf seiner Seite. Ein Monster zum Liebhaben.

Es ist tatsächlich geschlagene 44 Jahre her, dass Black Sabbath in Originalbesetzung in Berlin zu erleben waren. 1970 standen sie im Audimax der TU auf der Bühne. Und spielten bereits damals einen Großteil jener Songs, die es auch an diesem Pfingstsonntag zu hören gibt. Klar, Ozzy Osbourne war auch später mit seiner eigenen Band in der Stadt und auch Black Sabbath kam Mitte der 90er-Jahre wieder, allerdings nur mit Gitarrist Tony Iommy und neuen Bandkollegen.

Hier aber steht nun (nahezu) das Original wieder auf einer Berliner Bühne. Gereift, in die Jahre gekommen, vom Leben gezeichnet und von einer ungeheuer ansteckenden Spielfreude angetrieben. Ozzy Osbourne ist inzwischen 65 Jahre alt. Er weiß, dass er ein Überlebender ist. Einer, der sich durch Alkohol und Drogen fast umgebracht hat. Er hat Skandälchen mit abgebissenen Fledermausköpfen ebenso hinter sich wie die Peinlichkeiten der MTV-Familien-Doku-Soap „The Osbournes“. Und kostet jeden Moment des Konzerts sichtlich aus.

Tony Iommy, der Erfinder des Metal-Riffs

Der 66-jährige Gitarrist Tony Iommy gilt als der Erfinder des Metall-Riffs, er hat mit seinem kantigen, mächtigen Spiel Horden von Nachgeborenen inspiriert. Seit bei ihm 2011 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wurde, kämpft er gegen die Krankheit an. Nach dieser Tournee muss er zur weiteren Behandlung wieder ins Krankenhaus. Bassist Geezer Butler, 64, treibt den Black Sabbath-Sound mit seinem melodiös treibenden Spiel voran. Ein in seinem Metier virtuoser Instrumentalist, der den Bass im Hardrock emanzipiert hat.

Nur ein Gründungsmitglied fehlt. Schlagzeuger Bill Ward war schon auf dem Reunion-Album „13“ und ist auch auf dieser Tournee nicht dabei. Für Ozzy Osbourne war er offenbar ein gesundheitlicher Unsicherheitsfaktor. Er sei zu übergewichtig, er sei nicht in Form, er habe schon zwei Herzattacken gehabt, hieß es. Aber Bill Ward hält sich für fit. Man kommuniziert seither nur noch über Anwälte. Am Schlagzeug sitzt deshalb der schwer tätowierte 34-jährige Youngster Tommy Clufetos.

Gestandene Heavy-Metal-Jünger und junge Schwarzkittel

Nach dem Vorprogramm der erklärten Sabbath-Fans Soundgarden („Black Hole Sun“), der Grunge-Band aus Seattle um Sänger Chris Cornell, hallen „Ozzy! Ozzy!“-Sprechchöre durch das Amphitheaterrund. Das Publikum ist bunt gemischt, wenn auch mehrheitlich schwarz gekleidet – witterungsbedingt in kurzen Hosen. Fans der frühen Jahre haben sich ebenso auf den weiten Weg gemacht wie gestandene Heavy-Metal-Jünger und junge Schwarzkittel, die den alten Helden ihren Respekt zollen. Ein Generationentreffen. Die Wuhlheide kocht in einer Mischung aus Ehrfurcht und Ekstase.

Sirenengeheul schneidet durch die flirrend heiße Luft und kündet die Ouvertüre des Abends an. Um 20.50 Uhr hebt sich der schwarze Vorhang und „War Pigs“ stampft los, ein Stück vom zweiten, 1970 erschienenen Album „Paranoid“, eine geharnischte Absage an den Krieg und an alle Kriegstreiber, die die Menschheit in den Untergang treiben wollen. „Generals gathered in their masses” singt Ozzy Osbourne, und die Menge shoutet mit „Just like witches at black masses“ die zweite Zeile als Chor mit. Dann wieder Ozzy: „Evil minds that plot destruction”. Dann wieder gemeinsam: „Sorcerers of death’s construction”. Das Publikum erweist sich als textsicher. Dunkel drohend hallt dazu Tony Iommys Gitarre durch die Wuhlheide.

Eine höchst lebendige tanzende Gruft

Black Sabbath wissen, was ihre Fans wollen. Es sind meist Stück der glorreichen 70er-Jahre, die die Wuhlheide in eine höchst lebendige tanzende Gruft verwandeln. Wie „Into The Void“ oder „N.I.B.“, wie „Iron Man“ oder „Paranoid“. Nur wenige neue Stücke sind im Live-Repertoire. „End of the Beginning“ etwa oder „God Is Dead?“ Unter Anleitung von Ausnahme-Produzent Rick Rubin haben sie im vergangenen Jahr mit “13“ ein neues Album eingespielt, das nahtlos an die frühen Düster-Rock-Erfolge anschließt. Und weltweit ein Nummer-1-Hit wurde. Eine späte verdiente Ehre.

Ozzy Osbourne ist ganz in seinem Element. Immer wieder stachelt er das Publikum zum Mitmachen an. Er dankt für die jahrzehntelange Treue, bekundet immer wieder: „We love you all!“ Er schüttet zur Abkühlung eimerweise Wasser ins Publikum. Er rollt die kajaldunklen Augen, er stakst und hüpft wie eine Mischung aus hilfloser Person und Vollblut-Entertainer über die Bühne,. Er macht das grandios. Und die Menge liebt ihn dafür. Die vier Musiker kreieren einen originären Sound, der sich lautstark schleppend Bahn bricht und die ohnehin aufgeheizte Wuhlheide noch mehr zum Brodeln bringt. Ja, fast wie damals, nur irgendwie erwachsener.

Legenden dürfen das

Da stört es auch nicht, dass Ozzy Osbourne in den höheren Lagen längst nicht mehr so intonationssicher ist. Er überspielt diese leichte stimmliche Schwäche gekonnt. Und man nimmt ihm die Freude ab, die er verspürt, wenn ihm der Dank seiner Fans in tosendem Jubelgeschrei entgegenbrandet. Natürlich gibt es vor „N.I.B.“ ein Bass-Solo und natürlich gehört auch bei „Rat Salad“ ein Schlagzeug-Solo dazu. Ganz klassisch, ohne einen Moment lang museal zu wirken. Legenden dürfen das.

Diesen Männern da oben auf der Bühne macht keiner etwas vor. Da sind gestandene Handwerker bei der Arbeit, die einst kräftig am Rad der Rockhistorie gedreht haben. Als langsam die Dunkelheit über die verschworene Gemeinde hereinbricht, geht es auch schon in die Zielgerade. „Children of the Grave“ vom 1971er-Album „Master of Reality“ ist schließlich das Finale eines zweistündigen, geschichtsträchtigen Konzerts, bei dem Black Sabbath im knappen Zugabenteil mit dem unvermeidlichen Hit „Paranoid“ beglücken. Headbanger vor!