Berlin-Konzert

Peter Gabriel in der Waldbühne - Einer Legende wird gehuldigt

Erinnerungsarbeit auf offener Bühne: Seit zwei Jahren ist Peter Gabriel mittlerweile auf Tournee. Der Abend in der Waldbühne ist musikalisch von höchster Brillanz, aber völlig überraschungsfrei.

Foto: Grzegorz Michalowski / dpa

Es ist das letzte Konzert einer Tournee, die den britischen Rockmusiker Peter Gabriel zwei Jahre lang durch die USA und Europa geführt hat. Und es ist gleichzeitig der Auftakt zur diesjährigen Open-air-Saison in der Waldbühne. Schon am frühen Sonntagabend pilgern Tausende Richtung Olympiagelände, um den Mann zu erleben, der ihr Leben in den 70er- und 80er-Jahren begleitet hat. Peter Gabriel, den künstlerisch wie politisch engagierten Entertainer, der Ende der Sechziger mit Genesis den Prog-Rock geprägt hat, bevor er seine erfolgreiche Solokarriere startete. Er leistet mit seiner Jubiläumsshow „Back To Front“ Erinnerungsarbeit auf offener Bühne.

Man erlebt einen furiosen Auftritt, den man im vergangenen Herbst schon einmal in der O2 World sehen konnte. Eine perfekt inszenierte Show mit optischen Reizen und musikalischen Höhenflügen. Herzstück ist das 1986 erschienene Hitalbum „So“, das zu Beginn der Tournee 25 Jahre alt geworden ist und das er komplett vom ersten Stück „Red Rain“ bis zum letzten Stück „In Your Eyes“ aufführt. Und zwar mit genau jenen Musikern, mit denen er diese Stücke auf Platte und zuletzt vor 27 Jahren in der Waldbühne gespielt hat. Am 11. September 1987 war das, und so manch einer der in Ehren ergrauten Fans im mit rund 19.500 Besuchern prall gefüllten Waldbühnenrund wird wohl schon damals diese großartige Band in diesem magischen Amphitheater erlebt haben.

In Ehren ergraut, aber Frische wie am ersten Tag

Bassist Tony Levin, Gitarrist David Rhodes, Keyboarder David Sancious und Schlagzeuger Manu Katché formieren die Band. Auch sie sind in Ehren ergraut, geben den Stücken aber eine spielfreudige Frische wie am ersten Tag. Über zwei Projektionswände links und rechts des Bühnenzelts laufen vor dem Konzert mit Handykameras aufgenommene Filmschnipsel. Von Menschen in Not. Von Menschen, die demonstrieren. Von Menschen, die von brutalen Schlägern niedergeknüppelt werden. „See it. Film it. Change it. Exposing The Truth”, lautet die Botschaft.

Peter Gabriel ist ein unprätentiöser Popstar. Er ist rundlicher geworden. Der Schädel ist kahl, das Bärtchen grau. Der 64-Jährige versucht erst gar nicht, sich auf betont jugendlich zu trimmen. Lässig schlendert er um 19.45 Uhr in der Abendsonne auf die Bühne, um die beiden skandinavischen Sängerinnen Jennie Abrahamson und Linnea Olsson anzukündigen, die mit Cello, Xylofon und betörenden Stimmen das Vorprogramm bestreiten. Sie werden später zur Band stoßen und Gabriel bei Klassikern wie „Don’t Give Up“ unterstützen.

Massenpicknick mit Kartoffelsalat aus der Tupperdose

Man kommt sich vor wie bei einem Massenpicknick mit Kartoffelsalat aus der Tupperdose und nicht wie bei einem Konzert mit einem der innovativsten, richtungweisendsten und konsequentesten Popstars der Rockgeschichte. Der Abend ist musikalisch von höchster Brillanz, aber völlig überraschungsfrei. Was auch daran liegt, dass Gabriel gleich zu Beginn wie der Maitre d’hotel in einem nostalgischen Edelrestaurant die Menü-Folge erläutert. Als Vorspeise gibt es einige akustisch gespielt Songs, als Hauptgericht mit voller Rockband-Besetzung all die Hits, die nicht auf „So“ vorkamen, und als Nachspeise wird das komplette Album „So“ gereicht.

Die letzten Sonnenstrahlen streifen den äußersten Rand der Waldbühne, als Gabriel den Abend am Flügel eröffnet, nur begleitet von Bassist Tony Levin, mit einem seit mittlerweile zwei Jahren unvollendeten Stück, das den Arbeitstitel „O But“ trägt. Er wolle demonstrieren, wie so ein Lied im Proberaum entsteht, aus dem gemeinsamen Spiel mit Worten und Harmonien nämlich. Er singt ein seltsames Kauderwelsch mit wehmütiger, angerauter Stimme, er legt sich so tief in den Song, dass er plötzlich auf bewegende Weise vollkommen wirkt. „Meine Frau hat gesagt, ich solle ankündigen, dass das Lied nicht fertig ist“, sagt er. „Sonst haltet ihr mich wohlmöglich noch für betrunken.“

Gabriel macht alle Ansagen auf Deutsch

Auch so eine charmante Eigenart von Peter Gabriel: Er macht all seine Ansagen auf Deutsch. Er liest die Texte von mitgebrachten Spickzetteln ab. „Heute ist das letzte Konzert dieser Tournee“, sagt er und dankt der Band, der Crew und ganz speziell Tour-Manager Dave T., Happy-Birthday-Singen inklusive. Deutsch ist ihm nicht fremd. Schließlich hat er ja schon 1980 Stücke wie „Spiel ohne Grenzen“ auf Deutsch gesungen. Oder „Jetzt kommt die Flut“, das er dann doch als kleine Überraschung in den Zugabenteil packt. Für die akustische Version von „Come Talk To Me“ erscheint die komplette Band, „Shock The Monkey“ klingt in abgespeckter Form mit Akkordeon und Akustik-Gitarren höchst überzeugend, und mit „Family Snapshop“ beginnt der Hauptgang.

