Konzert

Meister-Gitarrist Jeff Beck rockt die Columbiahalle

Jeff Beck ist ein rastloser Musiker, der immer nach dem perfekten Ton sucht. Der Gitarrist lieferte seinen Fans in der Columbiahalle ein meisterhaftes Konzert mit einem einzigartigen Genre-Mix.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Gleißend-glühender Lava gleich schiebt sich ein wogender Sound durch die Columbiahalle. Mit an Industrial-Rock gemahnender Härte schabt Gitarrist Jeff Beck ein heftiges Riff aus den Saiten. Fauchend, fordernd und mit eruptivem Druck lässt er seine weiße Fender Stratocaster aufheulen bei "Loaded", dem Stück, mit dem der britische Gitarrenmeister am Freitagabend vor rund 1200 Besuchern sein Berlin-Konzert eröffnet. Er macht nicht viele Worte, er konzentriert sich ganz auf die Interaktion mit seinen drei Mitmusikern und lässt mehr als eineinhalb atemlose Stunden lang seine Gitarre sprechen. Und singen.

Ein rastloser Musiker. Immer auf der Suche nach dem perfekten Ton. Jeff Beck lässt sich nicht auf ein Genre festnageln. Man muss sich einlassen auf seine wilde Mischung aus Blues und Jazzrock, aus Funk, Balladen und Hardrock. Wie er die unterschiedlichen Stilistiken unter einen Hut bringt, ist imponierend. Seine Soli sind brillant, aber nie ausufernd. So macht er sich etwa das vielfach in Samples wiederverwertete Stück "You Know You Know" vom Debütalbum des Mahavishnu Orchestras virtuos zu eigen. Und Billy Cobhams pulsierender Kraftakt "Stratus" bringt die Halle in Bewegung.

Jeff Beck ist nicht der Typ, der sich langjährig an eine Band binden will. Er gehört zum legendären Gitarristen-Dreigestirn, das in den 60er-Jahren aus der britischen Rhythm'n'Blues-Band The Yardbirds hervorgegangen ist. Doch während Eric Clapton sich ganz dem Blues verpflichtete und Jimmy Page sein Heil bei Led Zeppelin fand, versuchte sich Jeff Beck immer wieder an Neuem. Ende der 60er-Jahre landete er einen poppigen Single-Hit mit "Hi Ho Silver Lining", gründete später seine Jeff Beck Group, zu der als Sänger Rod Stewart und als Bassist der spätere Faces- und Rolling-Stones-Gitarrist Ron Wood gehörten. Er gründete ein ambitioniertes Trio mit den ehemaligen Vanilla-Fudge-Musikern Tim Bogert und Carmine Appice, spielte mit Jazzrock-Keyboarder Jan Hammer.

Mehrere Grammys für bestes Instrumentenalbum

Doch bald konzentrierte er sich auf eine Solokarriere mit immer wechselnden Musikern, wurde mehrfach mit dem Grammy für das beste Instrumentalalbum ausgezeichnet. Die Lust am Experiment hat der von Musikerkollegen bewunderte Jeff Beck bis heute nicht verloren. Zur aktuellen Formation des 69-jährigen Perfektionisten zählen die Bassistin Rhoda Smith, die gut zehn Jahre lang zum Musikertross von Prince gehörte, der Schweizer Gitarrist Nicholas Meier sowie der jazzrockversierte Schlagzeuger Jonathan Joseph.

Jeff Beck kann sich auf sein Team verlassen. Und gibt den Musikern immer wieder Raum für wohldosierte Soloeinlagen. Beim Folksong-Klassiker "Danny Boy" lässt er die Saiten wehmütig weinen, bei Jimi Hendrix' "Little Wing" treibt er die Akkorde in schmerzvolle Ekstase, und den Funkbrecher "Why Give It Away" singt die stimmstarke Rhonda Smith und lässt den Daumen beim kraftvollen Slap-Bass-Spiel über die Saiten ploppen.

Gitarre stimmen auf offener Bühne

Jeff Beck spielt seine E-Gitarre ganz ohne Plektrum, moduliert die Töne per Lautstärkeregler und Vibratohebel, wechselt auch nicht ständig das Instrument, stimmt auch mal die Gitarre, wenn es sein muss, einfach auf offener Bühne. Und er hängt – man sieht das selten heutzutage – am langen Kabel, das im Marshall-Verstärker an der Bühnenseite steckt. Ganz klassisch, ganz unprätentiös, ganz auf das Wesentliche konzentriert.

Mit wunderbarer Wandlungsfähigkeit und Gespür für Melodien lässt er sein Instrument mit Gefühl und Härte jauchzen und schluchzen, fauchen und jubilieren. Der Sound in der Halle ist brillant und lautstark, das Publikum nach dem wortlosen Beatles-Cover "A Day In The Life" in einhelliger Applaus-Laune. Im Zugabenteil kommt mit "Rollin' and Tumblin'" auch noch der klassische elektrische Blues zu seinem Recht. Und zum Abschied gibt's eine Soulballade. Meisterhaft.

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