Mitten im Stück wird der Sound elektrisch, laut und fordernd. Fünf roboterhaft mysteriöse Scheinwerferkräne werden zum Leben erweckt und von kräftigen Mitarbeitern in einer gespenstischen Science-Fiction-Choreografie über die Bühne gerollt. Sie schweben übers Areal, heben und senken sich, mal neugierig, mal leidend, mal bedrohlich. Sie tauchen die Hoffnung spendende Welt des Peter Gabriel erst in gleißend helles, später in buntestes Licht. Das ist imposant anzusehen. „Digging In The Dirt“ spielen sie und „Secret World“ und natürlich „Solsbury Hill“, den ersten Solohit von 1977, bei dem Gabriel auf charmant tapsige Art über die Bühne marschiert. Und nun ist es Zeit für die Nachspeise, die freilich der eigentliche Hauptgang ist und den Gästen übergangslos serviert wird.

Feurrot wird die Bühne bei „Red Rain“

Die Waldbühne erlebt das Gesamtkunstwerk einer Karriere. Das Lebenswerk eines Musikers, der immer versucht hat, neue Wege zu beschreiten, der mit düsteren Songs von Schmerz und Untergang und auch mal hemmungslos kitschigen Balladen die Welt ein bisschen besser machen will. Feuerrot wird die Bühne bei „Red Rain“ ausgeleuchtet. Kunstvolle Videoeinspielungen illustrieren die einzelnen Songs. Bei „Sledgehammer“, Gabriels größtem Hit, kommt Bewegung ins Freilichttheater. Auch auf der Bühne wird getanzt. Gabriel, flankiert von Bassist Levin und Gitarrist Rhodes, stakst im Rhythmus an die Rampe und zurück. Es ist nahezu dieselbe Choreografie wie vor 27 Jahren an dieser Stelle.

„Don’t Give Up“, die Mutmacher-Ballade, die Gabriel auf dem Album gemeinsam mit Kate Bush gesungen hat, erklingt nun im Duett mit einer hinreißenden Jennie Abrahamson. „Mercy Street“, das auf einem Gedicht von Ann Sexton basiert und mit einem wunderschönen A-cappella-Satzgesang beginnt, singt Gabriel auf dem Boden liegend, von den Roboterkränen auf unheimliche Weise beobachtet. Auch „This Is The Picture (Excellent Birds)“ erklingt, ein eher experimentelles Stück, das es nicht auf die Original-LP geschafft hatte, sondern erst später hinzugefügt wurde.

Tosender Applaus in der Waldbühne

„So“ erschien 1986 als Vinyl-Schallplatte. Damals musste man Songs mit kräftigem Basseinsatz an den Anfang einer LP stellen, weil die Rillen zum Ende hin zu eng wurden, um die volle Dynamik wiederzugeben. Deshalb war das von afrikanischen Beats geprägte Stück „In Your Eyes“, bei dem auf Platte der senegalesische Sänger Youssou N’Dour mitwirkte, das erste auf Seite zwei. Erst mit der CD-Version konnte das Stück wie geplant am Ende stehen. Was es nun auch in einer sehr langen Version und wieder mit Jennie Abrahamson, die den N’Dour-Part übernimmt, in der Waldbühne tut. Tosender Applaus wogt durch das Freilichttheaterrund. Einer Legende wird gehuldigt.

Unter stürmischem Jubel kehren die Musiker zurück. Gabriel singt, nur begleitet von Bassist Tony Levin, das abgründige „Jetzt kommt die Flut“ komplett auf Deutsch. Mit „The Tower That Ate People“ vom 2000er-Album „OVO“ ziehen sie nochmal alle Bühnenshow-Register. Einem Ufo gleich senkt sich ein gewaltiger Lichtkranz und nimmt Gabriel in einem sich bis zur Bühnendecke schlängelnden Gebilde gefangen. Als allerletzte Zugabe dann „Biko“ von 1980, das Lied, das Gabriel für den im Gefängnis zu Tode gefolterten südafrikanischen Anti-Apartheid-Aktivisten Steve Biko geschrieben hatte. Nach Ende der Apartheid hat er das Stück lange nicht mehr gespielt. Er widmet es nun all den mutigen jungen Menschen, deren neue Waffe gegen Lügen und Unterdrückung die Handykamera ist und die sich überall auf der Welt gegen Unrecht und Gewalt wehren. Er singt es mit stolz erhobener Faust. Die Waldbühne stimmt ein und singt den Refrain noch lange und lauthals mit.